Sein Doppelpack kaschiert vieles

Im Winter machte Trainer Ludovic Magnin Kevin Rüegg zum jüngsten Captain der Liga. Es gab schon angenehmere Zeiten, um beim FCZ Verantwortung zu übernehmen.

Kevin Rüegg wird gefeiert: Mit zwei späten Toren hat er die Partie gegen Xamax gedreht. Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)

Kevin Rüegg wird gefeiert: Mit zwei späten Toren hat er die Partie gegen Xamax gedreht. Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)

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Für einen 20-Jährigen hält sich Kevin Rüegg in den sozialen Medien ziemlich zurück. Inhalte teilt er sparsam. Und wenn er doch mal etwas preisgibt, dann handelt es sich meist um einen kostbaren Moment. Wie etwa das jüngste Bild, das er am Wochenende auf Instagram postete. Es zeigt, wie Rüegg von FCZ-Kollegen geherzt wird. Dazu schreibt er: «Wichtige Punkte.» Und: «Erster Doppelpack in der Super League.»

2:1 gewinnt der FC Zürich auswärts gegen Xamax. Dank Rüegg. Ihm, dem in seinen 54 Super-League-Partien zuvor kein einziges Tor gelang. Es ist eine schöne Geschichte, die bei den Zürchern vieles kaschiert. Sie bieten einmal mehr Fussball von überschaubarer Qualität. Hinten anfällig, vorne unauffällig. Und hätte er nicht die beiden Tore in der Schlussphase erzielt, wären sie durchaus angebracht gewesen: die Beanstandungen am Spiel des Captains. Schliesslich prägt Rüegg das FCZ-Spiel längst nicht mehr so, wie er das noch im vergangenen Herbst tat.

Manchmal geht er unter

Ihm fehlt zuweilen das Auflehnende, das Mitreissende in seiner Körpersprache. Manchmal geht er trotz seines robusten Körpers unter, weil er oft nicht da ist, wo auf dem Platz die emotionalen Duelle ausgefochten werden. Das mag daran liegen, dass er oft als rechter Verteidiger eingesetzt wird. Aber auch daran, dass er die Reibereien nicht aktiv sucht. Dass ein 20-jähriger Fussballer mal schwankt, ist nicht aussergewöhnlich. Nur fällt das eben umso mehr auf, wenn er die Binde am Oberarm trägt. Rüegg bringt das nicht aus der Ruhe. Er sagt: «Mit meinem Einsatz will ich die Mannschaft mitziehen. Das versuche ich in jedem Spiel.» In seinen Aussagen schwingt auch immer der Vorsatz mit, sich treu zu bleiben. Sich auf seine eigenen Stärken zu besinnen. Sich nicht zu verstellen. Oder eben: Rüegg zu bleiben.

Er schätzt es, dass ihn arrivierte Mitspieler wie Alain Nef und Yanick Brecher in seiner Führungsrolle unterstützen. «Ich profitiere sehr von ihnen.» Rüegg ist keiner, der gern ausschweifend über sich redet. Er zieht es vor, den Fokus der Gespräche auf das Kollektiv zu legen. Aber das ist an Abenden wie jenem in Neuenburg unmöglich. Nach dem Spiel lächelt er schelmisch und sagt, dass er eigentlich nie Tore erziele. «Umso glücklicher bin ich, dass ich diese zwei wichtigen Treffer beisteuern konnte.»

Trotz wundersamer Wende in der Maladière bleibt Rüegg nüchtern. Wie bisher immer in seiner Karriere. Rüegg, das ist das Zürcher Eigengewächs, das im Februar 2017 in der Challenge League debütierte. Ein paar Monate später kehrte der FCZ in die Super League zurück und stattete sein Talent mit dem ersten Profivertrag aus. 2018 gewann Rüegg mit seinem Team den Cup, im Herbst folgten erste starke Auftritte in der Europa League. Und seit dem Beginn der Rückrunde ist der junge Mann offiziell Captain. Mit 20 Jahren der jüngste der Liga.

Trainer Ludovic Magnin wählte Rüegg, den er schon aus gemeinsamen Zeiten in der U-18 des FCZ kannte. Vorbild solle er sein. In Sachen Arbeitsethos. In Sachen Leidenschaft. Eine Identifikationsfigur. Rüegg erbte die Binde vom Isländer Victor Pálsson, dessen Wert sie beim FCZ vielleicht erst heute wirklich erkennen. Mit dem Mittelfeldspieler, der sich nach Darmstadt aufmachte, verlor der Club einen der letzten Anführer im Kader.

Plötzlich musste der ruhige Rüegg diesen präsenten Pálsson ersetzen. Er, der selbst von sich sagt, kein Lautsprecher zu sein. Es hätte durchaus angenehmere Ausgangslagen geben können, um beim FC Zürich Spielführer zu werden. Heute sagt Rüegg: «Der Start war nicht einfach.»

Jeder hat etwas zu sagen

Das Talent verpasste verletzungsbedingt den Beginn der Rückrunde, musste erleben, wie sein Team inklusive Europa League gleich vier Niederlagen zu verdauen hatte und nur einmal – gegen ein schwaches GC – gewann. Der FCZ machte kaum Fortschritte. Auch nicht, als Rüegg zurückkehrte.

Nach seiner Genesung habe er wieder gut ins Team reingefunden, sagt Rüegg. «Wir haben ein so gutes Team. Jeder hat etwas zu sagen. Die Captainbinde macht da keinen grossen Unterschied.» Rüeggs Worte implizieren, dass es nicht an starken Persönlichkeiten mangelt. Demgegenüber stehen jedoch die wiederholt seltsamen Auftritte in der Rückrunde. Die Zürcher blieben fragil. Deswegen liegen sie trotz des Sieges in Neuenburg nur vier Punkte vor dem Barrageplatz.

Für Rüegg sind es bewegende erste Monate als FCZ-Captain. Assistenztrainer René van Eck sagt: «Es ist sicher nicht schlecht für ihn, dass nicht immer alles optimal verlaufen ist. Dadurch wird er nur noch besser und grösser.» Nach dem Doppelpack in Neuenburg will Rüegg auch heute gegen den FC Thun wieder Vorbild sein. Es müsste aber wohl einiges passieren, damit er schon wieder auf den sozialen Medien aktiv wird.

Erstellt: 14.05.2019, 23:52 Uhr

FCZ: Die Rückkehr des Trainers

«Ich bin froh, dass ich wieder Trainer sein kann», sagt Ludovic Magnin vor dem Heimspiel gegen Thun. Nur um mit einem Lachen anzufügen: «Und dass ich an meinem Verhalten an der Seitenlinie arbeiten kann.» Der FCZ-Trainer war nach dem 1:3 im Cup-Halbfinal gegen Basel wegen Schiedsrichterbeleidigung für drei Spiele gesperrt worden. «Eine mühsame Plagerei» sei es auf der Tribüne gewesen, sagt er. Sein Ersatz und Assistent René van Eck hat zwei der drei Partien gewonnen, zuletzt das womöglich wegweisende Duell gegen Xamax. «Ich wusste stets, was ich an René habe und warum er so wertvoll für das Team und mich ist», sagt Magnin. Gegen Thun hält der Chef wieder die Zügel in der Hand. Den Gegner sieht er mit seinem Team auf Augenhöhe. Es gehe nun diese Woche darum, «erst einmal den Klassenerhalt in dieser verrückten Liga zu schaffen». (erh)

GC: Erste Stadionverbote ausgesprochen

Die Swiss Football League hat wie versprochen schnell gehandelt: Nach dem Spielabbruch in Luzern spricht sie gegen fünf GC-Chaoten schweizweite Stadionverbote aus. Die Massnahmen treten mit sofortiger Wirkung in Kraft. Die Liga war mit dem Gesuch an die Polizeibehörden gelangt, die 57 Personen, die das Spielfeld betreten hatten, zu identifizieren, damit gegen sie alle ein Stadionverbot ausgesprochen werden kann. Nun wurden die ersten Ausschlüsse verhängt. Zu den Sanktionierten gehört der ehemalige Neonazi Stefan N. Die Verbote gelten für die beiden höchsten Meisterschaften im Fussball und Eishockey und dauern zwischen 3 und 5 Jahren.

Derweil hat die GC-Kurve Stellung zu den Vorfällen in Luzern bezogen. Deren Dachorganisation «Sektor IV» schreibt in einem Communiqué, dass die Aktion, die zum Spielabbruch führte, nicht geplant, sondern spontan gewesen sei: «Aus den Emotionen heraus stiegen die Fans über die Abschrankungen und setzten dem Trauerspiel ein noch traurigeres Ende.» Dazu distanziert sich die GC-Kurve von Darstellungen, sie sei von rechtsextremem Denken beeinflusst: «Rassismus, faschistisches Verhalten und jegliche andere Art von extremistischem Verhalten werden in der Kurve nicht toleriert – fehlbare Exponenten auch gerne mal unsanft ausgeschlossen.» (red/sda)

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