Sie haben nur ihre Surfbretter, aber keinen Plan B

Swen und Michael Zaugg sind die besten Schweizer Surfer. Doch der Weg nach Tokio 2020 ist steinig.

Ungewohnte Umgebung: Michael und Swen Zaugg trainieren auf einer künstlichen Welle im Luzernischen. (Video: Anja Stadelmann)

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«Ich wär so gern Surfer, eifach so chli Wälle riite», singt Stefan Buck, Frontmann und Songwriter der Mundartband Hecht im gleichnamigen Lied «Surfer». Es ist der Ausdruck eines Traums, eines Lebensgefühls, das einen als Zuhörer überkommt.

Swen (25) und Michael Zaugg (23) träumen nicht nur davon, Surfer zu sein, sie sind es, und zwar die besten der Schweiz. Swen ist aktueller Schweizer Meister, sein Bruder Vizemeister. Ihr ganz grosser Traum ist die Teilnahme an Olympischen Spielen.

Die Schweiz ist ihre zweite Heimat, Costa Rica ihr Zuhause

Es ist ein sonniger, aber kühler Morgen im Oktober in einem Einkaufszentrum in der Nähe von Luzern. Hier befindet sich die erste künstliche stehende Surfwelle der Schweiz, 2018 wurde sie eröffnet. In einem 20 mal 28 Meter grossen und bis zu zwei Meter tiefen Becken können sich hier Kinder und Erwachsene, Anfänger und Profis in die Fluten stürzen.

Eine künstliche Welle macht es möglich: Surfen in einem Land ohne Meer. (Bild: Samuel Schalch)

Das machen an diesem Tag auch die beiden Brüder, die mit ihrer braungebrannten Haut und ihren gestählten Körpern einem typischen Surfer-Film entsprungen scheinen. «Klar, es ist vielleicht nicht die ökologischste Art des Surfens, aber zum Trainieren, in einem Land ohne Meer, absolut ideal», erklärt Swen, der Ältere.

Ein Land ohne Meer, das kennen die beiden sonst nicht. Sie sind nur zu Besuch in der Schweiz, wo sie sich jedes Mal aufs Neue wieder wohlfühlen. Mitte der 90er-Jahre wanderten die Eltern mit dem drei Monate alten Swen aus, von Diessbach bei Bern nach Costa Rica, aus dem Seeland in den Dschungel. Der Vater arbeitete als Leiter einer Baufirma, die Mutter als Coiffeuse am Strand.

Als Geschwister spornen sie sich gegenseitig an

Direkt am Meer aufgewachsen, wird alles rund ums Wasser schon früh zur Passion für Swen und Michael, der bereits als Dreijähriger das erste Mal auf einem Surfbrett steht. Doch so richtig gepackt hat es die beiden erst im Alter von elf Jahren. «Ich habe meinen Bruder beim Surfen beobachtet und wollte immer gleich gut und gleich schnell sein», sagt der Jüngere.

Es ist auch das, was die beiden heute noch antreibt und motiviert – immer das Beste aus sich herauszuholen. Kein Neid, als Swen vor Michael bei den im spanischen Loredo ausgetragenen Schweizer Meisterschaften triumphierte? «Nein», kommt die Antwort sofort. «Wir sind nur so gut, weil wir uns gegenseitig pushen. Dieses Mal habe ich gewonnen, das nächste Mal gewinnt er», sagt Swen.

Als Brüder kennen sie das Gefühl, gemeinsam im Wasser zu sein. (Bild: Samuel Schalch)

Die Schweizer Meisterschaften dominieren sie seit Jahren, als beste und einzige Schweizer Surfer nehmen sie an Wettkämpfen der Profiliga World Surf League teil. Dort vor allem auf der Stufe der sogenannten Qualifying Series, die als Vorstufe zur Championship Tour der 34 besten Surfer der Welt dient. Davon schaffen es jedoch nur zehn nach Tokio, wo Surfen 2020 erstmals zu den olympischen Disziplinen gehört. Allerdings liegen die letzten Wettkämpfe der Gebrüder Zaugg in der Qualifying Series inzwischen zwei bis drei Jahre zurück.

Ein Start in Tokio 2020 ist alles andere als realistisch

«Uns fehlen grosse Sponsoren. Jeder Event ist letztendlich eine Preisfrage», erklären sie. 40'000 Dollar kostet eine Saison pro Kopf. Verdienen tun sie in Costa Rica 10'000. Und dafür müssen sie hart arbeiten, sieben Tage die Woche. Gemeinsam bieten sie Fischer- und Schnorcheltouren sowie, natürlich, Surfstunden an. Damit kommt jeder auf einen Monatslohn von 600 Dollar. Um die Welt zu jetten und immer die nächste Welle zu jagen, ist bei diesem Verdienst schwierig. Nur müssen sie Events fahren, um Punkte zu gewinnen, in die Championship Tour aufzusteigen und für Sponsoren attraktiver zu werden – ein Teufelskreis.

«Surfen ist einfach cooler, als zum Beispiel immer dieselbe Halfpipe zu fahren. Surfe ich auf 50 Wellen, dann sind alle unterschiedlich.»Swen Zaugg

Somit ist eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Japan nächstes Jahr auch alles andere als realistisch. Ihr grosses Ziel bleibt Frankreich 2024. Bis dahin stufen sie auch die Qualifikationschancen höher ein, ist doch das Verfahren für Tokio hochkomplex und das Teilnehmerfeld mit insgesamt nur 20 Surfern sehr klein.

Michael (l.) und Swen blicken voraus. Ihr Ziel, die olympischen Spiele sind noch nicht ganz in Sichtweite. (Bild: Samuel Schalch)

Ihrem Ziel ordnen sie alles unter. «Surfen muss ich jetzt. Die Universität steht auch noch, wenn ich 30 bin», sagt Swen Zaugg und lacht. Surfen ist für ihn und seinen Bruder ein Lebensgefühl, ein Sport, bei dem man eins ist mit der Natur. «Es ist einfach cooler, als zum Beispiel immer dieselbe Halfpipe zu fahren. Surfe ich auf 50 Wellen, dann sind alle unterschiedlich und brechen jedes Mal verschieden. Wind, Regen, alles beeinflusst einander.»

Auf der künstlichen Welle ist das anders, sie bricht immer gleich. So dauert es eine Weile, bis sie auch hier ihr Können unter Beweis stellen, anstatt Wasser zu schlucken.



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Erstellt: 10.11.2019, 15:13 Uhr

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