«Es ist ein spannender Stress»

Am Sonntag steigt Schwingerkönig Matthias Glarner am Emmentalischen in die neue Kranzfestsaison. Wie lebt er mit der neuen Rolle?

«Einfach nur eine grosse Erleichterung»: Matthias Glarner war bei seinem Sieg am Eidgenössischen so geschafft, dass er kaum Emotionen zeigte. Foto: Peter Schneider (Keystone)

«Einfach nur eine grosse Erleichterung»: Matthias Glarner war bei seinem Sieg am Eidgenössischen so geschafft, dass er kaum Emotionen zeigte. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Es war zu lesen, dass Sie drei Jahre lang das Logo des Eidgenössischen von Estavayer auf Ihrem Handy hatten, um täglich an dieses grosse Ziel zu denken.
Das stimmt nicht ganz. Ich hatte das Logo nicht auf dem Handy, sondern daheim als grossen Kleber angebracht, um mich jeden Tag daran zu erinnern, worauf ich hinarbeite.

Und jetzt prangt daheim das Logo des Unspunnenfests an der Wand, das nächste grosse Ziel am Ende dieser Saison?
Nein, noch nicht. Wobei ich sogar in Umrissen darauf abgebildet bin, zusammen mit meinen Schwingerkollegen ­Simon Anderegg und Niklaus Zenger.

Brauchen Sie als König solche Motivationsarten nicht mehr?
Doch, das Mentale ist sehr wichtig. Und ich habe tatsächlich ein besonderes Bild zur Motivation auf meinem Handy gespeichert. Schon vor zwei Jahren, also vor dem Eidgenössischen in Estavayer.

Verraten Sie, was es ist?
Es ist das Bild vom Tattoo auf dem Arm von Stan Wawrinka mit dem Zitat von Samuel Beckett: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.»

So, wie es Ihnen ergangen ist.
Es passt zu mir, zu meinem Weg bis zum Schwingerkönig. Ich habe es auch x-mal versucht, habe es x-mal verpasst, habe nie aufgegeben, und dann hat es doch noch geklappt.

Sie haben viel investiert für diesen Moment, ihn lange ersehnt. Deshalb erstaunt es noch heute, wie wenige Emotionen Sie nach dem Triumph im Schlussgang gegen Armon Orlik gezeigt haben.
Wenn einer behauptet, er könne die Emotionen in so einem Moment genau steuern, dann ist das wohl gelogen. Es war für mich eine spezielle Situation: Das ­Leben davor, die Wochen der Vorbereitung waren extrem. In den Sekunden des Sieges spürte ich einfach nur eine grosse Erleichterung. Dass der dreijährige Weg zu Ende ist, der Traum erfüllt, das Ziel geschafft. Die Luft war auf einmal total draussen, ich war geschafft und konnte gar nicht anders reagieren.

Wann war es so weit, dass die Emotionen losbrachen?
Erst in den Tagen danach. Als ich im Auto jeweils heimgefahren bin, habe ich es richtig realisiert: Jetzt bin ich Schwingerkönig. Ich war allein mit mir, bin fast ausgeflippt, da spürte ich diese grosse ­innere Freude und Genugtuung.

Sie gelten als ruhiger und gelassener Typ. Würde es überhaupt zu Ihnen passen, die Erfolge wie ein Showman zu zelebrieren?
Für mich ist es sehr wichtig, dass die Leute den Mätthel immer so erleben, wie er als Typ ist. Ich bin der ruhige Typ, will und werde mich nie verstellen. Entweder passe ich den Leuten so, wie ich bin, oder nicht. Wenn 29 von 30 Sportlern gleich ticken, finde ich das total unspannend. Ich habe heute oft Mühe, wenn ich Interviews höre. Neun von zehn tönen wegen der Medienschulung der Sportler gleich. Wo bleibt da der Reiz, wenn jeder nur noch das sagen darf, was er gelernt hat, wenn die Aussagen zu 99 Prozent identisch sind? Da geht viel verloren, der Sport lebt doch von verschiedenen ­Typen und Charakteren.

Sie mussten sich lange gedulden, bis der Traum vom Königstitel wahr wurde. Wie lebt es sich jetzt damit? Was überwiegt: Genuss oder Stress?
Ich würde es so sagen: Es ist ein spannender Stress.

Wie muss man sich das vorstellen?
Ich habe im letzten halben Jahr viele schöne Sachen erlebt und positive Erfahrungen gemacht. Ich habe Spass, vor oder mit Leuten zu reden, übers Schwingen, über meinen langen Weg. Das ist spannend. Das hat aber zur Folge, dass meine Agenda ziemlich voll ist. Es geht vor allem Freizeit verloren. Deshalb muss ich 80 Prozent aller Anfragen ablehnen, auch wenn viel Interessantes darunter ist. Mehr geht einfach nicht.

Und da wäre ja noch das Training?
Das hat immer Vorrang. Ich habe in diesem Winter stundenmässig noch mehr trainiert als vor dem Eidgenössischen.

Wie sieht der Wochenplan eines Schwingerkönigs aus?
Heute ist es so, dass ich pensummässig noch 60 Prozent arbeite und 40 Prozent ins Schwingen investiere. So habe ich mit der Arbeit von Dienstag bis Donnerstag den Fixpunkt, um den herum ich das Schwingen betreibe. Ich muss jedoch erwähnen, dass ich einen sehr kulanten Chef habe. Ich kann beispielsweise im Herbst und Winter mehr arbeiten und im Sommer mehr Zeit fürs Schwingen aufwenden.

Sie haben auch beruflich einen spannenden Weg hinter sich. Sie begannen mit der Lehre zum Polymechaniker, haben den Master in Sportwissenschaften und Geschichte gemacht, als Sportlehrer gearbeitet und sind jetzt bei den Bergbahnen Meiringen tätig. Was tun Sie dort?
Ich habe in meinem ersten Jahr bei den Bergbahnen so etwas wie ein Praktikum absolviert, überall reingeschaut. Ich stand beispielsweise am Kinderskilift oder habe bei Revisionen mitgeholfen. So erhielt ich einen guten Einblick in den Betrieb. Jetzt bin ich in der Personalabteilung tätig, führe Projekte zur Teambildung durch, mache Schulungen und bin in meiner Funktion das Bindeglied zwischen Geschäftsleitung und Mitarbeitern. Es passt für mich.

Profi zu werden war nie eine Option? So wie ihr Bruder Stefan, der beim FC Thun spielt.
Ich hatte in meinen 15 Jahren als Schwinger immer eine Tätigkeit neben dem Sport: erst die Lehre, dann das Studium, jetzt den Beruf. Ich wollte das so. Das gibt mir klare Strukturen und Sicherheit, wenn es mit dem Schwingen einmal vorbei ist. Und es ist auch besser für den Kopf und die Ablenkung. Nur Schwinger zu sein, wäre mir zu eintönig, zu eng.

Inzwischen sind Sie schon 31, stehen ganz oben. Was kommt jetzt noch?
Ich bin nach dem Königs­titel nicht in ein Loch gefallen, habe zwei Wochen später schon ans Unspunnenfest, ans Brünigschwinget, ans nächste Eidgenössische 2019 in Zug gedacht. Und ich trainiere weiterhin sehr gerne. Wenn das nicht so wäre, hätte ich aufgehört. Ich bin überzeugt, dass ich, falls die Gesundheit mitspielt, in zwei Jahren in Zug noch der bessere Schwinger sein kann.

Am Ende dieser Saison steht als Höhepunkt das Unspunnenfest an. Es ist der einzige bedeutende Titel, der nicht in Berner Hand ist.
(schmunzelt) Das müssen wir ändern.

Es gibt Talente, die nachrücken. Könnte die Dominanz der alten Berner Garde bald ein Ende haben?
Der Generationenwechsel wird statt­finden, spätestens 2019. Für das Schwingen ist dies absolut das Beste. Für mich ist es, in Anführungszeichen ­gesagt, aber nicht sensationell, was die Jungen letzte ­Saison gezeigt haben. Sie sind in der Sturm-und-Drang-Phase, die wir vor zehn Jahren selber auch hatten, schwingen einfach drauflos. Für mich ist es eher erstaunlich, dass es zurzeit nur vier oder fünf junge Schwinger wie ­Käser, ­Orlik, Giger, Wicki und vielleicht Alpiger sind, die Druck machen, und nicht noch zehn Talente mehr. Das macht mir ­Sorgen.

War das früher anders?
Zu meiner Zeit gab es allein im Kanton Bern fünf Talente, die alle von sehr ­starkem Kaliber waren. Der Jahrgang 1985 beispielsweise hat schweizweit gleich zwölf Eidgenössische Kranzschwinger hervorgebracht. Deshalb hoffe ich, dass noch mehr gute Junge nachrücken, weil das für die Zukunft des Schwingens sehr wichtig ist. Der Schwingerverband hat inzwischen bei der Nachwuchs­förderung neue Projekte ­lanciert, die in die richtige Richtung ­zielen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2017, 22:53 Uhr

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