Neymars grosse Mission

Brasiliens olympische Fussballgeschichte ist geprägt von peinlichen Auftritten und schmachvollen Niederlagen. Mit Neymar will die Seleção in Rio Gold gewinnen.

Er soll nicht den Leidensmann geben, sondern den Erlöser: Neymar, der Star von Brasiliens Olympia-Auswahl. Foto: Fernando Bizerra Jr. (Keystone)

Er soll nicht den Leidensmann geben, sondern den Erlöser: Neymar, der Star von Brasiliens Olympia-Auswahl. Foto: Fernando Bizerra Jr. (Keystone)

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In der Karriere des ehemaligen Weltfussballers Ronaldinho haben sich viele ­hübsche Fotos angesammelt, eines der hübschesten zeigt ihn mit einem Strauss roter Rosen in der linken Hand und einem Handy am rechten Ohr. Das ­Gespräch scheint unterhaltsam zu sein, Ronaldinho lacht, wie nur er lachen kann. Seine beeindruckende Vorderzahnreihe sticht ins Auge. Um seinen Hals baumelt übrigens die olympische Bronzemedaille. Das Foto ist bei der ­Medaillenzeremonie 2008 in Peking entstanden. Es ist eine Demonstration der Gleichgültigkeit: Was, um Himmels ­willen, soll ein brasilianischer Fuss­baller mit Bronze anfangen?

Die Szene ist in Brasilien unvergessen. Allerdings tut man dem ohnehin häufig gescholtenen Spassvogel Ronaldinho unrecht, wenn man ihn zum Paradebeispiel olympischer Respektlosigkeit erklärt. Als sich Brasilien 1996 in Atlanta mit Bronze begnügen musste – nach einer Halbfinalniederlage gegen ­Nigeria –, schwänzte das gesamte Team die ­Medaillenvergabe. Damals waren unter anderem die amtierenden Weltmeister ­Aldair und Bebeto dabei sowie die späteren Weltmeister Rivaldo und Ronaldo.

Brasiliens olympische Fussballgeschichte ist geprägt von peinlichen Auftritten und schmachvollen Niederlagen. Lange Zeit bestand allerdings kein ­Anlass, sich dafür zu schämen. Ihren Stolz zog die Fussballnation traditionell aus den Auftritten bei der wesentlich bedeutenderen Konkurrenzveranstaltung der Fifa. Klar, der Rekordweltmeister hat noch nie olympisches Gold gewonnen, aber der kleine Schandfleck wurde stets Ronaldinho-haft weggelächelt. In diesem Jahr ist alles anders.

Es zählt bloss Fussballgold

Das hängt keineswegs nur daran, dass die Spiele diesmal in Rio stattfinden. Brasiliens Olympiaverband hat sich vorgenommen, erstmals in die Top Ten des Medaillenspiegels vorzudringen. Das wird schwer genug, schliesslich repräsentieren brasilianische Sportler derzeit in kaum einer Disziplin die absolute Weltspitze – abgesehen vielleicht von den Beachvolleyballern und der Stabhochspringerin Fabiana Murer. Für die breite Masse der Brasilianer steht aber ohnehin eine einzige Plakette im Vordergrund: Gold im Männerfussball.

Getrieben wird diese Sehnsucht vom dummen Gefühl, dass Brasilien nicht nur politisch und wirtschaftlich in ­seiner schwersten Krise seit Jahrzehnten steckt, sondern vor allem auch fussballerisch. Dem mitleiderregenden Gebaren bei der WM 2014 im eigenen Land und dem Aus nach einem 1:7 gegen Deutschland folgten 2015 und 2016 zwei unterirdische Auftritte bei der Copa América. In der Qualifikation für die WM 2018 in Russland liegt die Seleção derzeit auf Platz sechs und wäre nach aktuellem Stand erstmals nicht zur Teilnahme berechtigt. Bei Olympia in Rio geht es also auch um das Selbstwertgefühl einer depressiven Fussballnation.

Selbstverständlich ruhen die Hoffnungen vor allem auf Neymar, dem letzten grossen Helden Brasiliens. Dessen Arbeitgeber FC Barcelona hat seinen südamerikanischen Spielern nur die Teilnahme an einer der beiden Grossveranstaltungen in diesem Sommer erlaubt. Während der argentinische Vereinskollege Lionel Messi (mit überschaubarem Erfolg) an der Copa América teilnahm, entschied sich Neymar für Olympia.

Die Gruppenauslosung rief zaghafte Euphorie hervor.

Der einzige verbliebene Fussballstar Brasiliens scheint gespürt zu haben, was seinen Landsleuten wichtiger ist. ­Zumindest zaghafte Euphorie rief auch die Gruppenauslosung hervor. Brasilien startet heute mit einem Spiel gegen Südafrika ins Turnier. Die weiteren Gegner sind Dänemark und der Irak. Da gilt alles andere als ein Gruppensieg als Landesverrat. Dass es auch respektable Fussballmächte wie Deutschland, Portugal oder der Titelverteidiger Mexiko auf die Goldmedaille abgesehen haben, findet weniger Beachtung. Vor vier Jahren war Brasilien im Final im Wembley den Mexikanern unterlegen.

Reflektierte Kommentatoren warnen bereits vor überzogenen Erwartungen. Die Vorbereitung der um Neymar (24), Bayerns Douglas Costa (25) sowie um Torhüter Fernando Prass (37) von ­Palmeiras ergänzten U-23-Auswahl verläuft, gelinde gesagt, chaotisch. Ein einziges Testspiel wurde eingeplant – immerhin gab es ein 2:0 gegen Japan.

­Brasiliens neuer National­trainer Tite hatte seinen Job vor zwei Monaten nur unter der Bedingung angenommen, dass er nicht an Olympia ­teilnehmen muss. Er fürchtete offenbar, im Falle eines Scheiterns als der Coach mit der kürzesten Amtszeit in die ­Geschichte einzugehen. Und das Scheitern beginnt für ­Brasilien an diesen Spielen mit Silber.

Das Ziel: Organisiertes Chaos

Als neulich an Tites Stelle der Trainer der Olympiaauswahl vorgestellt wurde, mussten auch die meisten Brasilianer erst einmal googeln. Rogério Micale heisst der Mann. Einen grossen Club hat er noch nie trainiert, aber vielleicht ist das sogar ein Zeichen des Fortschrittes. Der 47-jährige Micale wurde nicht wegen seiner Meriten berufen, sondern wegen seiner Philosophie. Er steht für den in Brasilien zuletzt sträflich vernachlässigten modernen Kombinationsfussball und gilt unter Experten als vorzüglicher Nachwuchstrainer.

In seiner Antrittsrede plädierte er für ein gesundes Mittelmass aus Konzeptkunst und individuellem Talent. «Organisiertes Chaos» nannte er das.

Erstellt: 03.08.2016, 22:28 Uhr

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