«Er hat mich zerstört, als Mensch wie als Spieler»

Die Missbrauchsdebatte erfasst das Eishockey. Dabei stellt sich die Frage: Wo ist die Grenze des Tolerierbaren?

Ein Nebel liegt über dem Eishockey: Welche Enthüllungen folgen noch? (Foto: Don Smith/Getty)

Ein Nebel liegt über dem Eishockey: Welche Enthüllungen folgen noch? (Foto: Don Smith/Getty)

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Wer ist der nächste Angeklagte? Wer ist der nächste Eishockeycoach, von dem verbale oder tätliche Übergriffe gegenüber Spielern bekannt werden, die diese schwer trafen, traumatisierten? Einige Trainer dürften derzeit nicht gut schlafen und hoffen, dass nichts über sie herauskommt. Vielleicht reflektieren sie in einer ruhigen Stunde ihr Verhalten. Möglicherweise hinterfragen sich auch Väter oder Mütter, denen für den Erfolg ihrer Kinder jedes Mittel recht war.

Die Debatte kam ins Rollen am 25. November durch einen Tweet von Akim Aliu, einem Kanadier nigerianischer Abstammung. Der 30-Jährige schrieb, Calgarys Headcoach Bill Peters habe ihn in seinem ersten Jahr im Farmteam Rockford wiederholt rassistisch beleidigt. Noch vor kurzem wäre eine solche Anschuldigung einfach so verpufft. Diesmal löste sie einiges aus, äusserten sich plötzlich andere Spieler, die unter Peters gelitten hatten. Oder unter anderen Coachs alter Schule wie Mike Babcock oder Marc Crawford.

Akim Aliu (l.) bei einem Spiel für die Calgary Flames 2013. (Bild: AP)

Die Zeit war offenbar reif für diese Diskussion. Was auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun hat wie der #MeToo-Debatte. In den letzten zwei Wochen gab es nun zahlreiche Enthüllungen im Eishockey. Besonders ergreifend sind die Schilderungen von Johan Franzén, der im «Expressen» erzählte, wie ihn Babcock in Detroit mit seinen Psychospielchen bis an den Rande eines Nervenzusammenbruchs gebracht habe.

Chris Rivera klagt an

Der frühere Servette-Spieler Chris Rivera twitterte diese Woche, wenn er die Geschichten über Babcock höre, erinnere ihn das an seine Jahre unter Chris McSorley. Die beiden waren keine Freunde, das ist bekannt. Einmal verwehrte McSorley dem Stürmer nach einem Spiel in Basel den Zugang zum Bus, weil er sich auf der Bank respektlos verhalten habe. Rivera musste selber schauen, wie er nach Hause kam. Auf Twitter schrieb er nun: Ja, McSorley habe ihn ausgebildet, «aber er hat mich auch zerstört, als Mensch wie als Spieler».

Der 33-Jährige, der 2018 zurücktrat, möchte sich nicht weiter dazu äussern. Aber mit seinem Vorwurf ist diese Debatte in der Schweiz angekommen. Und damit werden viele Fragen aufgeworfen: Wo ist die Linie zu ziehen? Wo beginnt der Missbrauch? Kann man frühere Taten mit heutigen Standards messen? Reicht ein aggressives Anschreien eines Spielers, um als Coach als verdächtig gelten zu müssen?

Im Eishockey herrscht ein rauerer Umgangston als im Alltag.

Ist es eine Demütigung, wenn ein Trainer zu einem Spieler sagt, er habe noch nie jemanden trainiert, der so untalentiert sei? Oder ist es eine legitime Massnahme, ihn anzuspornen? Zumal jeder anders empfindet. Und was ist mit den Initiationsritualen, die man auch aus dem Militär kennt, und bei denen es dazu gehört, Grenzen zu überschreiten?

Man muss sich bewusst sein, dass im Eishockey ein rauerer Umgangston herrscht als im Alltag. Und dass hier extreme Emotionen gelebt werden und auch nötig sind, um die Leistungsgrenze hinauszuschieben. Schliesslich auch die Frage: Welche Verantwortung haben die Spieler in dieser Aufarbeitung? Ein Tweet ist schnell abgesetzt.

Die problematische Verbindung zur #MeToo-Debatte

Die Verbindung mit #MeToo ist problematisch, weil sie das, wofür #MeToo steht, verharmlost. Alltagssexismus, Übergriffe und Machtmissbrauch einflussreicher Männer gegenüber Frauen weltweit sind dann doch etwas ganz anderes. Das heisst aber nicht, dass es keine Parallelen gibt. Vor allem das Verschweigen. Dass man sich nicht zum Fehlverhalten eines Chefs äussert, weil man die Konsequenzen fürchtet. Und wer möchte schon als Unruhestifter gelten?

Dass die Debatte im Eishockey angestossen wurde, ist gut. Nicht weil es scheinbar unantastbare Erfolgstrainer mit neuen Massstäben beurteilt und auf einmal zu Tätern macht. Sondern weil es alle Parteien dazu zwingt, ihre eigene Rolle kritisch zu überprüfen und – was in ­erster Linie für die Trainer gilt – ihr Verhalten zu verändern.

«Die Kultur des Schweigens ist verheerend»

NHL-Insider Gare Joyce hofft im Interview, dass die Enthüllungen der Spieler über Rassismus, Tätlichkeiten und Demütigungen einen Wandel der Kultur im nordamerikanischen Eishockey bewirken.

Der Fall von Calgarys Headcoach Bill Peters, der wegen verbaler und tätlicher Übergriffe zurücktreten musste, hat einiges ausgelöst. Ins Rollen gebracht wurde er durch Akim Aliu, der Peters rassistische Äusserungen vorwarf. Wie kam es dazu?
Ich kenne Aliu seit 2006, als ich eine Story fürs «ESPN Magazine» über ihn schrieb, nachdem er im Training des Juniorenteams Windsor von Teamkollege Steve Downie angegriffen worden war. Downie schlug ihm mehrere Zähne heraus, und zufälligerweise hatte es ein Kameramann aufgenommen. Deshalb wurden das nationale News. Auch damals spielte schon ein rassistisches Element hinein, doch Aliu, mit nigerianischer Abstammung, wollte auf keinen Fall die Rassismuskarte spielen. Denn er befürchtete, dies könnte seiner Karriere schaden. Ich wusste auch von den Vorfällen mit Bill Peters.

Sie durften aber nichts schreiben?
Nein. Aliu bat mich, nichts zu schreiben. Vor zehn Tagen rief er mich an und sagte: «Schau dir mal meinen Twitter-Account an.» Da war es raus. Er ist 30, hatte wohl das Gefühl, dass er sportlich nicht mehr viel zu verlieren hat. Und es traf ihn, dass Peters einen NHL-Job hatte, er aber nicht. Wie schnell die NHL auf Alius Vorwürfe reagierte, dass ihn Ligachef Gary Bettman Tage später bereits zum Gespräch empfing, zeigt mir, wie sehr sich die NHL vor solchen ­Enthüllungen fürchtet. Sie würde die Situation gerne kontrollieren.

Was schwierig sein dürfte.Nach Aliu äusserten sich weitere Spieler über verbalen oder sogar tätlichen Missbrauch ihrer Ex-Trainer. Hat Sie diese Welle überrascht?
Ich bin mir nicht sicher, ob sich Aliu bewusst ist, was er alles ausgelöst hat. Und was der langfristige Effekt sein wird. Wäre er nicht an die Öffentlichkeit gegangen, hätte einer wie Johan Franzén, der in Detroit von Mike Babcock bis zum Nervenzusammenbruch gedemütigt wurde, sich nicht geäussert (gegenüber dem schwedischen «Expressen»). Das zeigt, wie schwer es ist, darüber zu reden. Franzén spielt ja schon mehrere Jahre nicht mehr und deckte Babcock und die Red Wings trotzdem weiter. Der Fall Babcock beschäftigt mich fast noch mehr als der von Peters.

Wieso?
Babcock war der Lieblingssohn von Hockey Canada. Er coachte das Olympiateam zweimal zu Gold, leitete jeden Sommer Seminare für junge Coachs. Das, was man jetzt von ihm hört, passt so gar nicht dazu, wofür Hockey Canada stehen möchte. Dass man für alle da sein will, Gleichberechtigung propagiert, sich für Para-Eishockey einsetzt. Babcock hatte mehr Power als der Präsident von Hockey Canada. Die Frage ist: Wird er nochmals einen Coachingjob bekommen? Ich schliesse es nicht aus. Craig MacTavish wurde verurteilt wegen eines ­Unfalls mit Todesfolge, war im Gefängnis und coacht auch wieder (am Spengler-Cup führt er diesmal das Team ­Canada, Anmerkung der Red.). Wenn sich ein NHL-Team erhofft, mit Babcock den Stanley-Cup zu gewinnen, wer weiss? Erfolg und Gier sind grössere Triebfedern als Moral.

Zu reden gibt auch der frühere ZSC-Coach Marc Crawford: Er wurde von Chicago als Assistent suspendiert, weil er in Los Angeles auf der Bank Spieler in den Rücken getreten hatte. Betroffen war auch Patrick O’Sullivan, über dessen Leidensgeschichte Sie 2015 ein Buch veröffentlichten. Wie stehen Sie zu Crawford?
Im Buch berichtete O’Sullivan ja auch schon über die Tätlichkeiten Crawfords. Aber damals wurde es unter den Teppich gekehrt. Für O’Sullivan war es besonders hart, weil er schon von seinem Vater geschlagen worden war. Als er von Los Angeles zu Edmonton transferiert wurde, sagte er, er würde gerne mit einem Psychologen reden. Das Management lachte ihn nur aus. Ich hoffe, die Clubs reagieren heute etwas weiser. Zu Crawford: Sein Vater war ja auch Coach. Ich bin überzeugt, dass er stark von seinem Vater geprägt wurde, was seine Methoden und Werte angeht.

Bei den ZSC Lions sagen die Spieler, Crawford sei sehr laut gewesen, aber nie tätlich geworden und habe die Grenze nicht überschritten. Könnte er sich gebessert haben?
Ich möchte gerne glauben, dass sich Menschen weiterentwickeln. Ich kann nicht urteilen über Crawford, dafür kenne ich ihn zu wenig gut. Ich denke, Coachs richten sich danach, was funktioniert und was nicht. Aber das ist nicht nur ein Problem des Eishockeys. Schauen Sie nur, wie Alberto Salazar im Nike Oregon Project mit einigen Läuferinnen umging. Was diese ­alles erdulden mussten. Das finde ich schlimmer als die exzessive Verwendung von Asthma-Medikamenten. Es sind verstörende ­Zeiten. Die Sportberichterstattung ist zu einer Horrorshow geworden.

Was betrachten Sie als das grösste Problem? Tätlichkeiten, verbale Übergriffe, sexuelle oder rassistische Beleidigungen?
Alles ist schlimm. Das grösste Problem ist die Angst, Übergriffe öffentlich zu machen. Es gilt immer noch das Credo: Was in der Kabine geschieht, bleibt in der Kabine. Die Kultur des Schweigens ist verheerend. Franzén hätte etwas bewirken können, wenn er sich damals über Babcocks Methoden geäussert hätte. Es gibt zwei Ansätze, um etwas zu verändern. Ich glaube, am einfachsten wäre das Problem von oben herab zu lösen. Indem das ­Management durchgreift. Denn ich verstehe schon, dass die Spieler um ihre Jobs fürchten. Und niemand will ein Nestbeschmutzer sein. Die Verbände, Ligen und Clubs sind nun immerhin sensibilisiert. Aber ich habe das Gefühl, sie sorgen sich mehr um ihr Image als um das Wohlergehen der Spieler.

Tragen die Enthüllungen dazu bei, dass die Coachs alter Schule aussterben?
Sie sterben sowieso aus. Sie sind ja von der Mortalität nicht ausgenommen. Der Prozess ist im Gange, überall kommt neues Blut hinein. Diese Aufarbeitung wird dazu beitragen, dass die Coachs künftig mehr den konstruktiven statt den strafenden Ansatz wählen. Aber ein kompletter Kulturwandel braucht Zeit. Ich hoffe, ich erlebe es noch, dass der vollzogen ist.

Eishockey ist in Kanada eine Religion. Werden nun Grundwerte debattiert wie Widerstandsfähigkeit und Härte? Und dass man sich durchbeisst, ohne zu jammern?
Die Debatte hat schon lange begonnen. Die jüngeren Hockeyfans haben in ihren Herzen keinen Platz mehr reserviert für die Coachs alter Schule. Und durch die sozialen Medien wurde der Diskurs über Eishockey demokratisiert. Da kann man gut den Puls der Fans nehmen. Ich war angenehm überrascht, wie viel Support Aliu und die anderen Spieler erhielten, als sie ihre Storys öffentlich machten.

Ein Zeichen des Wandels ist auch, dass «Hockeypapst» Don Cherry von Sportsnet entlassen wurde, nachdem er die Immigranten angefeindet hatte.
Absolut. Die meisten finden, das hätte schon viel früher passieren sollen. Die jüngeren Fans konnten sich mit ihm nicht mehr identifizieren. Als mein Buch über Patrick O’Sullivan herauskam, äusserte sich auch Don Cherry im «Coach’s Corner» in der wöchentlichen TV-Show «Hockey Night in Canada» darüber. O’Sullivan hatte ja für sein Juniorenteam gespielt, für Mississauga. Cherry sagte sinngemäss: «Was O’Sullivan von seinem Vater angetan wurde, ist schrecklich. Aber er hat aus ihm einen ziemlich guten Spieler gemacht, nicht?» Es ist einfach widerlich, so etwas zu sagen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was Don Cherry über Bill Peters, Mike Babcock und Marc Crawford gesagt hätte, dürfte er noch am Fernsehen auftreten.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:



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Erstellt: 08.12.2019, 12:56 Uhr

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