Wir haben erlebt, wie ein Teamarzt unter die Pistenraupe geriet

Pirmin Zurbriggen über den Druck an Titelkämpfen und den Umgang mit Extremsituationen.

Pirmin Zurbriggen wurde an den olympischen Spielen in Calgary 1988 Dritter im Riesenslalom – und erlebte zwischen den Läufen Dramatisches. <i>(Bild: Bob Thomas/Getty Images)</i>

Pirmin Zurbriggen wurde an den olympischen Spielen in Calgary 1988 Dritter im Riesenslalom – und erlebte zwischen den Läufen Dramatisches. (Bild: Bob Thomas/Getty Images)

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An einer WM oder an Olympischen Spielen lastet ein gewaltiger Druck auf den Athleten. Erst einmal hat jeder den Wunsch, eine Medaille zu holen. Damit umzugehen, ist bereits eine Herausforderung. Dann kann im Team eine Stimmung entstehen, in der jeder Einzelne spürt, wie wichtig es ist, für seine Nation so viele Medaillen wie möglich zu gewinnen, jeder will sich auszeichnen an diesem Tag. Und als dritter und letzter Punkt kommt die Öffentlichkeit hinzu. Wie werde ich wahrgenommen? Wird mir ein gutes Rennen zugetraut, habe ich die Unterstützung? All das hat einen Einfluss auf den Sportler, damit muss er erst einmal umgehen können.

Und wenn dann jemand plötzlich ganz alleine dasteht wie Wendy Holdener heute in der Kombination, dann kann das schwierig werden. Allerdings wird sie sich nicht an dieser Situation aufreiben, schliesslich weiss sie zum einen: Wenn es normal läuft, habe ich die Fähigkeit, aufs Podest zu kommen. Zum anderen hat sie im Riesenslalom und Slalom noch weitere Chancen.

Im Gegensatz zu Beat Feuz, der in der Abfahrt am Samstag sehr stark unter Druck stehen wird. Er weiss genau: Auf dieser Abfahrt ist jeder bereit, volles Risiko einzugehen – und die Piste hat ihre Tücken. Wenn nicht alles zu hundert Prozent aufgeht, ist ein anderer schneller. Aber ich glaube, er kann den Druck aushalten, weil er ein Pokertyp ist und Übung darin hat, solche Situationen zu überstehen.

Es gab auch solche, denen die ganze Anspannung über den Kopf wuchs, alles fiel über ihnen zusammen wie ein Kartenhaus.

Es ist aber ganz wichtig, dass er Leute um sich hat, denen er voll vertraut, die wissen, wie sie mit ihm umgehen müssen in diesen Momenten, wie sie ihn beruhigen können. Hat man das, ist es auch nicht unbedingt nötig, einen Mentaltrainer zu Hilfe zu nehmen. Ich brauchte nie einen. Mir war nur wichtig, dass ich mich auf einen Grossanlass akribisch vorbereitet habe. Dieser Prozess begann jeweils schon ein Jahr zuvor. Ich musste mir sicher sein, dass mein Unterbewusstsein mir hilft, nicht in Panik zu geraten, und dass ich mich auf die Strecke konzentrieren kann, wenn der Moment gekommen ist. Ich versuchte das ganze Prozedere minutiös zu planen: wie ich meinen Anzug anziehe, wie ich meine Schuhe schliesse, wie ich an den Start gehe – das alles habe ich zigmal im Kopf durchgespielt.

Und doch stand ich dann vor dem Ungewissen, spürte die Last, weil mir bewusst wurde: Es zählen nur diese zwei Minuten. Packe ich es nicht, ist es vorbei. Der Puls stieg schon am Start auf 150 Schläge. Es gab auch solche, denen die ganze Anspannung über den Kopf wuchs, alles fiel über ihnen zusammen wie ein Kartenhaus.

Ich habe das an den Olympischen Spielen 1988 in Calgary hautnah erlebt. Ich habe zusammen mit Martin Hangl zwischen dem ersten und dem zweiten Lauf des Riesenslaloms miterlebt, wie der österreichische Mannschaftsarzt unter eine Pistenraupe geriet – er verstarb noch auf der Strecke. Wir haben versucht, uns gegenseitig einzureden, dass wir das vergessen könnten, einfach nur vergessen. Aber es war ein derartiger Schockmoment, dass Martin oben am Start merkte: Es geht nicht mehr, der Körper macht nicht mehr mit. Er startete nicht, ich wurde noch Dritter.

Es ist krass, was die Athleten an einer WM aushalten ­müssen.

Dieser Moment zeigte mir, welche Last auf uns lag, wie sehr am Limit wir waren bezüglich Nervosität und Anspannung, wie sehr der Mensch gefordert ist in einer solchen Situation. In zehn Tagen an den Olympischen Spielen verlor ich sechs bis sieben Kilogramm. Nicht weil ich mich körperlich derart verausgabt oder weniger gegessen hätte, sondern weil ich mental enorm viel Kraft brauchte. Versuchen zu schlafen, versuchen, alles um sich am Laufen zu halten, das alles frisst unheimlich Energie. Ich habe gar nicht realisiert, dass ich so viel Gewicht verloren hatte. Es war alles auf die Rennen ausgerichtet.

Der Kopf sagte mir, dass mich nichts beeinträchtigen wird, dass keine Grippe kommt, keine Erkältung, ich merkte, was ich mit einer solchen Einstellung alles herausholen konnte aus meinem Körper, das war eine unglaubliche Erfahrung.

Erst nach den Grossanlässen spürte ich jeweils, wie gross die Belastung gewesen war. Ich fiel in ein Loch, war eine Woche lang unglaublich müde. Es ist krass, was die Athleten an einer WM aushalten ­müssen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.02.2019, 10:30 Uhr

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Zwischen 1980 und 1990 gewann er 40 Weltcuprennen, er wurde Abfahrts-Olympiasieger und holte viermal WM-Gold – Pirmin Zurbriggen ist mit Abstand der erfolgreichste Schweizer Skifahrer.Der Walliser führt in seiner Heimat mehrere Hotels. Er hat fünf Kinder; der älteste Sohn Elia fährt ebenfalls im Weltcup, hat aber die WM-Qualifikation verpasst. Für diese Zeitung schreibt Zurbriggen während der Titelkämpfe regelmässig Kolumnen. (phr)

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