Der Scheue unter lauter Wilden

Der Russe Alexander Choroschilow könnte heute im WM-Slalom Geschichte schreiben.

Vom Exoten zum Medaillenanwärter: Alexander Choroschilow.

Vom Exoten zum Medaillenanwärter: Alexander Choroschilow. Bild: Keystone

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Da streiten sich heute die besten Slalomkünstler der Welt beim letzten Rennen der WM um die Medaillen, Hirscher und Neureuther, Hargin und Gross. Und mittendrin in diesem Haufen von wilden Kerlen steht ein Russe, der morgen seinen 31. Geburtstag feiert und zuletzt als Sieger beim Nightrace in Schladming endgültig klargemacht hat, dass mit ihm zu rechnen ist.

Alexander Choroschilow heisst er, und wer ihn neben Hirscher und Neureuther sieht, glaubt spontan: Das kann höchstens der Chauffeur sein, der die beiden zum Sponsorentermin bringt. Scheu ist Choroschilow, seine Lieblingsposition ist der Hintergrund, Emotionen zeigte er selbst beim grossen Auftritt in Schladming nicht. Hinterher erklärte er ausführlich in sehr gutem Englisch, seine Zurückhaltung liege darin begründet, dass er gar kein Englisch spreche.

Als von einem Radioreporter das Angebot kam, dann doch mal auf Russisch seine Freude zu ­beschreiben, schliesslich gebe es genug Landsleute von ihm in ­Österreich, zögerte Choroschilow lange. Dann sprach er drei Worte und brach ab, er sagte zum Radiomann: «Das kann ich jetzt nicht, ich muss die ganze Zeit auf deinen Pullover schauen.» Dort war ein riesiger Frauenmund abgebildet, der die Zunge herausstreckte.

Seit zehn Jahren als Exot im Weltcup unterwegs

Choroschilow ist seit zehn Jahren im Weltcup unterwegs. Er war immer der Exot, die Russen sind in diesem Sport keine Nummer. Vor drei Jahren wurde begonnen, professionelle Strukturen aufzubauen, für Olympia in Sotschi war es ziemlich genau ein Jahr zu spät. Ärgert ihn das manchmal? «Nein», sagt Choroschilow, «meine Frau war damals hochschwanger, vielleicht habe ich mir darüber zu ­viele Gedanken gemacht.»

Siegi Voglreiter ist Rennsportchef bei Fischer, dem Ausrüster von Choroschilow. Auch für Voglreiter, der ihn schon so lange kennt, ist der Russe ein spezieller Fahrer. «Er ist so ein lieber Kerl», sagt ­Voglreiter, «der Alexander bedankt sich sogar, wenn wir ihm die Ski zusammenbinden.» Die Vermutung, dass der österreichischen Skifirma mit der Verpflichtung ein grosser Schachzug gelungen ist wegen des grossen Absatzmarktes, bringt Voglreiter laut zum Lachen. «Wer immer das behauptet, erzählt einen Schmarren. Der Alexander ist uns einfach so passiert.»

Ein Podestplatz wäre eine russische Premiere

34 Jahre nach dem Sowjetrussen Alexander Schirow, der mit 24 Jahren bei einem Autounfall starb, war Choroschilow der erste Russe, der im alpinen Weltcup gewinnen konnte. Er kennt den Neffen von Schirow, «er war mein Trainer, als ich von Kamtschatka nach Moskau kam». Auf ein Podest bei WM oder Olympia hatte es Schirow nie geschafft. Gelingt Choroschilow heute die Premiere, sollte man nicht zu viele Emotionen erwarten. Und zu viel Jubel bei Fischer wegen steigender Absatzzahlen auch nicht. «Der Rubel ist derart am Boden», sagt Voglreiter, «da geht gar nichts.»

Erstellt: 15.02.2015, 09:28 Uhr

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