«Seine Speed-Begehungen waren nicht Ausdruck einer Rekordsucht»

Fotograf Röbi Bösch wollte Ueli Steck am Everest treffen. Was er zum Tod seines Freundes sagt.

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Röbi Bösch, Sie sind in Kathmandu, wollten Ueli Stecks Everest-Lhotse-Projekt fotografisch dokumentieren. Nun ist Ihr Freund tot. Wissen Sie, was genau geschehen ist?
Ueli befand sich am Sonntag im Camp zwei auf rund 6400 Metern. Er bereitete sich auf die Everest-Lhotse-Überschreitung vor, allerdings war sein Partner Tenji Sherpa wegen Erfrierungen an den Fingern ausgefallen. Zunächst wollte Ueli zur weiteren Akklimatisierung zum Südsattel aufsteigen, entschied sich dann aber, Richtung Nuptse zu gehen. Er besass auch die Bewilligung für diesen Berg. Gegen neun Uhr am Sonntag stürzte er in der Nuptse-Flanke aus rund 7400 Metern etwa 1000 Meter in die Tiefe. Weshalb er gestürzt ist, weiss niemand.

«Die Verhältnisse waren wohl gut, sonst hätte er die Tour nicht unternommen.»Röbi Bösch, Fotograf

Wie anspruchsvoll ist die Nuptse-Flanke, und wie waren die Verhältnisse?
Der Nuptse ist eine anspruchsvolle Bergtour, aber nichts, was für Ueli am Limit wäre. Ein Moment der Unachtsamkeit oder der Verlust eines Steigeisens können auch in weniger heiklem Gelände fatale Folgen haben. Die Verhältnisse waren wohl gut. Bei schlechten Verhältnissen hätte er diese Akklimatisierungs-Tour nicht unternommen.

Video – 82 Viertausender in zwei Monaten:

Die erfolgreichsten Momente des Tempo-Alpinisten Ueli Steck. (Video: Tamedia/Mit Material von Facebook/Ueli Steck und Samcam.film)

Wurde der Unfall beobachtet?
Bergsteiger haben den Unfall von Camp 1 und Camp 2 aus beobachtet. Sie schlugen Alarm, und ein Helikopter flog danach zur Unfallstelle. Für Ueli kam aber jede Hilfe zu spät.

Wer war Ueli Steck für Sie?
Ueli war ein sehr guter Freund, ein aussergewöhnlich starker Bergsteiger, ein Partner, auf den man sich jederzeit verlassen konnte. Wir haben mehrere Projekte miteinander realisiert, und so wollten wir es auch bei der Everest-Lhotse-Überschreitung tun. Ich wäre im Verlauf der nächsten Woche zum Everest-Basiscamp aufgebrochen. Erst langsam realisiere ich, was geschehen ist und wie unwiderruflich es ist.

«Erst langsam realisiere ich, was geschehen ist und wie unwiderruflich es ist.»Röbi Bösch, Fotograf

Es gibt Stimmen, die nun sagen, wer derart ans Limit geht wie Ueli Steck, muss damit rechnen, dass er eines Tages nicht mehr zurück kommt.
Ueli war nicht am Limit, als der Unfall geschehen ist. Ein solcher Unfall kann bei jeder Bergtour geschehen. Das ist das Risiko, das jeder Alpinist eingeht: Wer in die Berge geht, muss sich bewusst sein, dass er dort ums Leben kommen kann. Zweifellos hat sich Ueli stärker als andere exponiert, aber er war jeweils minutiös vorbereitet. Und seine Speed-Begehungen waren nicht Ausdruck einer Rekordsucht. Es ging darum, wie man sich am Berg möglichst effizient verhalten kann.

«Wer in die Berge geht, muss sich bewusst sein, dass er dort ums Leben kommen kann.»Röbi Bösch, Fotograf

Was ist das Erbe von Ueli Steck?
Er hat eine Türe zu neuen Dimensionen im Höhenbergsteigen geöffnet. Andere sind auch schon in diese Richtung gegangen – Ueli hat es vielleicht am konsequentesten gemacht. Ueli hat gezeigt, wie man mit Können und Schnelligkeit Projekte verwirklichen kann, die zuvor undenkbar waren. Dadurch hat er die Schwerfälligkeit des klassischen Höhenbergsteigens überwunden. Mit seiner Solo-Durchsteigung der Annapurna-Südwand hat Ueli definitiv Grenzen verschoben.

Erstellt: 01.05.2017, 17:51 Uhr

Robert Bösch ist ein Schweizer Fotograf und Bergsteiger. Er arbeitete eng mit Ueli Steck zusammen. (Bild: PPR/Keystone)

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