Ewige Zweite – dafür ist sie nicht gemacht

Wendy Holdener hält einen bitteren Rekord: Sie stand 22-Mal auf dem Slalompodest – und hat nie gewonnen. Heute kann sie den Fluch durchbrechen.

Der WM-Fragebogen mit Wendy Holdener. Video: Marcel Rohner

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Wendy Holdener hat ein grosses Handicap: ihre Gegnerin. Die ist die vielleicht beste Skirennfahrerin, die es je gab. Sie hat Rekorde gebrochen – und sie wird fast alle brechen, fährt sie auch nur annähernd so weiter wie bisher: Mikaela Shiffrin.

23 ist die Amerikanerin erst und erfolgreich wie kaum jemand am Ende der Karriere. Sie ist vierfache Weltmeisterin, zweifache Olympiasiegerin, bald dreifache Gesamtweltcupsiegerin, siegte 56-mal im Weltcup. Gegen sie zu fahren, kann fordern, vor allem aber überfordern. Fast immer scheitert die Konkurrenz an der Athletin, die neue Massstäbe setzt.

Eine Siegfahrerin – eigentlich

Das gilt für viele. Für Holdener aber hat dieses Anrennen einen besonders bitteren Beigeschmack: Sie stand in ihrer Paradedisziplin Slalom schon 20-mal auf dem Weltcup-Podest, 16-mal davon lag sie hinter Shiffrin, 7-mal war sie hinter ihr Zweite. Sie holte zweimal Silber an einem Grossanlass, 2017 an der WM in St. Moritz und 2018 an den Olympischen Spielen in Pyeongchang. Doch gewonnen hat Holdener noch nie. Auch die 25-jährige Schwyzerin hat damit eine Bestmarke inne – eine wenig rühmliche: So oft schaffte es noch niemand in einer Disziplin auf das Podest, ohne zu siegen. Dem Österreicher Hubert Strolz gelang dieses Kunststück im Riesenslalom 18-mal – er blieb bis zum Karriereende 1994 ohne Triumph in seiner Lieblingssparte.

Holdener ist nicht dafür gemacht, ihr Leben als Skirennfahrerin im Schatten anderer zu verbringen. Sie ist eine Siegfahrerin – eigentlich. Das beweist sie in anderen Disziplinen – ein Parallelrennen, zwei Kombinationen hat sie im Weltcup gewonnen. Sie ist zweifache Kombinationsweltmeisterin und führte die Schweiz mit Glanzfahrten im Teamwettbewerb zu Olympia- und zuletzt diese Woche zu WM-Gold. Sie kann Erwartungshaltungen erfüllen, Druck standhalten – oft. Nur: Im Slalom ist das so eine Sache.

In diesem fährt sie dem Triumph seit Jahren hinterher, seit dem 2. Rang in Ofterschwang vor fast sechs Jahren. Da geduldig zu bleiben und weiter an den ganz grossen Durchbruch zu glauben, ist eine riesige mentale Herausforderung.

Holdener kämpfte gegen ihren Kopf, versuchte, diese Shiffrin einfach auszublenden, sich auf sich zu konzentrieren. Doch stand sie am Start, war die nötige Lockerheit bisher selten da – und noch nie in zwei Läufen. Sie sagt: «Es war immer so, dass ich nichts verlieren wollte. Aber wenn ich nichts riskiere, gewinne ich auch nichts. Ich hatte noch nie zwei perfekte Läufe, weil ich beim einen immer etwas zu wenig gegeben habe.» Nun traut sie sich, hinüberzuschielen auf diejenige, die anscheinend alles besser macht als der Rest. Holdener schaut auf Shiffrin, schaut, wo die Amerikanerin den Unterschied macht – oft in den letzten Toren vor dem Ziel. Sie kann Dinge für sich herausnehmen, das Wichtigste aber bleibt der Kopf.

Die Erkenntnis im Super-G

Wie es gehen kann, zeigte ihr der Super-G in Crans-Montana, direkt nach den nervenaufreibenden Wochen in Südkorea. Holdener startete ohne Erwartungen in einer Disziplin, in der zuvor ein 19. Rang als Bestresultat dastand. Dann wurde sie Dritte. «Mit Angriffslust, mit Freude» sei sie gefahren, «das Ziel ist, dass ich nun die Rennen grundsätzlich so angehe. Ich will nicht mehr, dass mich der Druck bremst.»

Heute gehört Holdener zu den Favoritinnen im Slalom. Die Erwartungshaltung ist da. Druck aber weniger. Würde sie erstmals gewinnen, wäre das zwar der grösste Erfolg ihrer Karriere. In erster Linie aber wäre es nur ein wunderbares Ende einer WM, die für sie schon jetzt äusserst erfolgreich war mit zwei Goldmedaillen. Das kann Ruhe geben.

Mit Überfliegerin im Flieger

Und vielleicht hilft ihr auch, dass sie seit ein paar Tagen weiss, dass selbst Dauersiegerin Shiffrin nicht übermenschlich ist. Seit sie zusammen im Privatjet nach Are reisten, den Abfahrtsweltmeisterin Ilka Stuhec organisiert hatte, um möglichst schnell vom Weltcup-Ort Maribor nach Schweden zu kommen. Mit der Überfliegerin im Flieger. Holdener, Shiffrin, Stuhec und Federica Brignone unterhielten sich erstmals ausführlich: «Es ging darum, wer sich eine Wohnung gekauft hat, wer welche Pläne hat», sagt Holdener. Und um einen Staubsauger, den Mutter Shiffrin für Grossmutter Shiffrin bei Holdeners Sponsor besorgen will. Vielleicht bringe sie diesen ja einmal vorbei in Vermont, sagt Holdener.

Die Lockerheit gegenüber Shiffrin hat sie im Privaten gefunden – oder besser im Privatjet. Das kann auch für den Kampf auf der Piste eine entkrampfende Wirkung haben.

Erstellt: 16.02.2019, 09:02 Uhr

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