Der verdrängte Tod

Wofür sterben Skirennfahrer? David Poissons Unfall stellt die Frage neu.

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Manchmal bricht durch, worüber meist geschwiegen wird. So letzten Winter bei Patrick Küng, dem Schweizer Abfahrtsweltmeister. «Wir riskieren unser Leben», sagte Küng im Interview und erinnerte an die Kitzbühel-Abfahrt 2016, die trotz prekärer Bedingungen durchgeführt wurde. «Die Show musste halt stattfinden.»

Dass Speed-Disziplinen noch immer gefährlich sind, zeigte sich diesen Montag. Der Franzose David Poisson starb im Training, er war von der Piste abgekommen und in einen Baum geprallt.

Stürze werden Statistiken

Spitzengeschwindigkeiten um 150 km/h, eisige Pisten, extremes Gefälle, enormer Leistungsdruck: Die Umstände, unter denen Abfahrten stattfinden, beschwören Lebensgefahr herauf. Heftige Stürze geschehen zwangsläufig, und manchmal nützen auch High-Tech-Netze nichts. In der Schweiz sind vor allem die Unfälle von Silvano Beltrametti und Daniel Albrecht noch präsent. Beltrametti ist seit der Abfahrt von Val d’Isère 2001 querschnittsgelähmt, Daniel Albrecht war nach seinem Sturz in Kitzbühel 2009 drei Wochen im Koma.

Das Risiko von Abfahrten und Super-G-Läufen wird mit spektakulären TV-Bildern inszeniert, zugleich wird die Lebensgefahr von allen Beteiligten weitgehend verdrängt. Ganz anders etwa im Stierkampf, hier ist der Tod ein fester Protagonist des Spektakels. Der Stier muss sterben, der Torero kann. Als letztes Jahr ein Torero getötet wurde, erklärte der Stierkampf-Experte von «El País», mit diesem Tod sähen wir «die aussergewöhnlichen Kräfte, die mit dem Stierkampf zusammenhängen: die Dialektik von Thanatos und Eros, Kreation und Tod». Ein solcher Kult befremdet hierzulande, ist im Skisport undenkbar. Hier werden Stürze routiniert zu Statistiken und Ausfallsmeldungen verwandelt, in der Art: «Kreuzbandriss, Rückkehr ist nächste Saison zu erwarten.» Niemand betrachtet die Toten und Schwerverletzten alpiner Abfahrten als Märtyrer, die Opfer erbringen und so den Ruhm ihres Metiers mehren. Stürze werden abgehakt und rasch vergessen. Unfälle tragen auch nicht zur Heldenbildung bei wie etwa in der Formel 1. Wer wäre Niki Lauda ohne das ikonische Bild vom brennenden Ferrari, Nürburgring 1976?

Mehr Geld fürs Risiko

Eine Mythisierung des Skis fand nie statt. Seine Ursprünge sind ja auch denkbar profan: Mit Brettern unter den Füssen konnte man Dinge leichter transportieren. Seine Erfinder sind nüchterne Skandinavier, seine Veredler distinguierte Briten. Dass das Skifahren auch ein Massensport ist, widerstrebt der Mythisierung ebenfalls – im Unterschied zum Stierkampf, der Rennwagen-Raserei und freakigen Extremsportarten wie etwa Wingsuit-Fliegen.

Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton sagt, die Gefahr mache den Reiz seines Sports aus. Skifahrer umkurven solches Pathos wie die Slalomstangen, ihr Selbstverständnis ist ein anderes. Sie reden lieber über die Details statt über das grosse Ganze, den Schwung oder die Ideallinie oder den Wachs, über die Zehntelsekunde, die man in einer schwierigen Passage leider verloren hat. Das ist auch Selbstschutz, man will ja den Geist nicht blockieren, die Katastrophe nicht herbeidenken.

Auch Patrick Küng wollte nicht die grossen Fragen stellen, die in seinem lebensgefährlichen Sport immer mitschwingen. Er forderte eine bessere Vermarktung, eine stärkere Mitsprache der Athleten und ein höheres Preisgeld. Mehr Gegenleistungen also für die Risiken, die er eingeht, während wir vom Sofa aus zuschauen. Küng klang nicht wie ein kühner Matador, sondern wie ein Bauarbeiter, der vor einem hohen, wackligen Gerüst steht und – völlig verständlich – eine Risikozulage fordert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.11.2017, 14:22 Uhr

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