Wenn Erfolg zu teuer wird

Clemens Bracher hatte nur ein Ziel: eine Olympiamedaille. Im Sommer begrub er seine Vision und trat zurück. Wie der 31-Jährige einen Herbst ohne Bobfahren erlebt.

«Ich bin nicht der Typ, der in den Tag hineinleben kann», sagt Clemens Bracher (31). Foto: Urs Flüeler (Keystone)

«Ich bin nicht der Typ, der in den Tag hineinleben kann», sagt Clemens Bracher (31). Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Es ist dieser eine Brief Ende Juli, der alles verändert. 607 Wörter. Jeder Satz mindestens dreimal überprüft. Dankbarkeit, Schmerz, Frust. Alles drin. Der Betreff liefert die Zusammenfassung: «Rücktritt als Bobpilot bei Swiss Sliding». Und als Clemens Bracher seinen Namen unter diesen Brief setzt, weiss er: «Das wars.» Seine Geschichte, die man sich im vergangenen Jahr in der Bobnation Schweiz so gerne erzählt hat, endet jäh.

Bracher, das ist ein Hüne aus Wasen im Emmental, der erst mit 22 Jahren zum Bobsport fand, als Anschieber erst im Schatten stand. 2013 erlitt er einen Hirnschlag. Bracher kämpfte sich zurück, gründete ein Jahr darauf sein eigenes Team, wurde Pilot. Bald fuhr er im Europacup vorne mit, in der Saison 2017/18 verblüffte er dann alle. Er gewann sein erstes Weltcup-Rennen, holte als EM-Debütant Silber und reiste an die Olympischen Spiele. Das erste und letzte Mal.

Neun Monate später sitzt der 31-Jährige im Büro eines Heizungs- und Klimatechnikbetriebs in Burgdorf und sagt: «Wenn mein Team und ich unseren Weg hätten weitergehen können, dann hätte uns nur eine Verletzung davon abgebracht, mit einer Medaille von den Olympischen Spielen 2022 in Peking zurückzukehren.» Aber eben, der Weg endete im Sommer. Für den Rücktritt gibt es zwei Gründe: die Finanzen und die Zusammensetzung der Mannschaft. Auf rund eine Viertelmillion Franken hätten sich die Aufwendungen jährlich belaufen, um für die kommenden Saisons Idealbedingungen zu schaffen. Am Ende fehlten 50'000 Franken pro Wettkampfjahr.

Bracher, der über die Jahre seine gesamten Ersparnisse in den Bobsport investiert hat, sagt: «Schliesslich war es ein Vernunftentscheid. Ich lasse mich nicht in den finanziellen Ruin treiben.» Dazu kam, dass Michael Kuonen, sein bester Anschieber, das Team verliess, um selbst Pilot zu werden. Für Bracher war das ein Abgang, der nicht so schnell kompensierbar schien, und Sinnbild eines Sommers, in dem Einzelinteressen die Szene dominierten.

Die Angst vor dem Stillstand

Im Radio singt eine Bündner Band. In einer Zeile heisst es «I’d love to be a millionaire». Ich wäre so gerne Millionär. Das würde Bracher natürlich nie so aussprechen. Er, der bescheidene Emmentaler. Und doch fragt er sich immer wieder, was er wohl noch hätte erreichen können, wäre das Geld kein Problem gewesen.

Statt der nächsten Olympiateilnahme plant er nun Heizungsanlagen. Er ist der Projektleiter. Seit 13 Jahren arbeitet er im gleichen Betrieb. Als er noch Profisportler war, jeweils nur über den Sommer, nun Vollzeit. «Ich wusste immer, dass ich hier einen Job kriegen würde, sollte ich einmal aufhören», erzählt Bracher. «Es ist mein Glück, dass ich hier gebraucht werde.»

Dieses Gefühl, gefordert zu sein, etwas erreichen zu können. Er braucht das. Einmal rutscht er mit seinem Stuhl ein Stück zurück, um dann während Minuten gestenreich sein Wesen zu erklären. Bracher sagt Sätze wie: «Ich will mich nicht mit dem Nächstbesten zufriedengeben, ich muss mich permanent entwickeln, weiterkommen, bloss nicht stehen bleiben.» Oder: «Ich bin nicht der Typ, der in den Tag hineinleben kann. Ich brauche Ziele, sonst ist es mir nicht wohl. Sonst fehlt mir etwas.»

Es sind Momente, in denen Bracher offenbart, wie wichtig es für sein Seelenleben ist, dass er sich nach dem Rücktritt bei der Arbeit ablenken kann. Aber auch, warum er es ausschloss, mit reduziertem Budget in die neue Saison zu starten. «Mein Rücktritt kam vier Jahre zu früh.» Bracher sagt diesen Satz immer wieder. Jedes Mal tut er weh. Als seine Kollegen vor wenigen Wochen zum ersten Mal wieder im Eiskanal trainierten, kam alles wieder hoch: Frust, Trauer, Sehnsucht.

Eine Zukunft im Sport?

Gegenwärtig sucht er Distanz zum Bobsport, weil er weiss, dass er im Kopf nicht bereit ist. Die Idee, die eine oder andere Fahrt im Eiskanal zu machen, verwarf Bracher wieder. «Ich glaube, die Wunde würde weiter aufgerissen.» Trotz seines Rücktritts trainiert er aber weiter – seiner Figur zuliebe. Er sagt: «Ich fühle mich bereiter als je zuvor und schliesse ein sportliches Engagement in Zukunft nicht aus.» Wohin sein Weg führt, weiss er noch nicht. Er kann sich vorstellen, dereinst als Athletiktrainer tätig zu sein. Gar eine Mannschaft als Trainer zu führen. Am liebsten im Eishockey. Aber auch eine Geschäftsleitungsposition in der Privatwirtschaft würde ihn reizen. Bracher lässt sich nun erst einmal Zeit, um sein Leben neu zu ordnen. Er trifft sich mit Freunden, die während seiner Bobkarriere zu kurz kamen. Besucht wieder regelmässiger die Spiele der SCL Tigers. Ist einfach mal wieder daheim.

Langes Warten auf Erfolg

Irgendwann sagt Bracher: «Ich hatte schöne Erlebnisse im Bob. Auf Erfolge, wie sie die Schweiz in den letzten vier Jahren hatte, werden wir nun aber länger zu warten haben. Die Jungen müssen sich erst alles aufbauen.»

Weil in diesem Jahr neben Bracher auch die langjährigen ­Piloten Rico Peter und Beat Hefti zurücktraten, steht plötzlich der 20-jährige Michael Vogt im ­Fokus. Der Zweite der U-23-Weltmeisterschaft startet künftig für die Schweiz im Weltcup. In der zweiten Saisonhälfte soll dann ein weiterer Jungpilot dazu­kommen.

«Wir wollen unsere Talente nicht verheizen», unterstreicht Jürg Möckli, der Präsident von Swiss Sliding. Er sagt: «Vogt wird nicht der Retter der Nation sein.» Man benötige nun vor allem Zeit. An den Olympischen Spielen 2022 werde die Schweiz aber ein konkurrenzfähiges Team haben. «Das Ziel ist eine Medaille.»

Bracher streicht sich über den Bart und sagt: «Es werden schwierige Jahre für die Bob­nation Schweiz.» Dann klingelt das Telefon. Eine Frage zu einer Heizungsanlage. Das ist jetzt ­seine Welt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.11.2018, 00:29 Uhr

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