«... dann brauchte es nur noch zwei Siege zum Titel»

Nach dem furiosen Auftakt Federers in Melbourne spricht Coach Severin Lüthi über den neuen Belag und das Rennen um die Grand-Slam-Krone.

Severin Lüthi glaubt an weitere Grand-Slam-Titel von Roger Federer.

Severin Lüthi glaubt an weitere Grand-Slam-Titel von Roger Federer. Bild: Getty

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Roger Federer war vor dem Australian Open verunsichert. Nun gewann er gegen Steve Johnson seine erste Partie der Saison locker 6:3, 6:2, 6:2. Wo steht er?
Das war ein idealer Start. Er hatte zwar schon im Training sehr gut gespielt, aber Wettkämpfe sind immer etwas anderes. Du kannst trainieren, so viel du willst, aber wenn du dann einen brutalen ersten Match bekommst, kann das auch für den Körper eine Art Schock sein.

Er hatte gesagt, er zähle sich nicht zum Favoritenkreis, ehe er sich nicht bewiesen habe. Sieht er das wirklich so?
Bisher hat er auch erst eine Runde überstanden. Da kann man doch nicht schon sagen: Er ist der Turnierfavorit. Sein Tennis ist zwar da, und er konnte in der Vorbereitung ohne Rückschläge trainieren. Doch das garantiert ihm nichts.

Ist es ein Risiko, ohne Wettkampfpraxis anzutreten? Wie begegnen Sie der Kritik, er habe stattdessen zu viele Schauturniere gespielt, in Südamerika und China?
Wenn er in der ersten Runde verloren hätte, könnte man sicher sagen: Er hätte ein Vorbereitungsturnier spielen sollen. Aber grundsätzlich muss er gar nichts. Er ist jetzt 38, hat so viel geleistet für das Tennis … Meine Auffassung ist: Er ist niemandem etwas schuldig. Es muss einfach für ihn stimmen. Ich kann seine Planung gut nachvollziehen. Warum spielt er in diesem Alter immer noch, ist er noch immer so motiviert? Vielleicht gerade eben, weil er immer wieder neue Inspiration und Motivation findet. Indem er zum Beispiel an anderen Orten spielt, etwa in Mexiko vor 40'000 Zuschauern. Natürlich wäre es schön, wenn er alle Turniere spielen könnte. Aber das ist unrealistisch.

Haben seine gedrosselten Erwartungen in Melbourne auch mit seinem Alter zu tun? Er wird dieses Jahr 39, und realistischerweise wäre es ja auch ein sehr gutes Resultat, sollte er etwa die Halbfinals erreichen.
Ich denke nicht, und wir betrachten das auch nicht von dieser Seite. Als Tennisspieler versuchst du die Dinge immer so zu sehen, dass sie für dich positiv sind. Und wenn er wirklich im Halbfinal stehen würde, brauchte es nur noch zwei Siege zum Titel.

Federer gewann in Melbourne 2017 und 18 den Titel, ehe er 2019 im Achtelfinal gegen Tsitsipas verlor. Letztes Jahr wurde hier das Ballprodukt gewechselt, und diese neuen Bälle wurden sofort zum Thema, weil sie so schnell aufquellen.
Ja, und nun wurde auch noch der Belag gewechselt, von Plexicushion auf Green-Set. Er ist eher noch etwas langsamer als letztes Jahr. Allerdings wissen wir noch nicht, wie er sich mit den Tagen verändert. Es kann sein, dass er rasch schneller wird. Wobei: Langsamere Bedingungen sind für Roger nicht grundsätzlich von Nachteil. Dank seiner Erfahrung kann er sich rasch anpassen.

«Ich denke, dass Roger keiner ist, der seinen Rücktritt lange vorher ankündigen wird.»

Diese Frage ist für Sie vielleicht langweilig: Haben Sie eine Ahnung oder ein Gefühl, wie lange er noch spielt?
Nein. Ich weiss es einfach nicht. Wenn Sie mich vor einigen Jahren gefragt hätten, ob er 2020 noch spielt, hätte ich gesagt: nein. Und ich glaube, dass es auch gut ist, dass er es selber nicht weiss.

Ist das tatsächlich so?
Ja. Das ist zumindest mein Eindruck, mein Stand. Wir sprechen zusammen aber nicht gross über dieses Thema. Auf jeden Fall denke ich, dass er keiner ist, der seinen Rücktritt lange vorher ankündigen wird.

Er ist jetzt die Weltnummer 3, und Nadal und Djokovic scheinen ihn etwas distanziert zu haben, sie gewannen ja auch die letzten sieben Grand-Slam-Turniere. Einverstanden?
Das ist eine Momentaufnahme, die sich rasch ändern kann. Es ist ja erst einige Monate her, als Roger im Wimbledonfinal Matchbälle hatte gegen Djokovic und meiner Meinung nach der bessere Spieler war. Und seither hat sich nichts Grundlegendes geändert.

Das war eine brutale Niederlage, aber Federer scheint gut darüber hinweggekommen zu sein. Bedeuten ihm grosse Titel inzwischen weniger als früher?
Das glaube ich nicht. Es könnte sogar das Gegenteil zutreffen: Dass ihm diese Titel inzwischen sogar noch mehr bedeuten, auch weil er weiss, was es alles dazu braucht.

2019 in Wimbledon fehlte Federer gegen Djokovic nur ein Punkt zum Titel. (Bild: Keystone)

Eine der grossen Fragen 2020 ist, ob einer der jungen Spieler wie Tsitsipas oder Medwedew einen Grand-Slam-Titel holen können. Was denken Sie?
Wenn ich tippen müsste, würde ich sagen: dieses Jahr noch nicht. Bevor du dies nicht geschafft und bewiesen hast, hast du es noch nicht erreicht. Man darf grosse Champions nie unterschätzen und das Gefühl haben, sie würden nun nach hinten durchgereicht. Es gibt immer wieder hervorragende Spieler, denen immer jemand vor dem Triumph steht. Wie es Nadal mit einer Ausnahme in Paris getan hat. Man weiss nie.

Eine andere viel diskutierte Frage ist: Wird Federer bald abgelöst als Rekord-Grand-Slam-Sieger? Er steht bei 20, Nadal bei 19.
Ich glaube wirklich, dass er selber noch Grand-Slam-Titel holen kann. Wenn er sich in ein Turnier hineinspielen kann, ist alles möglich. Das hat er hier 2017 gezeigt. Auch damals spielte er übrigens im Training sehr gut, wie jetzt. Wobei ihm Trainings inzwischen auch etwas mehr bedeuten als früher, weil er weniger Turniere spielt. Aber er war ja schon immer ein grosser Matchspieler. Und das ist es, was letztlich zählt.

Und Stan Wawrinka? Trauen Sie dem Lausanner zu, nochmals in den Kampf um die Grand-Slam-Titel einzugreifen?
Ich hatte in letzter Zeit weniger mit ihm zu tun. Aber er hat schon viele grosse Spieler geschlagen in der Vergangenheit und gehört jetzt wieder zu den Top 20. Und er ist einer der wenigen, die schon bewiesen haben, dass sie grosse Titel holen können. Das macht ihn noch gefährlicher.

Federer wird gefühlsmässig immer noch begehrter, die potenziellen Ablenkungen werden für ihn immer grösser, mit allem, was neben den Courts läuft. Könnte das für ihn sportlich ein Handicap sein?
Er ist in seiner Karriere auch menschlich gewachsen und hat zu viel mehr Themen etwas zu sagen als früher. Er engagiert sich ja auch gerne und ist an vielem interessiert. Ich denke sogar, dass es schwieriger ist, wenn du total abgeschottet wirst.

«Du überlegst nicht immer, wo überall eine Kamera steht.»

In Melbourne entstanden am Sonntag Videoaufnahmen, in denen Sie mit ihm und dem Physiotherapeuten Daniel Troxler Versteckis spielen und sich balgen. Wie kam es dazu?
Wir haben es eben gerne lustig miteinander. Ich finde es auch gar nicht schlecht, wenn man seine kindliche Seite bewahrt. Im Tennis reist man ja sehr oft zusammen, und wenn die Atmosphäre stimmt, geht alles einfacher.

Wussten Sie, dass dort gefilmt wurde?
Eigentlich schon. Aber du überlegst nicht immer, wo überall eine Kamera steht. Es war ja nichts Schlimmes, sondern lustig. Extrem war aber, wie das nachher sogleich die Runde machte.

Sie sind jetzt 44 und seit Sommer 2017 verheiratet. Im Gegensatz zu Federer haben Sie selber aber noch keine Kinder. Sie sagten einst, solange Sie so viel reisen, würden Sie keine eigenen Kinder haben wollen. Gilt das immer noch?
Ja, langsam sollten wir es wohl schon wissen (schmunzelt) ... Aber wenn ich unbedingt Kinder wollte jetzt, würde ich jetzt schon weniger reisen.

Also könnte man sagen: Es hätte auch Vorteile für Sie, wenn Federer zurücktritt?
Es gibt zwei Seiten. Einerseits bin ich dankbar und schätze es sehr, dass ich dies schon so lange machen konnte. Andererseits gibt es auch Momente, in denen du nicht unbedingt gleich wieder von zu Hause weg willst. Aber dann sagst du dir: Es gehört halt dazu. Und wir sind ja privilegiert, reisen meist an schöne Orte. Ich könnte mir vorstellen, dass mir das Reisen fehlen würde, wenn ich es gar nicht mehr tun könnte.

Planen Sie, Ihr Pensum zu reduzieren?
Nein, diese Saison sollte ähnlich verlaufen wie letztes Jahr. Wobei für mich der Davis-Cup in Peru im Februar und die Olympischen Spiele in Tokio dazukommen.


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Erstellt: 20.01.2020, 13:29 Uhr

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