Spitzensport, der keinen interessiert

Vielen olympischen Anlässen in Rio de Janeiro bleiben die Zuschauer fern – nicht nur wegen der Ticketpreise. Nun haben die Organisatoren einen Plan.

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Ingrid Klimke hat ihr Ziel erreicht: den Gewinn einer Silbermedaille in Rio de Janeiro. Dennoch ist bei ihr leise Enttäuschung zu spüren: «Hier war ja nichts los», sagte die Deutsche nach ihrem Silberritt. Sie vollbrachte ihre Spitzenleistung im Dressurreiten vor mehrheitlich leeren Rängen. Selbst bei den Turnieren im vergleichsweise beschaulichen Münster sei jeweils mehr los als in der brasilianischen Millionenmetropole.

So geht es vielen Sportlern in Rio. Sie bereiten sich während Monaten akribisch auf ihren Auftritt vor. Und dann – wenn der Tag X gekommen ist – scheint sich kaum einer für sie zu interessieren.

Leere Sitze, wo man hinschaut. (Video: Youtube)

Ein tristes Zuschauerbild präsentierte sich im Frauentennis – normalerweise ein Garant für solide Zuschauerzahlen. Doch als sich Martina Hingis und Timea Bacsinszky erfolgreich in den Final spielten, taten sie dies mehrheitlich auf düsteren Nebenplätzen und vor leeren Rängen. Selbst im Final klafften auf der Tribüne noch Lücken. Nicht mal Martina Hingis – einer lebenden Tennislegende – gelingt es, die Zuschauer ins Stadion zu locken. Das Internationale Olympische Komitee (IOK) versprach im Vorfeld eine Auslastung von 85 Prozent. Stattdessen herrscht an der heissblütigen Copacabana ungewohnt unterkühlte Stimmung.

Unzufriedenes IOK

«Ich würde mir wünschen, dass da grössere Menschenmengen wären», sagte IOK-Vizepräsident John Coates zur BBC. Es seien die schwierigsten Spiele, die das Komitee je erlebt habe. Aufgrund der fehlenden Emotionen dürfte es für die Organisatoren schwer sein, den Anlass zu verkaufen. Zumal die bisweilen schlechte Stimmung dank TV-Übertragung auf der ganzen Welt sichtbar wird.

Die Zuschauermisere ist auch selbst verschuldet. Viele Tickets vergab das IOK bereits im Vorfeld an die Sponsoren, die den Anlass mit rund zwei Milliarden Dollar unterstützten. Die zugesicherten Kontingente werden allerdings höchst unterschiedlich genutzt. Als Juan Martin Del Potro im Tennis-Halbfinal Rafael Nadal aus dem Turnier feuerte, waren die Ränge voll. Der anschliessende Frauenfinal erschien vielen Sponsoren nicht mehr attraktiv genug – etliche Zuschauer verliessen das Stadion.

Dabei liesse sich das Stadion mehrfach füllen. Unter den rund sechs Millionen Einwohnern Rio de Janeiros hätte es genügend Sportbegeisterte. Doch das Auswahlverfahren der Brasilianer erscheint etwas selektiv: Wenn ein einheimischer Sportler die Bühne betritt, kocht die Stimmung. Ist dessen Auftritt vorbei, verlassen einige das Stadion – noch während der Anlass läuft.

Mehr Stimmung dank Kindern?

Die Organisatoren überlegen sich nun, die Stimmung mit begeisterungsfähigen Kindern zu heben: «Wir würden die Plätze gerne mit Schulklassen füllen», kündigte OK-Sprecher Mario Andrade an. Das müsste allerdings kostenlos geschehen. Zwar sind die Tickets in Rio wesentlich günstiger als in London. Doch selbst umgerechnet 30 Franken sind für die meisten Brasilianer kaum zahlbar. 2015 betrug ihr durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen rund 280 Franken pro Monat. Über eine Million Tickets standen beim Beginn der Sommerspiele noch zum Verkauf.

Weite Wege zwischen den Spielstätten. (Grafik: Brasilien.info)

Zuweilen scheitert der Kauf auch an der Infrastruktur. So seien die Tickets nur übers Internet verfügbar, wie die SRF-Sendung «10 vor 10» berichtete. Dafür wird jedoch eine Kreditkarte benötigt – ein Zahlungsmittel, das vielen Brasilianern nicht offensteht. Ein weiteres Problem sind die teils abgelegenen Spielstätten im weitläufigen Rio. Um zu den Stadien zu gelangen, müssen weite Wege zurückgelegt werden. Für viele Brasilianer scheitert die Reise dann beim Kauf der überdurchschnittlich teuren ÖV-Tickets.

Gestank ist ein weiterer Grund, der die Spiele nicht attraktiver macht. Rio hat mit einem maroden Abwassersystem zu kämpfen, was sich weitherum bemerkbar macht. So klagten nicht nur Wassersportler über Fäkalgeruch, sondern auch die deutschen Hockeyaner. Direkt neben der Arena im Nordwesten Rios fliesst ein Kanal, dessen Geruch bis ins Stadion weht. Das stinkt nicht nur den Olympioniken, sondern auch den Zuschauern. Der Zuschauerandrang während der ersten Spiele blieb weit unter den Erwartungen.

(mrs)

Erstellt: 16.08.2016, 12:39 Uhr

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