Topnoten für den Herrscher

Matthias Sempach tritt in Estavayer an, um sich erneut zum Schwingerkönig zu krönen. In seiner dreijährigen Regentschaft hat er viel gezeigt, viel bewegt und viel gelernt.

Vor dem grössten oder dem letzten Auftritt als König? In Matthias Sempachs Alter hat in der Neuzeit niemand die eidgenössische Krone gewinnen können. Foto: Tissot

Vor dem grössten oder dem letzten Auftritt als König? In Matthias Sempachs Alter hat in der Neuzeit niemand die eidgenössische Krone gewinnen können. Foto: Tissot

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Würde bedeutet immer auch Bürde. Und für einen, der Sempach heisst und König der Eidgenossenschaft wird, in besonderem Mass. Drei Jahre lang das Oberhaupt der Schwinger zu sein, ist mit allerlei Pflichten verbunden. Die Anforderungen sind vielfältig: Der König muss Vorbild sein, die Traditionen pflegen, als Botschafter des Schwingens eine gute ­Figur machen und auch sportlich den Ton angeben. «Ich bin froh, dass ich vor drei Jahren, als ich Schwingerkönig wurde, nicht 20, sondern schon 27 war», sagt Matthias Sempach heute, wenn er auf seine drei ­Königsjahre zurückblickt.

War er ein würdiger Schwingerkönig, was hat er für seinen Sport getan, und was ist ihm nun mit 30 noch zuzutrauen? Der Königscheck mit fünf Kriterien.

Welche Note gibt es für die sport­liche Bilanz von Matthias Sempach?

Um es mit dem im Schwingen üblichen Notenblatt auszudrücken: für die erste Königssaison 2014 eine 10 und für 2016 eine 9,75 – die bei einer ­Titelverteidigung ebenfalls zur 10 mutieren würde. 2015 musste er die Saison früh abbrechen.

Im ersten Amtsjahr 2014 schwang der 1,94 Meter grosse und 110 Kilo schwere Athlet unwiderstehlich. Er gewann fünf Kranzfeste, holte zehn Kränze und ­sicherte sich mit dem Sieg beim Kilchberger Schwinget seinen zweiten eid­genössischen Titel. Nur gut fünf Sekunden brauchte er im Schlussgang, um ­Philipp Laimbacher ins Sägemehl zu ­betten. 2016, nach der langen Verletzungspause, gewann er drei Kranzfeste, darunter die Bergfeste am Schwarzsee und auf der Rigi. Auf dem Brünig schliesslich holte er seinen 100. Kranz.

Wie hat er die schwierigen Momente in den drei Jahren gemeistert?

In der Saison 2015 peilte Sempach bereits den 100. Kranz an und wollte endlich auf der Schwägalp gewinnen. Doch schon im Mai passierte das, wovon er in seiner Karriere lange verschont geblieben war: Er verletzte sich schwer. Der ärztliche Befund – eine Sprunggelenkssprengung mit mehreren Bänderrissen am Innenknöchel sowie zwischen Schien- und Wadenbein – bedeutete das frühe Ende der Saison. Der Schwinger­könig tat das, was er als eine seiner Stärken bezeichnet: positiv denken. «Es ist ja nicht das Ende meiner Karriere, und es gibt ja Schlimmeres im Leben, als ein paar Schwingfeste zu verpassen», sagte der Pechvogel damals. Dennoch: Die Wartezeit war lang, forderte viel Geduld. Als sich 2016 die lang ersehnte Rückkehr wegen einer Brustmuskelzerrung erneut verzögerte, riss auch beim sonst beherrscht und kontrolliert auftretenden König der Geduldsfaden. «Zum Kotzen» sei die Situation, liess er seinem Frust freien Lauf. Dank seiner Reife und seiner mentalen Stärke fand er aber rasch aus dem Tief heraus. Bereits das Kranzfest in Hindelbank beendete er wieder dort, wo ein König hingehört: auf Platz 1.

War Matthias Sempach ein populärer Schwingerkönig?

Medientermine, Interviews, öffentliche Auftritte – all dies war lange nicht das, was Matthias Sempach gerne tat. Als er sich 2013 zum König krönte, war Christian Stucki mit seiner Gutmütigkeit, seinem lockeren Auftreten und seinem Schalk populärer – oder zumindest beliebter. Der Alchenstorfer war nie ein Showman, sondern stets der Bescheidene, der Kontrollierte. Er hatte lange nicht die Gabe, sich gut zu verkaufen, «er war in diesem Bereich kein Natur­talent», wie sein Manager Roger Fuchs sagt. Doch Sempach sei hineingewachsen in diese Aufgaben, «er hat es gelernt, wie es bei Matthias immer der Fall ist». Dass er im Dezember 2014 Vater wurde, tat ihm gut, Sempach wurde ­lockerer. Ab und an erweckt er bei seinen ­öffentlichen Auftritten inzwischen gar den Eindruck, richtig Spass an der Sache zu haben. Auch in Interviews gibt er nun mehr von sich preis, lässt die Umwelt vermehrt teilhaben am Leben eines Schwingerkönigs. Trotzdem: Sich anständig geben, nichts Falsches sagen, den Gegner respektieren, nett sein – all dies wird immer seine Richtschnur bleiben. Er ist keiner, der rebelliert, der aneckt – und wird es wohl auch nie sein. Anderes würde auch nicht zu seinem Charakter passen. Sempach ist auf eine besondere Art sehr authentisch. Und damit hat er in den letzten drei Jahren viele Sympathien gewonnen.

Wie hat er als Schwingerkönig seinen Sport geprägt?

Auch wenn dies Traditionalisten nicht gerne sehen: Der Schwingsport tendiert dank der Popularität zu weiterer Professionalisierung und Kommerzialsierung. Sempach hat als Schwingerkönig in diesem Bereich neue Massstäbe gesetzt, an denen sich die aufstrebenden Talente orientieren werden. Noch nie wurde ein Schwinger so gut und gezielt vermarktet. Das ermöglicht ihm ein Alltagsmodell mit Halbprofistatus: Er arbeitet an zwei ­Tagen pro Woche als Aussendienst­mitarbeiter eines Futtermittelherstellers, kommt während eineinhalb ­Tagen Sponsorenverpflichtungen nach und hat die restliche Zeit für Sport und Familie zur Verfügung. Wer in Zukunft zu den ­Besten gehören will, wird diesen oder zumindest einen ähnlichen Weg gehen müssen.

Ist er fähig, seinen Titel am Eidgenössischen zu verteidigen?

Mit 30 Jahren und älter hat seit 1940 nie mehr ein Schwinger den Königstitel ­geholt. Nicht einmal Jörg Abderhalden, dem dreifachen Gewinner des Eidgenössischen, ist dies gelungen. Sempach sagt selber, dass er sich «nicht mehr fühlt wie ein 20-Jähriger, dass der Körper heute mehr Pflege braucht». Trotzdem hat er den Vorteil, dass er weiss, was es braucht, um den Titel zu holen, wie er die beiden Tage einteilen muss. «Das ist noch keine ­Garantie, dass es klappt», mahnt er. Sein Saisonaufbau, seine starken Auftritte am Schwarzsee und auf der Rigi und seine in Burgdorf und Kilchberg dokumentierte ­Fähigkeit, an den Höhepunkten in Bestform zu sein, machen ihn heute und morgen in Estavayer zum Favoriten.

Erstellt: 26.08.2016, 23:13 Uhr

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