Reichelt und die Verrückten

Der Österreicher wurde in einem denkwürdigen Rennen Weltmeister im Super-G.

Auf Kopf und Schulter statt auf den Ski: Bode Millers wildes Comebackrennen endete nach erstklassigen Zwischenzeiten jäh. Foto: Marco Trovati (Keystone)

Auf Kopf und Schulter statt auf den Ski: Bode Millers wildes Comebackrennen endete nach erstklassigen Zwischenzeiten jäh. Foto: Marco Trovati (Keystone)

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Genauso muss Skisport doch sein. Dramen und Sensationen, wilde Stürze und akrobatische Korrekturen. Ein nicht ­unerwarteter Sieger und ein Zweiter, den gar niemand auf der Rechnung hatte. Genauso halt wie beim WM-Super-G der Männer unter blauem ­Himmel auf der Birds of Prey in Beaver Creek. Gewiss, das alles lässt sich leichter sagen, wenn es keine schweren Verletzungen gegeben hat, aber für so ein Rennen gibts nur ein Wort: Spektakel.

Wo anfangen bei all den wahnwitzigen Geschichten? Bei Sieger Hannes ­Reichelt, der vor Dustin Cook (Ka) und Adrien Théaux (Fr) gewann? Der als ­Sieger am Lauberhorn in Kitzbühel nur 24. und 34. und von heimischen Medien schon zur persönlichen Krise befragt wurde? Nein, das ist kein guter Anfang, viel zu normal ist sein Erfolg. Dass es nach Anna Fenninger bereits die zweite Goldmedaille für Österreich ist, kommentierte er gewohnt launig: «Das US-Team hat uns bei der Heim-WM in Schladming die Show ein bisschen gestohlen, jetzt sind wir hier dran.»

Bode Miller ist vielleicht doch der bessere Anfang. Drei Monate nach ­seiner Rückenoperation raste er die Strecke unnachahmlich hinunter: Das sieht so unkontrolliert aus und ist doch einfach Bode-Style. Er war bei den Schnellsten. Bis zu jener vertrackten, schräg nach rechts hängenden Kurve in Abyss, in der er das Tor wagemutig eng ansteuerte. Miller krachte mit der linken Schulter ins Tor, es verdrehte ihn, fast schon akrobatisch vermied er den fatalen Sturz auf den Rücken.

Dies alles geschah im unteren Teil, die Zuschauer auf der ausverkauften ­Tribüne waren Augenzeugen – mit Ehefrau Megan und den beiden Kindern. ­Miller rutschte auf dem Hosenboden Richtung Ziel, er konnte nicht bremsen, es war wie ein Symbol, der gefallene Held ohne Kontrolle. Die Fans hatten entsetzt aufgeschrien, dann brach gespenstische Stille aus. Bis Miller den Arm hob und winkte, Jubel setzte ein, er war wieder der Chef. Er blieb unverletzt, lediglich eine tiefe Fleischwunde musste ver­arztet werden. Aber wie sagte der Norweger Aksel Svindal dazu: «Mit Fleischwunden können wir umgehen. Gerissene Bänder und gebrochene Knochen mögen wir nicht so sehr.»

Der rasende Aussenseiter

Apropos Svindal. Am 19. Oktober war ihm die Achillessehne gerissen, nun wurde er Sechster. Im Ziel breitete der Norweger die Arme aus, er ist wieder da. Damit ging es ihm besser als Landsmann Kjetil Jansrud. Der grosse Favorit startete, als wolle er auf dem Weg ins Ziel alle Tore mitnehmen, das zweite riss er tatsächlich um und prellte sich dabei die Schulter, er fand die Ruhe nicht, aber kämpfte wie ein Berserker. Die Bronzemedaille, zeitgleich mit Abfahrtsolympiasieger Matthias Mayer (Ö), schien der verdiente Lohn.

Schien. Dann katapultierte sich oben mit der hohen Startnummer 28 Dustin Cook aus dem Starthaus. Und es begann die schönste Geschichte dieses verrückten Super-G. Nie war er im Weltcup besser als 12. gewesen. Natürlich hatte er immer wieder einmal durch starke Abschnittszeiten aufhorchen lassen, sein Cheftrainer Martin Rufener lobt ihn oft für seine guten Trainingsfahrten. Aber wer konnte damit rechnen, dass er ausgerechnet an diesem Tag alles so perfekt zusammenbaut? Er selbst. «Ich weiss, dass ich schnell Ski fahren kann», sagte der 25-Jährige aus Ontario. «Ich bin von Silber nicht überrascht.» Hätte nur noch gefehlt, dass er sich beschwerte, weil er den ganz grossen Triumph um lediglich 11 Hundertstel verpasst hatte.

Erstellt: 05.02.2015, 23:07 Uhr

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Das nennt man ein akzeptables Teamresultat. Rang 7 für Didier Défago, dahinter Carlo Janka (12.), Patrick Küng (16.) und Mauro Caviezel (17.). Nur ist das an einer WM nutzlos. Défago, Janka und Küng waren mit dem Ziel Podestplatz am Start, entsprechend enttäuscht waren sie. Vor allem Défago, der Bronze um 15 Hundertstel verpasste. «Der Frust ist gross», sagte der Walliser nach dem letzten WM-Super-G seiner Karriere. «Ich wollte voll dabei sein, aber jetzt bin ich nur dabei.»

Défago unterlief wie den Teamkollegen kein grosser Fehler, aber die paar kleinen waren zu viel. Er sei nach gutem Start im mittleren Teil einige Tore zu wenig direkt angefahren, sagte er. Was umso ärgerlicher gewesen sei, weil er sich richtig gut gefühlt hatte auf den Ski, «ich liebe diese Art Schnee».

Küng fand vom Start weg die Ruhe nicht, «bei den ersten Toren pushte ich viel zu viel», sagte der Glarner. Er sei danach bis ins Ziel nicht mehr richtig ins Fahren gekommen. Anders als bei Défago fühlte er sich nie richtig wohl auf den anderthalb Minuten bis ins Ziel – «die Zeit, die dort aufleuchtete, bestätigte meinen Eindruck», sagte er sarkastisch.

Janka wiederum trauerte einem «unnötigen Fehler» nach dem Golden-Eagle-Sprung nach, «da hab ich die Richtung verpasst und bin in den tiefen Schnee geraten». Mit einem erzürnten Fausthieb in die Luft zeigte der Obersaxer im Ziel eine für ihn ungewohnt heftige Reaktion. Sie zeigte, dass er sich wesentlich mehr ausgerechnet hatte und dass er – bis auf diesen Fehler – mit seiner Fahrt recht zufrieden gewesen war. (can.)

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