Suter völlig verwandelt

Im Weltcup noch nie auf dem Podest, gewinnt Corinne Suter innert sechs Tagen zwei WM-Medaillen.

So wurde Suter im House of Switzerland gefeiert. (Video: Marcel Rohner)

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Erstmals frieren die Zehen nicht. Mit knappen Minusgraden ist es beinahe warm in Are, aber das Lächeln, es scheint wie festgefroren bei Corinne Suter.

Natürlich, die Schwyzerin war schon vor der WM als Strahle­frau im Schweizer Team ­bekannt. Als eine, die alle gern haben, weil man sie gern haben muss. Die für alle ein offenes Ohr hat, für alle eine helfende Hand. Aber jetzt, nach Bronze im Super-G und Silber in der Abfahrt, jetzt ist das Lachen noch herzhafter, noch selbstverständlicher.

Suter ist eine, der die jüngsten Erfolge alle gönnen mögen. Sie ist eine Frau ohne Allüren, ohne Ecken und Kanten, aber diese braucht sie auch nicht, weil sie trotzdem nicht langweilig oder bieder wirkt.

Es ging lange nicht vorwärts

Es war Mitte Dezember, Heimweltcup in St. Moritz, Suter sass in einer Hotellobby, gedankenversunken. Kurz darauf sprach sie über ihre schwere Blutvergiftung im Sommer, welche sie auf die leichte Schulter genommen hatte, den entzündeten rechten Fuss, den roten Strich, der bis zum Knie hoch reichte. Quasi bei letzter Gelegenheit ging sie notfallmässig zum Arzt, hätte sie es sein lassen, ihr Fuss wäre wohl amputiert worden. Zwei Tage lang hing sie im Spital am Tropf, während einiger Wochen konnte sie nur Finken tragen.

Suter sprach auch über die zwei schwierigen Winter, die hinter ihr lagen, nachdem sie in der Saison 2015/16 den Durchbruch geschafft hatte. Es ging nicht vorwärts, im Gegenteil, und es war zu spüren, dass sich die 24-Jährige Dinge stärker zu Herzen nimmt, als es vielleicht gut sein mag für sie, dass sie unsicher wirkt, dass sie hadert.

Die Hilfe des Mentaltrainers

Wer sich nun mit ihr unterhält, wähnt sich einer anderen Person gegenüber. An den Wind im oberen Teil, dessentwegen das Rennen auf eine absurd tiefe Fahrzeit von gut einer Minute verkürzt worden sei, habe sie nicht gedacht,«so etwas kann man sowieso nicht beeinflussen». Sie habe sich gut entspannen und alles ausblenden können am Start, sie habe einfach schnell ins Ziel kommen wollen. So weit, so logisch.

Aber genau dies war ihr selten gelungen in den letzten Jahren, weil sie sich oft zu viele Gedanken gemacht hatte, sich selbst im Weg gestanden war. Die Arbeit mit dem Mentaltrainer hat sich ausbezahlt, auch mit den Trainern diskutiert sie viel häufiger als früher und vor allem nicht erst, wenn die Probleme schon aufgetaucht sind.

Nun liegen zwei Medaillen auf dem Nachttisch, und nicht ­unerwähnt bleiben sollte, dass beide aus Gold sein könnten. Büsste Suter im Super-G nur fünf Hundertstel auf Mikaela Shiffrin ein, fehlten gestern deren 23 auf Ilka Stuhec. Der Schweizerin gelingt keine perfekte Fahrt, im Mittelabschnitt unterläuft ihr ein Fehler, vor dem Flachstück, im italienischen Fernsehen wollen Experten bei jenem Malheur einen Zeitverlust von drei Zehntelsekunden festgestellt haben. Damit befasst sich Suter nicht, es würde auch skurril anmuten bei jemandem, der im Weltcup nie auf dem Podest gestanden ist.

Die Silbermedaillen-Gewinnerin der WM-Abfahrt im Interview. (Video: Marcel Rohner)

Schwyz, die Nummer 1

Lieber herzt sie ihre Familienmitglieder, die freigenommen haben für die Reise nach Mittelschweden. Suter wohnt noch immer daheim im Elternhaus, in dem der Sport stets einen hohen Stellenwert hatte, wo sie sich gegen die drei Brüder durchsetzen musste, was ihren Ehrgeiz weckte. Suter betont ihre Verbundenheit mit der Heimat, und wenn man so will, führt der Zentralschweizer Kleinkanton nun dank ihr und Wendy Holdener gar den Medaillenspiegel an. ­Suter ist die Frau im Schweizer Speedteam, die sich durch nichts aus dem Konzept bringen lässt, «ich ziehe im Moment einfach mein Ding durch – deshalb fällt es mir leicht, schnell zu fahren».

War sie nach dem Super-G emotional derart aufgewühlt, dass sie kaum einschlafen konnte und noch am Tag darauf von den Trainern befohlen bekam, sich keinen Meter zu viel zu bewegen, hinterlässt sie fünf Tage später einen fast schon gefassten Eindruck. Tränen gibt es diesmal keine, und doch sagt sie, die Glücksgefühle bewusster wahrnehmen zu können.

Mit einem breiten Lächeln.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.02.2019, 22:46 Uhr

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