«In Diktaturen ist es für uns einfacher»

Gian Franco Kasper ist 75 und seit 1998 Präsident des Internationalen Skiverbandes FIS. Vor dem WM-Start in Åre äussert der Engadiner Zweifel am Klimawandel.

Ski-Chef Gian Franco Kasper ist ein Mann klarer Worte und scheut auch provokante Meinungen nicht. Fotos: Urs Jaudas

Ski-Chef Gian Franco Kasper ist ein Mann klarer Worte und scheut auch provokante Meinungen nicht. Fotos: Urs Jaudas

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Es beginnt die WM: Wer schaut noch Skirennen?
Vor allem Menschen ab 40. Interessant ist, dass dieses Alter seit Jahren gleich bleibt, entgegen allen Behauptungen.

Wie steht es um den alpinen Skirennsport?
In der Schweiz heisst es, er befinde sich auf dem absteigenden Ast. Bezüglich Fernseheinschaltquoten stimmt das nicht. Trotzdem: Der Slogan, alles fährt Ski, gilt nicht mehr. Die zweite Generation von Einwanderern hat mit Ski fast nichts zu tun, es gibt kaum noch Skilager.

Sehen Sie Handlungsbedarf?
Es ist nicht einfach, mehr Zuschauer zu bekommen bei diesem riesigen Angebot mit elektronischen Spielen und was weiss ich allem.

Die FIS ist behäbig, der Sport kommt daher wie vor 50 Jahren.
Schauen Sie, was wir heute alles haben, nur schon auf dem Bildschirm mit den Daten. Wir können über Rennformate diskutieren, nur: Wir werden auch in ­ ­Zukunft von oben nach unten fahren und nicht umgekehrt.

Wäre es nicht möglich, mit einer guten Marketingstrategie viel mehr Geld zu generieren wie in anderen Sportarten?
Uns geht es gar nicht darum, möglichst viel Geld zu machen. Durch Marketing Geld zu generieren für den Sport? Jederzeit! Aber Geld zu generieren aus dem Sport, das machen wir nicht. Wir sind in erster Linie Werbeagentur für den Wintertourismus.

Wie schwer ist das derzeit?
In der Schweiz ist der Skisport zu teuer, eine Familie mit drei Kindern kann sich das kaum mehr leisten – dagegen kosten Flüge in die Karibik fast nichts.

«Jedem, der ­schlotternd auf mich zukam, sagte ich: Welcome to the global warming.»

Und viel umweltschädlicher sind solche Ferien auch nicht. Hören Sie kritische Stimmen?
Ich höre, dass wir nicht mehr auf Kunstschnee fahren und nicht mehr mit dem Auto Sachen transportieren sollen, das sei Umweltverschmutzung. All die Leute, die nach Adelboden reisen, das tue der Umwelt nicht gut. In die Fussballstadien dürft ihr schon, nur nicht hinaus in die Natur.

Ihrem sarkastischen Unterton zufolge: Sie nehmen dieStimmen nicht ernst.
Überhaupt nicht. All die Diskussionen über Kunstschnee oder Wasserverschwendung: Das hört einfach nicht auf. Obwohl kein einziger Tropfen verloren geht. Die Energie, die es dafür braucht, ist etwas anderes, aber bezüglich Wasserverschwendung: Spritzen Sie den Garten, ist das Wasser auch nicht ein für alle Mal weg. Solche Sachen sollen gegen den Skisport sprechen. Und dann gibt es auch noch den sogenannten Klimawandel . . .

. . . sogenannt?
Es gibt keinen Beweis dafür. Wir haben Schnee, zum Teil sehr viel.

Auch, weil es wärmer wird und in Lagen schneit, in denen es früher dafür zu kühl war.
Ich war an Olympia in Pyeongchang, zu Beginn war es minus 35 Grad. Jedem, der schlotternd auf mich zukam, sagte ich: Welcome to the global warming.

In Adelboden friert schon lange keiner mehr.
Es gab schon immer kalte und wärmere Winter.

Behaupten Sie, es stimme nicht, dass die Temperatur in den letzten 100 Jahren global stieg?
In den 60er- und 70er-Jahren wurde es jedes Jahr etwas kälter. Aber ich glaube an die Klima­erwärmung, klar.

Wir hören wieder diese Ironie.
Es ist wie beim Borkenkäfer. Ginge es nach den Medien und der öffentlichen Meinung, dürften wir längst keine Wälder mehr haben. Vor 20 Jahren wütete der Borkenkäfer, es dürfte kein Baum mehr stehen.

Sind Sie ein Freund von Trump?
Gar nicht, aber ein Freund der Wissenschaftler und der Grünaktivisten, die mit allen Mitteln einen Borkenkäfer suchen und ihn einfach nicht finden . . .

Ist Ski fahren bezüglich Umwelt nicht ein Irrsinn?
Von klein auf stellte ich mir die Frage, ob ich durch den Tiefschnee laufen will bis zum Kindergarten, oder ob ich mit den Ski hinunterfahre.

Wir sehen das Problem eher beim Hochfahren.
Der Mensch wurde halt bequemer. Aber ja: Unsere Sportart verbraucht enorm viel Energie. Doch ich glaube, die Menschen machen noch andere Dummheiten, als in die Natur zu gehen und das Skifahren zu geniessen.

«In der Schweiz ist der Skisport zu teuer»: Gian Franco Kasper

Was tut die FIS für die Umwelt?
Wir versuchen, die Umwelt beim Neubau von Pisten zu schonen. Wir geben einen Haufen Geld für Studien aus. Aber bei uns denken auch nicht alle gleich: Werden in Norwegen 10000 Bäume gefällt, sagt jeder Danke. Bei uns ist schon ein einzelner Baum eine Katastrophe. Alle zehn Jahre haben wir unser Mainau-Forum, ein Manifest beinahe auf der Ebene des Nobelpreises. Dort wird mit den Kapazitäten über die Umwelt gesprochen. Wir werden nicht die Welt ändern – doch wir versuchen es.

Wie in Pyeongchang, wo 100000 Bäume gefällt wurden für die Abfahrtspiste?
Das waren eher Büsche als Bäume. Aber es war ein Rieseneingriff, keine Frage.

In einem Naturschutzgebiet.
Ja.

Das nehmen Sie mit einem Schulterzucken hin?
Das Olympische Komitee hat die Spiele nach Südkorea vergeben. Für uns wäre es kein Problem gewesen, die Abfahrt in Japan durchzuführen. Nur verstehe ich die Koreaner, die fragen, warum nicht auch sie das Recht haben sollen auf touristische Skipisten.

Wird es in Peking 2022 noch schlimmer?
Dort ist schon alles gefällt. Das ist kein Problem.

Deshalb ist es kein Problem?
China hat ein riesiges Gebirge, dort hat es jetzt eine Schneise. Warum sollen die Millionen Menschen in Peking nicht auch Zugang haben zu einem Skigebiet?

Alles für den Skisport, egal mit welchen Auswirkungen?
Ganz und gar nicht. Nur hat jedes Land das Recht, den eigenen Leuten einen Zugang zu Skipisten zu ermöglichen.

Stehen Sie hinter Olympischen Spielen in Ländern wie China?
Nein, aber wenn diese Länder etwas tun für den Skisport und die dortige Bergbevölkerung, habe ich nichts dagegen.

Sie betonen immer, dass Sie ein Bergbauer seien. Schmerzen Sie solche Verschandelungen der Natur nicht?
Doch. Aber wir können doch fremden Ländern nicht vorschreiben, was sie machen dürfen und was nicht.

«Wir finden keine Olympiakandidaten mehr, es ist zu teuer, zu gross – was es da alles braucht!»

Als ehemaliges IOK-Mitglied bestimmten Sie aber mit, wer den Zuschlag bekam.
Wir hatten die Auswahl zwischen China und Kasachstan. Ich kann verstehen, dass es Leute gibt, die sagen, wir müssten das Potenzial von China nutzen. Was in China gebaut wird, ist sicher der reine Wahnsinn. Nur: In der Schweiz wurde das auch gemacht, einzig dauerte es bei uns 150 Jahre. Machen das Länder in fünf Jahren, fällt es natürlich auf. Die 51 Milliarden Euro, die in die Spiele von Sotschi investiert wurden, sind verrückt. Bei uns aber war das nicht billiger.

Sieht es bei uns in den Bergen so aus wie in Sotschi?
Das Skigebiet Rosa Chutor läuft wie verrückt. Aber unten in Sotschi, im olympischen Dorf, geht nichts, es ist katastrophal.

Ist Olympia, dieser Koloss, noch zeitgemäss?
Der Gigantismus ist gewaltig. Darum finden wir auch keine Kandidaten mehr, es ist zu teuer, zu gross – was es da alles braucht! Es gibt zu viele Sportarten, das alles kostet ein Heidengeld.

Wird es noch einmal Olympia in der Schweiz geben?
Ich glaube nicht mehr daran. Fast überall in Europa wird man für solch einen Anlass keine Volksabstimmung mehr gewinnen.

Wären Sie nicht FIS-Präsident: Hielten Sie Olympische Spiele für etwas Sinnvolles?
Ganz klar. Das Interesse am Sport steigt, Olympia sorgt für Unterhaltung. Die Freude und die Trauer, das Patriotische – es macht die Spiele einzigartig.

Sind also die Leute in Europa zu vernünftig geworden, weshalb das IOK in unvernünftige Länder ausweichen muss?
Wenn man so will, dann stimmt das. Diktaturen können solche Veranstaltungen mit links durchführen, die müssen nicht das Volk befragen.

Und das nehmen Sie in Kauf?
Was wollen Sie dagegen tun?

Sie könnten sagen: Hier ist die Grenze. Oder gibt es die nicht?
Es geht um den Sport, wo er stattfindet, ist in gewisser Weise sekundär.

All das Drumherum, ­Menschenrechtsverletzungen etwa, das alles ist Ihnen egal?
Es ist nun einmal so, dass es für uns in Diktaturen einfacher ist. Vom Geschäftlichen her sage ich: Ich will nur noch in Diktaturen gehen, ich will mich nicht mit Umweltschützern herumstreiten.

Also gibt es keine Grenze?
Es stimmt nicht alles, was berichtet wird. Der Sport kann auch Türöffner sein, vielleicht haben wir in Pyeongchang mit dem vereinigten Team Korea einen Beitrag zur Öffnung Nordkoreas geleistet. Aber: Ich will nicht in ein Land gehen, dort in den Skisport investieren, während die Bevölkerung verhungert, da ziehe ich die rote Linie. Wenn sich Katar morgen meldet für Olympische Spiele, dann bin ich dagegen.

Sie haben mehr Skrupel als die Fussballer, Handballer und Velofahrer, die dort ihre WM austrugen oder austragen?
Es geht mir nicht um politische Sachen. In Katar gibt es schlicht zu viel Sand auf dem Schnee.

Erstellt: 04.02.2019, 00:46 Uhr

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