Goldene Sturheit

Abfahrts-Weltmeister Patrick Küng ist ein feiner, angenehmer Kerl. Aber wehe, er wittert Ungerechtigkeit.

Patrick Küng (31) überraschte alle und verschaffte sich grosse Genugtuung. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Patrick Küng (31) überraschte alle und verschaffte sich grosse Genugtuung. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Mit dem Weltmeister ist nicht immer gut Kirschen essen. Im Grunde ist Patrick Küng zwar ein sehr anständiger, auch lustiger und interessanter Zeitgenosse. Bloss soll ihm keiner den Weg ver­sperren. Dann ist ganz schnell fertig ­lustig. Nach seiner Goldfahrt in Beaver Creek erzählt er fast beiläufig eine ­Geschichte, die sehr viel über ihn aussagt. Bei allem Lob auf seinen Servicemann Franz Nadig, «der mir superschnelle Ski an die Füsse gegeben hat», kann sich Küng die Bemerkung nicht verkneifen, dass das Verhältnis zu ihm halt nicht immer konfliktfrei sei. «Es kann sein, dass wir in der Vorbereitung in Zermatt sind und drei Tage kein Wort miteinander wechseln.» Er sei mit den Ski nicht zufrieden, Nadig moniere mangelnden Trainingseinsatz. «Und keiner von uns kann über seinen Schatten springen», sagt Küng.

«Alle haben an mir gezweifelt»

Braucht es diese Sturheit, um Welt­meister zu werden? Wohl schon. Vor ­allem, wenn man statt stur konsequent sagt. Das ist Küng allemal, und davon können alle eine Geschichte erzählen. Weil er auch keiner ist, der Wut, Ent­täuschung oder Unverständnis in sich hineinfrisst. Das muss raus, und deshalb kam es auch schon vor, dass er sich vor versammelter Journalistenschar beschwerte, weil er seine Leistungen zu wenig gewürdigt sah. Was war geschehen? Küng war im Dezember 2013 auf der Abfahrt in Beaver Creek Fünfter ­geworden. Teamkollege Beat Feuz war zwar einen Rang dahinter klassiert, weil es aber Feuz’ Comeback nach schwerer Knieverletzung war, gehörten die Schlagzeilen ihm. Küng war stinkig, zumal ihm etwas sehr Ähnliches kurz zuvor mit Carlo Janka passiert war.

Nun darf man sich Patrick Küng aber keinesfalls als Griesgram oder gar Vertreter des grossen Weltschmerzes vorstellen. Ganz im Gegenteil, er ist ein feiner Kerl, und man kann mit ihm wunderbar herumalbern. Nur: Wittert er ­Ungerechtigkeit, hört der Spass auf. Deshalb hat er auch keine Hemmungen, die Trainer zu kritisieren. «Alle haben an mir gezweifelt, nachdem ich im Weltcup in Beaver Creek zweimal ausgeschieden war», sagt er, «auch die Trainer.» Ihnen hätten seine Top-10-Klassierungen davor in Lake Louise schon nicht gereicht, mault er, so stelle er sich die Unterstützung nicht vor. Speedcoach Sepp ­Brunner kann sich zwar nicht erinnern, dass sich irgendein Betreuer kritisch ­geäussert hätte, aber er lächelt über Küngs Gefühlsausbruch. Ein Fahrer mit derart viel Temperament ist ihm allemal lieber als ein Duckmäuser, der sich auch auf der Piste nicht auslebt.

Das Pech und das Krisenjahr

Am Samstag zeigte Küng, welch grosser Kämpfer er ist. Die negativen Bilder von den Ausfällen im Dezember hatte er ­beiseitegewischt. Mit allem Wagemut stürzte er sich die Birds of Prey hinunter. Dass es ihm im Steilhang schier die Ski wegschlug, interessierte ihn so ­wenig wie alle folgenden Wellen und Kuppen und Sprünge und Tore. «Schon als ich über den Zielsprung kam, war mir klar, dass mir eine gute Fahrt gelungen war», sagt Küng. Dass sie gleich zu Gold reichte, war umso schöner.

Hat er damit endlich gezeigt, dass er auch der Typ für Grossevents ist? Bei dieser Frage verengen sich die Augen, darauf hat er bloss gewartet. Und er zählt auf, wie sehr und oft er vom Pech verfolgt war, in Sotschi etwa, als ihn eine heftige Magen-Darm-Grippe seiner starken Form beraubte. Oder die WM 2013 in Schladming, «mir war im Februar 2012 das Kreuzband gerissen», sagt er, «aber kaum war ich zurück, verlangten alle von mir schon wieder Topresultate». Es war das absolute Krisenjahr des Schweizer Männerteams, ausgerechnet ein Rekonvaleszenter sollte alles herausreissen, «ich bin zwar wieder richtig gut gefahren», blickt er zurück, «aber das ­interessierte keinen, weil ich nicht gleich wieder aufs Podest kam». Da war er wieder, der Mann, der sich ungerecht behandelt fühlte. Und der damit durchaus richtig lag.

Doch jetzt ist erst einmal alles gut. In Vail waren am Samstag im House of Switzerland viele Schulterklopfer da, auch jene Verbandsvertreter, die früher gerne schimpften, dass da einer sein Potenzial nicht ausschöpfe. Küng weiss, dass er nicht in einer perfekten Welt lebt. Aber er weiss auch, dass er sich auf sein direktes Umfeld verlassen kann. Sollte etwas nicht passen, steht er hin und sagt das. Mit Gold um den Hals hört man ihm noch besser zu.

Erstellt: 09.02.2015, 00:14 Uhr

Abfahrts-Weltmeister

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Männer-Medaillen an WM und Olympia seit 1987

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