Die Jodler singen, die Bösen schwingen

Interlaken erlebt beim Unspunnenfest ein Stück Schweizer Heimat. Impressionen und Seitenblicke von der Schwinget.

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Der Prophet ist am falschen Ort. ­Matthias Glarner steht nicht im Sägemehlring, sondern sitzt auf den Presseplätzen, zuoberst auf einer der vier Stahlrohrtribünen. Es ist ein Wunder, dass er hier in Interlaken ist, und eine kleine Leistung dazu.

Zwei Monate ist es her, dass er bei Fotoaufnahmen von einer Gondel stürzte. Das Becken wurde dabei ­gesprengt und das Sprunggelenk massiv beschädigt. Noch jetzt sagt er: «Ich habe sehr viele Schutzengel gehabt.» Er weiss, der Unfall gehört fortan zu seinem Weg und seiner Geschichte. Die Leistung ­erbringt er schon am frühen Sonntagmorgen. Trotz Krücken schafft er es die 40 engen Stufen hoch auf die Tribüne.

Aufgeregt ist er an diesem Tag, als er sich daheim in Meiringen auf den Weg macht. Er fühlt sich wie vor einem Jahr, als er nach Estavayer fuhr und Schwingerkönig wurde. Als er in Interlaken ­eintrifft, muss er sich beruhigen, so sehr gehen seine Emotionen hoch. «Du bist nur Zuschauer», mahnt er sich. Als er sich das eingeredet hat, spürt er: «Äs fägt nöd», es macht keinen Spass.

«Jetzt wird es schwer, Stucki zu stoppen»

Trotzdem ist er da, weil er weiss: Er könnte auch in der Karibik sein und in Gedanken gleichwohl auf der Höhenmatte, mitten in Interlaken, mit freiem Blick auf die Jungfrau. Er tut, was er kann, und will seiner Berner Schwingerfamilie mit seiner Anwesenheit helfen. Darum hinkt er auf Krücken mit, als die Athleten um halb acht Uhr in die Arena marschieren. Was er sieht, verheisst nichts Gutes für die Gegner der favorisierten Berner Armada: Er sieht viel ­Entschlossenheit in den Gesichtern von Stucki, Sempach oder Wenger.

Fahnenschwinger zeigen ihr Können. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Christian Stucki legt seinen ersten Gegner gleich ins Sägemehl, Daniel Bösch, den ähnlich hünenhaften Titel­verteidiger. Glarner prognostiziert: «Jetzt wird es schwer, Stucki zu stoppen.»

In der «SonntagsZeitung» steht über Glarner: «Der hat einen guten Kurz, einen guten Fussstich, ist sehr schnell und kann gut kontern. Aber damit hat es sich auch schon. Dass er vor seinem ­Unfall in dieser Saison keinen Wettkampf mehr für sich entscheiden konnte, ist kein Zufall.» Ernst Schläpfer hat das ­gesagt, zweifacher Schwinger­könig in den 80er-Jahren und kritischer Beobachter seines Sports. Schläpfer glaubt auch, das sportliche Niveau sei ­gesunken. Nur ein Sempach Matthias und ­Orlik Armon seien Ausnahmefiguren.

«Gruss dem Ernst»

Glarner liest es, nimmt dem Journalisten den Notizblock weg, weil er nicht will, dass man schreibt, was er wirklich darüber denkt. Dann sagt er mit einem Schmunzeln: «Es ist eine Meinung.» Und schiebt nach: «Wenn man das kann, was er von mir sagt, ist das doch auch gut.»

Gottlieb ist der Siegerpreis, ein Muni von 1200 Kilo Gewicht und 10 000 Franken Wert. Er wird in die Arena geführt wie alle anderen Lebendpreise. Stolz macht er die Runde. Glarner ist einer seiner Göttis. Mehr schaut er aufs Schwingen. Ihm gefällt, was er geboten bekommt, solange die Athleten bei Kräften sind. «Visier auf und Vollgas!», so werde gekämpft. Darum noch eine Bemerkung Richtung Schläpfer: «Gruss dem Ernst.»

Im Rücken der Arena arbeiten die Steinstösser an der Qualifikation für ihren Final. Der grosse Mann dieses eigenwilligen Sports ist unübersehbar. Peter Michel geniesst die Luft auf 1,98 m. Er hat Heimspiel, er ist aus Interlaken, wo er für die SVP im Gemeinderat das Ressort Sicherheit führt. Die Beine sind gezeichnet, nicht weil ihm der Stein darauf gefallen wäre, «ein Arbeitsunfall», sagt er, er betreibt eine Schreinerei.

«Es wird heiss heute», verspricht die Speakerin, «es ist ganz wichtig, dass ihr viel trinkt.» Getrunken wird genug, obschon es nicht heiss wird.

1999 begann er mit dem Steinstossen, 2004 intensivierte er das Training, zwischen 2007 und 2013 gewann er 59 von 60 Wettkämpfen, darunter dreimal das Eidgenössische und einmal das Unspunnen mit dem 83,5 Kilo schweren Stein. Jetzt tritt der 46-Jährige ein letztes Mal zu einem grossen Fest an, nachdem er auch letzte Woche fünfmal am Morgen trainiert hat. Im seinem ersten Versuch stolpert er und liegt mit seinen 130 Kilo flach auf dem Boden. Er ist von der Rolle und wird nur Dritter mit 3,12 m, 59 cm hinter Sieger Remo Schuler. Es ist kein strahlendes Ende seiner Laufbahn. Eigentlich wollte er schon vor vier Jahren aufhören, «aber ich bin ein Werbeträger für Interlaken», sagt er, «darum habe ich noch weitergemacht».

Die Zimmer in den lokalen Hotels ­haben in der Nacht auf den Sonntag 600 und mehr Franken gekostet, und das nicht nur im Victoria-Jungfrau. 15 800 Zuschauer drängen sich auf den Tribünen. «Es wird heiss heute», verspricht die Speakerin, «es ist ganz wichtig, dass ihr viel trinkt.» Getrunken wird genug, obschon es nicht heiss wird. Aber nicht Wasser, sondern Bier, das Lieblings­getränk von Steinstösser Michel. Toi-toi sind als Toiletten aufgebaut, zwei Meter daneben stehen die Festbänke und wird gegessen. Die Hygiene hat bei einem solchen Anlass nicht erste Priorität.

Christian Stucki (Lyss, oben) siegt im Schlussgang gegen Curdin Orlik (Kandersteg) und gewinnt das Unspunnen-Schwinget vor 15800 Zuschauern. Foto: Albert Rene Kolb (foto-net)

Der Jodlerclub Haberkern singt «Ä schöns Dihei», während die Bösen aufeinander losgehen. Alphörner werden ­geblasen und Fahnen geschwungen. Am Nachmittag während des Festakts werden zuerst Treicheln geschwungen und dann Reden gehalten. Ohne Pathos geht es nicht. OK-Präsident Hannes Rubin: «Wir alle dürfen zufrieden sein, dass wir einen solchen Anlass in Gemütlichkeit und Zufriedenheit erleben dürfen. Das ist Heimat.» Bundesrat Guy Parmelin: «Das ist einmalig. Ich habe schon um 7.30 Uhr bei der Nationalhymne Hühnerhaut bekommen. Ich kann nur sagen: Bravo!»

Geisslechlöpfer, keine Petarden

Parmelin führt die lange Liste der ­Ehrengäste an. Vor der Mittagspause meldet die Speakerin: «Die Ehrengäste dürfen gern zum Apéro und zum ­Essen. Sie sind eingeladen.» Das ist vielleicht nicht unwichtig zu wissen.

Hanspeter Latour kann gut darauf verzichten. Er hat die Verpflegung im Rucksack dabei. Der frühere Fussballtrainer ist ein leidenschaftlicher Beobachter des Schwingsports. «Dä Gränni isch au da», hört er dann von Leuten, die ihn erkennen. Der Spruch vom «Gränni», den er auf Servettes Spieler Goran Obradovic münzte, weil er dauernd zu Boden gehe, hat ihn einst als Trainer des FC Thun bekannt gemacht. Es freut Latour, dass er nicht vergessen ist.

Video: Christian Stucki ist Unspunne-Sieger

Vor sieben Jahren kam er mit dem Schwingen in Kontakt, als er von den ­damals leidenden Berner Bösen für einen Motivationsvortrag eingeladen wurde. «Einer, der im Saal sitzt, kann den Muni heimnehmen», sagte er ihnen. Das muss geholfen haben, Kilian Wenger gewann das Eidgenössische von Frauenfeld. Dabei denkt Latour: «Der hätte auch ohne mich gut geschwungen.»

«Was der schon alles an Verletzungen hatte! Kreuzbandriss, Fussgelenk kaputt, Schulter ausgekugelt.»Fussballtrainer Hanspeter Latour über Thomas Sempach

Um Thomas Sempach kümmert er sich heute noch ein wenig. Als Mental­coach sieht er sich nicht, nur als einer, der ihm gut zureden will. Er hält es ­dabei einfach: «Er schwingt nur gegen einen Schwinger und nicht gegen einen mit vielleicht grossem Namen.» Thomas Sempach hat schon 89 Kränze gewonnen. Das ist beachtlich für einen, der Bauer ist und zudem auf dem Bau arbeitet. Und von dem Latour auch sagt: «Was der schon alles an Verletzungen hatte! Kreuzbandriss, Fussgelenk kaputt, Schulter ausgekugelt.»

Im Hintergrund knallt es. Das seien keine Petarden wie beim Fussball, erklärt Latour, sondern Geisslechlöpfer. Morgen trifft er sich mit Matthias Glarner in Solothurn zu einem Talk, bei dem es um die Gegensätze von Fussball und Schwingen geht. Aber jetzt drängt es ihn zurück in die Arena. Zum Abschied sagt er: «Wer gewinnt? Wenn ich nicht Stucki sagen würde, könnte man mir schon vorhalten, ich hätte vom Schwingen keine Ahnung.»

Bilder: Und so wurde geschwingt

Erstellt: 27.08.2017, 23:56 Uhr

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