Dieses Team macht Marcel Hirscher zum Dominator

Hinter dem Erfolg des Ausnahme-Skifahrers steht eine ganze Schar Betreuer, die alles der «Mission Marcel Hirscher» unterordnet.

Zweimal Gold in 100 Stunden Are-Aufenthalt? Marcel Hirscher hat genau dies zum Ziel. <i>(Bild: Keystone)</i>

Zweimal Gold in 100 Stunden Are-Aufenthalt? Marcel Hirscher hat genau dies zum Ziel. (Bild: Keystone)

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Er kam am Mittwoch, hat nicht vor, länger als 100 Stunden zu bleiben – und: Er will mit zweimal Gold heimreisen. Für Marcel Hirscher beginnt die Jagd nach WM-Medaillen am Freitag mit dem Riesenslalom (ab 14.15 Uhr im Liveticker).

Doch der Hals kratzt, was in der Heimat zu Besorgnis führt. Wenn der Skistar verschnupft ist, hustet halb Österreich mit. Hirscher soll noch gestern die meiste Zeit im Bett gelegen haben, aber auch so bleibt er der haushohe Favorit auf den Titel. Es wäre – inklusive zweier Team-Siege – sein neunter an einem Grossanlass, bei 68 Weltcuptriumphen, bei bald acht grossen Kristallkugeln. Er hat sich auf­gemacht, der Beste der Skigeschichte zu werden.

Längst ist der 29-jährige Salzburger mit einem Privatteam unterwegs, seine Bezugspersonen haben sich ganz der «Mission Hirscher» verschrieben, die Betreuung könnte individueller kaum sein. Eine Gefolgschaft dieser Art hat kein anderer Fahrer, die Kosten werden zu einem wesentlichen Teil vom österreichischen Verband gedeckt – was zurückkommt, ist ja auch gewaltig.

Hirscher hat vor allem Leute um sich geschart, die ebenfalls Rennen fuhren. Der Perfektionist fordert totale Bereitschaft, verlangt vom Servicemann auch einmal, von Frankreich heim nach Österreich zu fahren, um ein bestimmtes Paar Ski zu holen.


Das sind die wichtigsten Leute hinter dem Ausnahmefahrer:

Tüftler mit rotem Buch und weissem Schnauz

Ferdinand Hirscher, Vater. (Bild: Keystone/Christian Bruna)

Der Mann mit dem imposanten Schnauz darf am Pistenrand nicht fehlen, wenn sich Marcel Hirscher die Hänge hinunterschwingt. Und doch tut er es manchmal. Denn Vater Ferdinand Hirscher, dem diese seltene Haarpracht gehört, hat Flugangst. Er reist nur an Orte, die er mit dem Auto erreichen kann – wie nach Are. Im Gepäck: 30 Paar Ski.

Sein Sohn ist der Tüftler schlechthin im Weltcup – das ist längst auch der 63-Jährige. Er führt ein rotes Buch mit sich, in dem er jedes Detail der einzelnen Ski festhält. Wie welcher auf welchen Typ von Unterlage reagiert, wie aggressiv er ist. Diese Akribie und Liebe zur Finesse macht oft den grossen Unterschied zur Konkurrenz. Läuft es einmal nicht im 1. Lauf, setzen die Hirschers auch gerne auf Risiko. Wie in Adelboden in diesem Jahr, als sie einem Ski vertrauten, den sie kaum je getestet hatten. Aus 12 Hundertsteln Rückstand auf Kristoffersen wurden 71 Vorsprung und der Sieg.

Der Workaholic, der um 4 Uhr Tagwache hat

Michael Pircher, Training. (Bild: Imago/Eibner Europa)

Tagwache um 4 Uhr ist beim 43-Jährigen nicht die Ausnahme, sondern schon eher die Regel. Pircher, der Michael heisst, den aber alle Mike nennen, gilt als Workaholic. Er sei ein Perfektionist und sich für nichts zu schade, sagt Hirscher. Österreichische Journalisten sprechen von einer Detailversessenheit, die ihresgleichen sucht.

Pircher fuhr selbst Rennen, stürzte schwer und musste mit einem zertrümmerten Oberschenkel aufhören, bevor die Karriere richtig losging. Er ­studierte Sportwissenschaften, betreute Snowboarder, arbeitete als Konditionstrainer. Seit 1999 steht er in Diensten des österreichischen Skiverbandes, 2013 entschied dieser, dem durchgestarteten Branchenprimus einen Privat­coach zur Seite zu stellen. Die Verpflichtung stand für den individuellen Weg, den Hirscher einschlagen sollte. Nur wenige Wochen nach Hirscher wurde auch Pircher im November erstmals Vater.

Bei ihm holt Hirscher den letzten Schliff

Thomas Graggaber, Ski. (Bild: GEPA/Christian Walgram)

Der Mann kann einem leidtun. Was der sich anhören muss. Es läuft so: Hirscher fährt runter, schnell, und schimpft doch übers Material. Für den Servicemann bedeutet das: Zurück in den Container, schleifen, schrauben, damit die Atomic-Latten im zweiten Lauf passen. Letzte Saison gab es für jeden Slalom ein neues Modell. 2017 hatte Graggaber 100 Paar Ski mit nach Beaver Creek genommen, innert vier Tagen wurden sie getestet – nichts mit 40-Stunden-Woche. 300 Tage verbringen die beiden pro Jahr zusammen, das Verhältnis ist professionell, Graggaber bezeichnet seinen Chef als «sehr fordernden Tüftler». Hirscher sagt: «Hat Thomas einen schlechten Tag, kann ich meinen besten haben und ich bin chancenlos.» Die Aussage macht deutlich, welcher Druck auf Graggaber lastet.

Der 38-Jährige war zweimal Junioren-Weltmeister in der Abfahrt, 2005 stürzte er in Kitzbühel schwer, die Lunge war beschädigt. Er kam nie mehr in Fahrt.

Der Mann, der mehr ist als ein Lastesel

Stefan Illek, Medien. (Bild: Imago/Eibner Europa)

Da rennt der Mann wieder. Diesmal eine Treppe hoch. Zwei Journalisten warten zuoberst auf der Tribüne in Adelboden. Es ist Samstagabend, Startnummernübergabe für den Slalom. Ein Interview gebe es hier mit Hirscher, bevor dieser unten auf die Bühne tritt. Hirscher kommt – und läuft vorbei. «Sorry», sagt Stefan Illek. «Kommt hinunter.» Er spurtet voraus, fängt Hirscher ab, vier Fragen, vier Antworten.

Illeks Leben hat mit Hektik zu tun, mit Vertrösten, mit Absagen. Als Hirscher 2012 erstmals den Gesamtweltcup gewann, wurde Illek sein Medienbetreuer. Seither fällt der 42-Jährige, der einst FIS-Rennen bestritt und die Streif in Kitzbühel 46-mal als Vorfahrer und Kameramann bewältigte, vor allem auf, weil er allerlei Material durch die Zielgelände buckelt. Doch er ist mehr als ein Lastesel, «er ist ein ganz enger persönlicher Vertrauter», sagt Hirscher. Ende Saison hört Illek auf, die Hektik. Er kümmert sich fortan um seine Familie.

Auf seinem Bauernhof wird geschwitzt

Gernot Schweizer, Fitness. (Bild: PD)

Es ist ein umgebauter Bauernhof im salzburgischen Abtenau, abgelegen, unscheinbar. In den Scheunen und auf den Wiesen wird gesprungen, gehüpft, gehoben, vor allem gelitten. Schweizers Trainingszentrum ist der Ort, wo die Basis gelegt wird für den Winter. Der Athletikcoach gehört seit Sommer 2014 zu Hirschers Clan, er krempelte einiges um. Bald waren Schultern und Schenkel seines Athleten breiter, acht Kilogramm an Muskelmasse legte Hirscher zu, nahm in der Vorbereitung täglich 5000 Kalorien zu sich. Dopinggerüchte kamen auf, sie blieben aber leise.

Schweizer, der auch Manuel Feller betreut, entwickelt die meisten Übungen selber, geht mit Hirscher auch boxen, kein Training gleicht dem anderen. Der Deutsche geniesst im Nachbarland hohes Ansehen, im Zuge der Strategie zur Förderung des Leistungssports wurde er von Sportminister Heinz-Christian Strache gar zum nationalen Bewegungskoordinator ernannt.

Er fährt für Hirscher 50'000 Kilometer

Josef Percht, Physio. (Bild: Imago/Eibner Europa)

Während Hirscher auch einmal im Privatjet an ein Weltcuprennen reist, legt Physiotherapeut Josef Percht mit ganz wenigen Ausnahmen jede noch so lange Strecke im Auto zurück. Das viele Material, das er mitführt, eignet sich nicht für Flugtransfers. Rund 50 000 Kilometer sammeln sich pro Jahr an.

Percht wird gerne als Guru bezeichnet, der das Handy nie ausschaltet, weil er für Hirscher immer erreichbar sein will und ihn auch nach Mitternacht massieren würde. Percht war einst Servicemann im Alpinbereich, später Physiotherapeut bei Österreichs Biathleten, er ist mit der einstigen Biathlon-Weltmeisterin Jekaterina Jurlowa verheiratet. Der 44-Jährige kümmert sich auch um Bereiche wie Ernährung, Schlaf, Gleichgewicht ­zwischen Belastung und Regeneration. Nicht von ungefähr bestreitet Hirscher in Are nur Riesenslalom und Slalom. Er sagt: «Ich arbeite mit dem Besten. Und der Beste verlangt mir alles ab.»

Erstellt: 15.02.2019, 12:15 Uhr

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