«Die Frauen bereiten mir Bauchschmerzen»

Urs Lehmann, Präsident von Swiss-Ski, lobt die WM in Beaver Creek. Sorgen macht er sich über die Zukunft der Frauen.

Der grosse Schweizer Tag: Fans feiern Gold und Bronze in der Männerabfahrt. Foto: Andreas Pranter (Gepa)

Der grosse Schweizer Tag: Fans feiern Gold und Bronze in der Männerabfahrt. Foto: Andreas Pranter (Gepa)

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Was nehmen Sie als stärkste ­Eindrücke von dieser WM mit nach Hause?
Der stärkste ist schon die Doublette in der Männerabfahrt mit Gold für Patrick Küng und Bronze für Beat Feuz. Das ­waren sensationelle Momente für alle Schweizer, die hier vor Ort waren. Ich muss aber sagen, dass es ­generell ­wunderbare Wettkämpfe waren, der Super-G der Männer hat mich fasziniert wie noch nie ein Skirennen in meiner gesamten Karriere. Die Menschen machten den ganzen Anlass so sympathisch, wie man es in Nordamerika hatte erwarten dürfen, die WM ist rundum sehr gelungen.

Hat Sie der Sieg von Küng an Ihre eigene Karriere erinnert? Er ist ja als Abfahrtsweltmeister auch ein Nachfolger von Ihnen.
Das war speziell: Ich bin nach dem Rennen von recht vielen Menschen darauf angesprochen worden. Mir war das gar nicht so bewusst gewesen. Ich hatte auch nicht realisiert, dass die Schweiz 18 Jahre lang keinen Abfahrtswelt­meister gehabt hatte. Als ich es mir aber überlegte, dass vor Bruno Kernen 1997 ich 1993 in Morioka diesen Titel errungen hatte, war es schon ein besonderer Moment.

Bringt ein solch wichtiger WM-Titel dem Verband wirtschaftliche ­Vorteile?
Er ist wichtig für die Wahrnehmung, für die Emotionen und die Reputation. Wir haben keine Prämienverträge mit Sponsoren für solche Siege abgeschlossen. Aber es ist klar: Je besser der Verband dasteht, umso besser ist es für unsere Vermarktung. Indirekt helfen uns solche Titel sehr.

Der Frauenslalom steht noch aus, aber wie sehr nervt es, dass bei den Frauen fast immer nur Lara Gut die Medaillen holt?
Nerven tut mich das überhaupt nicht, gut, haben wir sie als Medaillengarantin. Es hat natürlich wehgetan, dass ­Dominique Gisin als Abfahrts-Olympiasiegerin im Speed nicht am Start sein konnte. Aber grundsätzlich muss ich ­sagen: Vor zwei Jahren hatten wir bei den Männern die grosse Krise, bei ihnen bin ich jetzt sehr zuversichtlich, im Speed sind wir gut, im Technikbereich haben wir Talente, um die uns alle beneiden. Die Frauen bereiten mir ein ­wenig Bauchschmerzen, da müssen wir einen Zacken zulegen, gerade auch im Nachwuchsbereich. Da müssen sich die Verantwortlichen Gedanken machen, wie wir dieses Problem lösen.

Sie haben die Krise des Männerteams angesprochen. Bei Gross­anlässen sind Sie sehr nahe an den Fahrern dran. Wie gross ist der Unterschied zwischen WM 2013 und 2015?
2013 war ich näher dran, der Präsident kommt immer nur dann intensiv ins Spiel, wenn es schlecht läuft. Ich erlebte das Männerteam in Beaver Creek sehr stabil, sehr motiviert. Ich war bei der Besichtigung vor den Rennen oft erstaunt von der Energie, die zu spüren war, welches Selbstvertrauen die Fahrer ausgestrahlt haben. Bei Grossanlässen macht das Selbstvertrauen mehr als 50 Prozent aus. Der Unterschied zu Schladming 2013 war wie Tag und Nacht.

Wie sehr stärken die WM-Resultate die Stellung von Alpindirektor Rudi Huber?
Seine Position war gar nie geschwächt. Ich weiss, worauf Sie anspielen, aber das sind nur die Meldungen einzelner Medien. Zu mir oder auch zur Geschäftsleitung ist bislang nicht die kleinste Kritik an Huber gedrungen. Muss ich ­jedem Gerücht nachgehen? Deshalb gibt es da von meiner Seite eigentlich auch gar nichts zu sagen.

Sie haben die Probleme im ­Nachwuchsbereich bei den Frauen angesprochen. Wird das Hubers nächste grosse Aufgabe sein?
Unbedingt. Er musste zuerst die ganze Lage im Weltcup richten, denn an diesen Resultaten werden wir gemessen. Hier sieht es gut aus, in den Medien kommen wir wieder besser weg, die Stimmung ­daheim in der Schweiz ist nach meinen Informationen gut. Dass Huber Thomas Stauffer als Männerchef und Nachfolger von Walter Hlebayna engagieren konnte, ist ein grosses Verdienst von ihm. Stauffer macht einen sehr guten Job, das hatte zwar Hlebayna im Jahr zuvor auch gemacht, aber vermutlich ist es für einen Schweizer einfacher, als Cheftrainer bei uns zu arbeiten. Dass Hlebayna von einigen Trainern boykottiert wurde, nur weil er Österreicher ist, das hat mich geschmerzt. Wir sollten doch eigentlich weltoffen sein in der Schweiz. Aber zurück zu Ihrer Frage: Jetzt müssen wir vermehrt in die Tiefe arbeiten, das ist klar.

Hat sich Huber dafür bereits ­genügend in das System Schweizer Skisport eingelebt?
Er hat sehr viel gelernt, aber er ist noch nicht überall bis zum letzten Detail drin. Bloss: Ist das nötig, so breit, wie wir im Verband aufgestellt sind? Huber geht überall hin und fragt viel und nimmt die Leute mit. Das ist wichtig, dass er offen ist für Inputs. Er ist kommunikativ so stark, ich bin sicher, er kann die an­stehenden Aufgaben lösen.

Urs Lehmann reiste gestern ab. Über Denver, wo er noch einen geschäftlichen Zwischenstopp als CEO der Arzneimittelfirma Similasan einlegte, flog er zurück in die Schweiz. Als Präsident von Swiss-Ski hatte er sich an der WM in ­Beaver Creek erfreut, vor allem natürlich an der Männerabfahrt. Das Interview wurde vor dem gestrigen Riesenslalom geführt.

Erstellt: 13.02.2015, 20:07 Uhr

«Ich war erstaunt, welches Selbstvertrauen die Fahrer ausstrahlten. Bei Grossanlässen macht das mehr als 50 Prozent aus», sagt Urs Lehmann.

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