Der Drang nach Perfektion

Marcel Hirscher kann heute im Riesenslalom das dritte Gold gewinnen. Aber der Österreicher hat in Felix Neureuther einen kongenialen Widersacher.

Marcel Hirscher: Gold in der Kombination und im Team-Event, Gold im Riesen- und im Slalom? Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Marcel Hirscher: Gold in der Kombination und im Team-Event, Gold im Riesen- und im Slalom? Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Die Firma Hirscher hatte geladen, und viele waren gekommen. Der Patron sprach über die bevorstehenden Herausforderungen, er schätzte die Kon­kurrenz ein und den Stand der eigenen Chancen auf dem Markt Ski-WM. «Ich bin», sagte Marcel Hirscher, «best­möglichst vorbereitet.»

Nun ist es natürlich nicht sehr nett, die Ausführungen des österreichischen Skistars mit einer trockenen Bilanz-­Medienkonferenz eines Unternehmens zu vergleichen. Da ist Hirscher ungleich witziger und charmanter. Doch von ­einer Firma zu reden, das ist nicht so falsch, die österreichische «Kronen ­Zeitung» listete gleich zehn Männer auf, die hinter dem Erfolg von Hirscher ­stehen – und die teilweise natürlich auch durch seine Erfolge finanziert werden. Angefangen bei Ferdinand Hirscher, ­Vater und Trainer seit Jugendjahren, geht die Reihe über Servicemann, Fitnesstrainer, Hauptsponsor bis hin zum persönlichen Medienbetreuer.

Hirscher lobt sein Team, «ohne das meine Erfolge gar nicht möglich wären». Aber er weiss auch, dass letztlich er am Start steht und so schnell wie möglich ins Ziel kommen muss. Ihm ist auch bewusst, dass er sich in der Öffentlichkeit verkaufen muss, um genügend Rendite für seine Anstrengungen zu erhalten. Hirscher kann das perfekt, er hat eigene Ideen für Fotoshootings in spektakulären Locations wie jüngst in einem Stahlwerk. Er hat mit seinem Sponsor Red Bull einen Deal ausgehandelt, der ihm sehr viele Tage mit Auftritten und Drehtagen für Werbevideos raubt, ihm aber eine geradezu unheimliche Präsenz auf dem Bildschirm beschert. Hirscher ist eine lukrative Marke, und als ihr einziger Botschafter kann er die Grenzen setzen. Wenn ihm zum Beispiel die Idee eines Fotografen nicht gefällt, macht er nicht mit, und dann gibt es niemanden, der ihn dazu überreden kann.

Konkurrent und Kumpan

Der Beste ist im Sport nichts wert, wenn die Konkurrenz fehlt. Man muss vergleichen können, um zu wissen, wie hell ein Stern strahlt. Hirscher hat in dieser Hinsicht dank Felix Neureuther geradezu unverschämtes Glück. Der Deutsche ist ein genauso begnadeter Gesprächspartner, auf Ski nicht minder grandios und wagemutig. Gemeinsam haben sie mit ihren grossen Duellen entscheidend dazu beigetragen, dass sich Riesen­slalom und vor allem Slalom auf einem atemberaubenden Niveau bewegen.

Und dann sind sie zu allem Überfluss auch noch gute Kumpel, die einen Schabernack nach dem anderen aushecken. Neureuther lobt Hirscher zwar für seinen ausgeprägten «Drang nach Perfektionismus», wie er in einem Interview mit deutschen Medien sagte, aber er fügte lachend an: «Ich bin nicht so der Stahltyp, vielleicht eher der Watteplüschtyp.» Hirscher seinerseits nennt Neureuther einen «herzensguten Menschen, der immer einen Schmäh parat hat und auch den anderen etwas gönnt».

Sich selbst bezeichnet Hirscher als «den eher egoistischen Typen». Hirscher tritt ausser bei Werbeveranstaltungen praktisch nie mit dem Team an, er hat seine ganz eigene Agenda. So ist er mit schier endlosen Trainingsstunden in ­Annaberg im Salzburger Land mit Papa Ferdinand aufgewachsen und gut geworden. Beim Verband lässt man ihm diese Freiheiten, wohl wissend, dass er der Garant für Medaillen in den technischen Wettbewerben ist, dass er gerade ­momentan die Krise in Slalom und Riesenslalom überdeckt. Und er ist auch ­bereit, im Teamwettbewerb mitzutun, die Gruppe akzeptiert ihn, weil er nicht überheblich oder ­affektiert ist; er will einfach nur die bestmögliche Vorbereitung für sich, und er weiss, wie das geht.

Zu weicher Schnee für ihn?

Die beiden Goldmedaillen in Kombination und Teamevent helfen ihm vor seinen «Kerndisziplinen», wie er Slalom und Riesenslalom nennt. «Ich weiss jetzt, dass ich für die nächsten beiden Jahre den Titel Weltmeister wieder habe, das beruhigt und ist ein schönes Gefühl», sagt er. Mit dem Schnee tut er sich allerdings schwer angesichts der hohen Temperaturen in Beaver Creek. «Mein Setup beim Material funktioniert perfekt, wenn es sehr hart ist.» In einem aktuellen Werbefilm seines Ausrüsters Atomic ist zu sehen, wie seine Trainer schon am frühen Morgen beginnen, eine Trainingsstrecke mit Unmengen von Wasser zu einer reinen Eisfläche zu machen. «Wird weniger mit Wasser gearbeitet, wie in Beaver Creek, wird es für mich nicht einfacher», sagt Hirscher. Man sollte ihn trotzdem nicht aus dem Favoritenkreis für Riesenslalom und ­Slalom werfen.

Die Sache mit dem Egoismus übrigens, die ihn von Neureuther unterscheide, sei auch eine Frage des Alters, sagt Hirscher. «Der Felix ist fünf Jahre ­älter als ich, wenn ich einmal 30 bin, sehe ich die Welt auch etwas lockerer.»

Erstellt: 12.02.2015, 19:37 Uhr

Die Schweizer

Jankas Vorfreude auf den einfachen Hang

Medaillen sind da, was nun kommt, ist die Kür. So könnte man die Situation beim Schweizer Männerteam vor den abschliessenden Wettkämpfen in Riesenslalom heute (18.15/22.15 Uhr) und Slalom am Sonntag sehen. Und so sieht es auch Carlo Janka, der einzige Schweizer, der wenigstens von einer Medaille träumen darf: «Wir sind nicht die Favoriten, und der grösste Druck ist weg.» Für seine Teamkollegen Gino Caviezel, Justin Murisier und Elia Zurbriggen geht es vor allem darum, Erfahrungen an ­einer WM zu sammeln.

Natürlich sind auch für Janka die Medaillenchancen sehr gering, zuletzt stand er im Weltcup vor fast vier Jahren als Sieger in Kranjska Gora in dieser ­Disziplin auf dem Podest. Aber der Obersaxer ist keiner, der einfach nur mitfährt aus Spass an der Sache. Er freut sich auf den Hang, auf dem er 2009 drei Rennen in drei Tagen gewann, unter anderem auch den Riesenslalom. Viermal stand er seit Kranjska Gora im Riesenslalom auf dem Podest, dreimal davon in Beaver Creek. «Normalerweise ist die Aufgabe hier im Riesenslalom nicht so schwierig», sagte Janka. Das Gelände ist nicht allzu steil, die Kurssetzung ergibt sich aus dem Gelände und sei dadurch ebenfalls nicht übermässig anspruchsvoll. Das erste Ziel der Schweizer ist heute eine Top-15-Klassierung, denn bis zu diesem Rang gibt es bei Weltmeisterschaften Weltcuppunkte.

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