Der berüchtigte Sportminister

Witali Mutko ist das politische Gesicht des russischen Sports. Werden heute Russlands Leichtathleten von Olympia ausgeschlossen, droht auch sein Fall.

Beschwichtigen, erklären, attackieren: Funktionär Witali Mutko beherrscht ein breites Rollenrepertoire. Foto: Alexander Zemlianichenko (Keystone)

Beschwichtigen, erklären, attackieren: Funktionär Witali Mutko beherrscht ein breites Rollenrepertoire. Foto: Alexander Zemlianichenko (Keystone)

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Wenn Witali Leontjewitsch Mutko mit kritischen Fragen konfrontiert wird, verengen sich seine kleinen Augen zu Schlitzen, presst er die Lippen zusammen. Dann hat er so gar nichts mehr von jenem jovialen Politiker und Gesprächspartner, der er in entspannteren Situationen sein kann. In den vergangenen Monaten hielt sich der Spass des russischen Sportministers in engen Grenzen. Seit 2015 prasselt eine Dopingmeldung nach der anderen über ihn und sein Land herein, vor neun Tagen wurde er von der ARD gar bezichtigt, eine positive Dopingprobe vertuscht zu haben. Und am letzten Samstag an der Fussball-EM feuerte er die eigenen Hooligans nach dem Spiel gegen England im Stadion mit Jubelgesten an.

Über mangelndes Interesse an seiner Person kann sich der 57-Jährige darum nicht beschweren. In den vielen Monaten unter Beobachtung hat er sein feuriges Temperament manchmal ein wenig zu zügeln gelernt, was nicht bedeutet, dass Mutko die leisen Töne lieben gelernt hätte. Als ein renommiertes Expertentrio der Welt-Anti-Doping-Agentur im Herbst 2015 nach langen Recherchen zum Schluss kam, dass in der russischen Leichtathletik systematisch gedopt werde und Mutko «davon unmöglich nichts habe mitbekommen können», nannte er den Bericht «ohne Basis» und «erdichtet». Die beiden Whistleblower, welche den Skandal erst aufdeckten, nennt er bis heute «Verräter», und er bezichtigte den Internationalen Leichtathletik-Verband, über 150 positive Proben vertuscht zu haben.

Der deutsche Lieblingsfeind

Wenn Mutko bzw. der russische Sport also hart kritisiert wird, stellt er sich wie ein beschützender Vater vor seine Familie. In erster Linie sind seine Propaganda­auftritte eine Rückversicherung ans eigene Volk: Wir lassen uns von den bösen Westlern nicht einfach herumschubsen, besagen sie. Und: «Die Erfindungen» sind ganz einfach eine «konzertierte Verschwörung der Gegner», die Russland den sportlichen Erfolg «neiden». Zu seinem innigsten Feind hat er den Journalisten Hajo Seppelt erkoren. Der Deutsche legte mithilfe der beiden Whistleblower fast im Alleingang die Verfehlungen des russischen Sports offen. Im Selbstverständnis von Mutko will Seppelt schlicht seinen Abgang, aus persönlichen Motiven. Andere Gründe kann Mutko für die Recherchen von Seppelt nicht erkennen.

Der Journalist aber ist für Mutko eigentlich ein peripheres Problem. Als Sportminister hat er sich mit zwei weitaus substanzielleren Themen zu beschäftigen: wie er der Suspendierung der russischen Leichtathleten von allen internationalen Wettkämpfen und damit dem drohenden Ausschluss von den Olympischen Spielen begegnen kann – und wie er die ebenfalls suspendierte eigene Anti-Doping-Agentur wieder zum Funktionieren bringt. In beiden Fällen hat er das Personal ausgewechselt, doch diese kosmetischen Retuschen reichen nicht aus, den Ausschluss-GAU zu verhindern.

Charmeoffensive per Brief

Heute entscheidet der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) über das Schicksal der Russen und damit indirekt auch über die Karriere von Witali Mutko. Fallen seine Leichtathleten, wird er wohl auch um sein politisches Überleben kämpfen müssen. Mit einer Charmeoffensive hat Mutko zum Wochenbeginn reagiert und der IAAF in einem Brief seine Sicht dargelegt. Sein Kernargument: Ja, einzelne russische Athleten hätten betrogen und gehörten gesperrt, die vielen ehrlichen russischen Leichtathleten allerdings mittels Ausschluss mitzubestrafen, sei unstatthaft. Zumal in Russland die Zahl an Gedopten kein bisschen höher sei als bei anderen Nationen. Überdies habe sein Land alle Vorgaben der IAAF erfüllt und mit deren Taskforce reibungslos zusammengearbeitet. Für Mutko ist darum klar: Man kann die russischen Leichtathleten unmöglich von Rio ausschliessen.

Fast zur gleichen Zeit publizierte die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ein Dokument, in dem sie detailliert auflistete, wie quer sich der russische Sport im Anti-Doping-Kampf weiterhin stellt. Von einem tiefgreifenden Wandel kann die Wada nichts erkennen. Fairerweise muss man Mutko zugutehalten, dass er eine Kultur des Betrügens, die sich über viele Jahrzehnte in die Köpfe der Sportler, Trainer und Funktionäre zu fressen schien, nicht in wenigen Monaten tilgen kann.

In Putins engstem Kreis

Ob Mutko allerdings die richtige Person ist, diese Mentalität abzustellen, darf aufgrund seiner Biografie bezweifelt werden. Aufgewachsen in Krasnodar ganz im Westen des Landes, studierte er in St. Petersburg (damals Leningrad) und avancierte in den 1990er-Jahren zu einem der Vizepräsidenten der Stadt. Ein anderer Vizepräsident von St. Petersburg hiess damals Wladimir Putin, ein weiterer Mitarbeiter Dmitri Medwedew. Mutko zählt mittlerweile zu den engen Vertrauten von Präsident Putin, der zu den Sportproblemen im Land lange schwieg, ehe er hartes Durchgreifen von seinem Sportminister forderte.

Es war allerdings Medwedew, Russlands Präsident von 2008 bis 2012, der Mutko öffentlich blossstellte. Erst seit kurzer Zeit im Amt, waren die Olympischen Winterspiele von 2010 Mutkos erster Grossanlass. Trotz vieler Staatsmillionen fiel die russische Delegation durch. Bloss drei Titel brachte sie heim. Eine von Medwedew angeordnete parlamentarische Untersuchung brachte zum Vorschein, dass Mutko 97 Frühstücke im Wert von 4500 Dollar abrechnen liess – für seinen 20-tägigen Aufenthalt. 32 000 Dollar betrugen seine Hotelkosten. Statt Mutko musste jedoch der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees zurücktreten. Das Bauernopfer genügte.

Ein Herz für den Fussball

Ohnehin schlägt das Sportherz von Mutko mehr für den Fussball als für den olympischen Sport. 1995 bis 2003 präsidierte er Zenit St. Petersburg und machte ihn zum Spitzenclub ­– auch dank Mauscheleien, wie seine Kritiker behaupten. 2005 bis 2009 führte er den russischen Fussballverband, ehe er im selben Jahr in die Exekutive der Fifa gelangte und ab 2015 erneut an die Spitze des nationalen Fussballverbandes. In seiner Funktion als Multisportfunktionär war er auch der Vorsitzende der erfolgreichen russischen Fussball-WM-Kandidatur für 2018. Weil sein Englisch sehr bescheiden ist, fiel in jener Zeit primär der polyglotte OK-Chef Alexei Sorokin auf. Aus Jux schenkte Putin seinem Freund Mutko zu dessen letztem Geburtstag darum ein Englisch-Wörter­buch.

Zum fleissigen Sprachstudenten aber hat sich Witali Mutko in den turbulenten vergangenen Arbeitsmonaten nicht ­entwickeln können. Angriffe pariert er darum weiterhin in russischer Sprache, mit zusammengekniffenen Augen und gepressten Lippen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2016, 23:18 Uhr

Welt-Anti-Doping-Agentur

Grosse Zweifel an Russlands Reformwillen

Heute entscheidet der Weltleichtathletik- Verband IAAF in Wien, ob er die russischen Leichtathleten von den Olympischen Spielen in Rio ausschliesst. Primäre Basis für die Entscheidung werden die Ergebnisse einer IAAF-Taskforce sein, welche den Funktionären ab 9 Uhr präsentiert werden. Die Equipe um den norwegischen Anti-Doping-Spezialisten Rune Andersen hatte in den letzten Monaten als Bindeglied zwischen IAAF und Russland fungiert und die vom Verband vorgebrachten Änderungen überwacht. Kurz vor dem fundamentalen Entscheid hat nun die Welt-Anti-­Doping-Agentur ein 23-seitiges Dokument publiziert, in dem es Russland hart kritisiert und dem Land abspricht, sich im Dopingkampf glaubwürdig reformieren zu wollen.

Weil die nationale russische Anti-Doping-Agentur zurzeit suspendiert ist, testet die britsche Behörde in Russland. Allerdings konnte sie gemäss Wada zwischen Februar und Mai 736 geplante Dopingkontrollen nicht durchführen. Die Gründe: Die Athleten waren nicht anzutreffen, verweigerten die Tests, die Kontrolleure erhielten keinen Einlass (etwa in Militärkasernen), wurden vom Geheimdienst eingeschüchtert, von Trainern lange hingehalten oder fanden unbrauchbare Arbeitsbedingungen vor. Zöllner hätten zudem Kontrollen vor der Ausfuhr zerstört. Wer den Wada- Bericht liest, kann nur zu einem Schluss kommen: Die russischen Leichtathleten werden die Spiele in Rio bloss als Zuschauer miterleben. (cb)

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