Die müde WM-Königin

Tina Maze will in Beaver Creek als erste Frau Medaillen in allen fünf Einzelwettbewerben gewinnen. Drei hat sie schon, heute soll im Riesenslalom die vierte folgen.

Zwei fehlen ihr noch: Tina Mazes Medaillensammlung. Foto: Johann Groder (Keystone)

Zwei fehlen ihr noch: Tina Mazes Medaillensammlung. Foto: Johann Groder (Keystone)

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Grosse Siegerinnen stellt man sich eigentlich anders vor. Strahlend, Freude und Stolz versprühend. Bei Tina Maze ist davon momentan nichts zu spüren. Dabei ist die Slowenin die Königin dieser WM. Frech hat sie die Rolle eingenommen, die doch für die lokale Ikone Lindsey Vonn reserviert war. In Abfahrt und Kombination gewann Maze Gold, im Super-G Silber, doch wenn man in Beaver Creek mit ihr redet, wirkt sie fahrig, ausgelaugt.

Die alte Heldin ist müde. Gut, dass Tina Maze diesen Satz nicht gelesen hat. «Es war ein langer Tag, ich muss mich jetzt erst einmal erholen», sagte die 31-Jährige nach ihrer Goldfahrt in der WM-Kombination. Nach ihren Siegen in Beaver Creek ist die Slowenin die älteste Weltmeisterin im alpinen Skisport. Aber auf ihr Alter wird sie nicht gerne angesprochen. Als sie hier vor ein paar Tagen im Sessellift hochfuhr und von einer jungen amerikanischen Rennfahrerin gefragt wurde, wie alt sie sei, antwortete Maze: «Ich bin 60.» War natürlich ein Spass, aber hinterher war sie sich nicht mehr so sicher, ob ihre Gesprächspartnerin das nicht doch ernst genommen hatte.

Hirschers Bewunderung

Neun Medaillen hat Maze bisher bei Weltmeisterschaften gewonnen, davon vier goldene, dazu kommen vier olympische Medaillen (2 Gold, 2 Silber). Und das in vier verschiedenen Disziplinen, nur im Slalom hat es noch nicht zum ­Podest gereicht. Seit dem Rücktritt von Maria Höfl-Riesch ist sie die letzte Allrounderin, die in allen fünf Disziplinen an der Weltspitze mitfährt. «Tina ist ein Phänomen», sagt Österreichs Superstar Marcel Hirscher, «und sie zeigt mir ­eines: Ich muss noch mehr arbeiten.»

Maze hat ein grosses Ziel. Sie will bei der WM in jedem Rennen eine Medaille gewinnen. Das ist zuvor noch keiner Frau gelungen, einzig der Norweger Lasse Kjus schaffte dieses Kunststück – 1999, ausgerechnet in Beaver Creek. Sie meine das nicht überheblich, sagt Maze, «aber ich muss mir hohe Ziele setzen, und ich liebe das». Solange es gut geht, freut das ihre Betreuer. Wenn nicht, ­leiden alle unter ihrer im Skizirkus legendär schlechten Laune. Andrea Massi ist Chef ihres Privatteams und ihr Lebens­partner, er weiss, dass er permanent Druck ausüben muss, und sagt deshalb: «Mit jedem Training zerstöre ich unsere Beziehung ein bisschen.»

Der Vorteil eines Stars: Er kann sich seine Launen leisten. Der doppelte Vorteil von Star Tina Maze: Sie ist die Ernährerin ihres Privatteams, sie bringt das Geld nach Hause. Und weil alle recht gut verdienen, kann sie ihren Manager und die Trainer herunterputzen, ohne dass sie den Dienst quittieren. Sie kann ihre Serviceleute bei Stöckli anmachen, wenn ihr Ski nicht gut gelaufen ist.

Alles für den Erfolg

Stimmen diese Gerüchte? Denn öffentlich dazu stehen will niemand. «Ich kann nicht behaupten, dass sie falsch sind», sagt der Tessiner Mauro Pini, der vergangenen Winter drei Monate mit dem Team Maze arbeitete. «Aber Spitzensportler müssen starke Persönlichkeiten sein, sie stehen unter einem extremen Erfolgsdruck. Und wenn ich als Coach mit einem solchen Menschen arbeiten will, muss ich eben dagegenhalten können und mich mit meinem Charakter behaupten.» Er lacht herzhaft.

Maze selbst sagt: «So bin ich halt.» Sie meint das aber gar nicht so, als wolle sie das Thema vom Tisch wischen. Was sie meint: Sie selbst tut alles für den Erfolg, deshalb sollen das gefälligst alle um sie herum auch tun. «Wenn es jemand nicht schafft, die von mir geforderten 100 Prozent zu geben, ist es besser, er geht», sagte sie einmal. Pini beendete die ­Zusammenarbeit aber nicht aus diesem Grund, wie er betont, «für beide Seiten war von Anfang an klar, dass mein Engagement auf drei Monate beschränkt war». Er selbst hatte vor allem seinen Kindern versprochen gehabt, nach vielen Jahren als Trainer im Weltcupzirkus vermehrt daheim zu sein.

Gerüchte um die anstehende Trennung von Maze und Massi gibt es immer wieder. Bislang haben sie durchgehalten, seit sie sich im Sommer 2008 ­gemeinsam entschlossen, ein eigenes Team auf die Beine zu stellen. Maze war unglücklich und wollte mit Massi zusammenarbeiten, der damals schon einige Jahre im slowenischen Verband als Trainer tätig war. Die Funktionäre sahen diese Entwicklung nicht so gerne und wollten sich von Massi trennen. Mit dem Resultat, dass Maze gleich mitging. Und heute jammern slowenische Journalisten, weil ihre Vorzeigeathletin nicht beim Teamevent mitgefahren ist.

Der Absturz nach dem Rekord

Maze lächelt bei Fragen nach ihrer nationalen Verbundenheit, sie liebt ihr Land, wohnt mit Massi in dessen italienischer Heimatstadt Gorizia unmittelbar an der Grenze zu Slowenien, sie ist mit ihrer ­Familie zusammen, wann immer es geht. Aber sie weiss eben auch, wie viel wichtiger Einzelerfolge sind, für die Sponsoren, für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, für das Ego. Was Maze in Beaver Creek auch wusste: Mit dem ­aktuellen Team hatte sie kaum Chancen auf die dann eventuell sechste Medaille.

Im Riesenslalom stand sie die vergangenen drei Weltmeisterschaften immer auf dem Podest, 2011 gewann sie Gold, die anderen beiden Male Silber. Die Vorzeichen sind also gut. Aber eben: Müde darf sie nicht sein. Der Absturz im vergangenen Winter nach ihrer unglaublichen Rekordsaison 2012/13 mit nie dagewesenen 2414 Punkten im Weltcup hatte genau darin seinen Grund. «Sie haben nach diesem Winter den Fehler ­gemacht, dass sie ohne Pause direkt weitergearbeitet haben», sagt Pini. Sie wollten ­offenbar bloss nicht nachlassen, wollten nicht stehen bleiben. Der Hammermann kam im folgenden Herbst, «als ich im ­Januar 2014 dazustiess, waren alle im Team völlig am Boden, sie wussten nicht mehr weiter», sagt Pini.

Das soll Maze nie wieder passieren. Im vergangenen Sommer nahm sie Abstand vom Ski, ging zur Schule, sie lässt sich zur Primarlehrerin ausbilden. Als Pini damals ins Team kam, sprach er weniger über Technik und Kurvenfahrten, «ich redete viel über Energie und Emotionen», sagt er, «Tina sagte mir, so etwas habe sie noch nie von einem Trainer gehört». Innert ­weniger Wochen wurde aus der krisen­geschüttelten Zweiflerin eine doppelte Olympiasiegerin. Mit dieser Energie und diesen Emotionen will sie jetzt bei der WM Geschichte schreiben.

Erstellt: 11.02.2015, 22:00 Uhr

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