«... dann kann ich bis 40 spielen»

Roger Federer präzisiert seine Karriereplanung. Zunächst trifft er aber morgen in Melbourne auf Andreas Seppi.

Roger Federer siegt in der Hitze von Melbourne – und in Zukunft? Foto: Peter Thomas (Reuters)

Roger Federer siegt in der Hitze von Melbourne – und in Zukunft? Foto: Peter Thomas (Reuters)

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Nach bestandener 2. Runde scherzte ­Roger Federer im Platzinterview, in Australien gefalle es ihm auch dieses Jahr sehr gut, «abgesehen von den schlaf­losen Nächten». Gegenüber Schweizer Journalisten betonte er aber danach, dass er sich wünsche, noch möglichst lange mit seiner Familie durch die Tenniswelt zu ziehen. Seine Zwillings­mädchen Charlene und Myla werden im Juli bereits sechs und erreichen das schulpflichtige Alter. Darauf angesprochen, wie er diese Situation plane, reagierte Federer erst abweisend. Er bemerkte, dass er nicht immer alles in der Öffentlichkeit diskutieren wolle, antwortete dann aber trotzdem.

Privatunterricht für Mädchen

«Das Ziel ist, dass wir die Mädchen auf der Tour halten können, solange ich spiele», sagte er. Die Absicht sei, dass die beiden vorerst privat unterrichtet würden. Ein Ende seiner Karriere ist allerdings weiterhin nicht in Sicht, im Gegenteil: Momentan ist er einmal mehr daran, den zeitlichen Horizont hinauszuschieben. Dass er einst noch Tennisprofi sein würde, wenn seine Kinder schulpflichtig seien, habe er nicht erwartet, gab er zu. «Ich dachte, dann spiele ich nicht mehr. Aber ­momentan läuft es mir super, und den Kleinen gefällt es wunderbar auf der Tour. Deshalb habe ich auch Lust, noch möglichst lange zu spielen.»

Federer wird im Sommer 34 und ist es sich längst gewöhnt, Fragen nach dem Rücktritt beantworten zu müssen. Einen ersten Höhepunkt hatte dieses Thema, nachdem er 2009 erstmals das French Open gewonnen hatte. Er nannte damals Olympia in ­London 2012 als erstes Fernziel, und als dies vorbei war, brachte er geschickt Rio 2016 ins Spiel.

Das habe er nur getan, damit ihn die Leute in Ruhe liessen, bekannte er nun. «Ich habe nie gesagt, dass ich sicher bis Rio spiele oder danach aufhöre. Ich hoffe einfach, so weit zu kommen. Vielleicht übertreffe ich das, vielleicht nicht. Aber es gefällt mir, dass es niemand weiss – nicht einmal ich.» Klar ist in Bezug auf sein Karrierenende momentan eigentlich nur, dass nichts klar ist.

«Mein Ziel ist, dass ich so lange wie möglich auf der Tour bleiben kann», hatte er schon am Montag gesagt. Falls er merken würde, dass er wegen der Familie mehr Pausen brauche, könnte er auch das Pensum reduzieren. «Wenn ich nur acht Turniere im Jahr bestreite, kann ich bis 40 spielen», spann er nun diesen Gedanken weiter. Er will sich alle Optionen offen lassen – auch die eines plötzlichen Abgangs. Denn wenn er sich ein fixes ­Datum zum Rücktritt setzte, ­riskiere er, dass die nächsten Turniere zur Qual würden. Und Tennis soll ja schliesslich Spass machen.

Das Rätsel mit dem Finger

Auf dem Weg zum 1002. Sieg auf der Profi­tour erlebte er zumindest eine weitere Premiere, eine seltsame. Beim 3:6, 6:3, 6:2, 6:2 gegen Simone Bolelli (It, ATP 48) hielt er sich nach dem ersten Satz den kleinen Finger der rechten Hand und liess ärztliche Hilfe kommen – doch selbst die Experten wirkten ratlos. Auch später wurde nicht klar, was der Grund des Problems war. «Es fühlte sich an, als ob ich gestochen worden wäre, taub und geschwollen. Aber das war nicht der Fall, den Stich hätte ich gesehen», sagte Federer. Er habe in der Fingerspitze kein Gefühl mehr gehabt – und das war nach der Partie noch so.

Dieses Intermezzo habe ihn durcheinandergebracht, «aber ich konnte trotzdem spielen, und dies war nicht der Grund, dass ich den Satz verlor», gab er zu. Der Satzverlust sei vielmehr das Verdienst Bolellis gewesen, dem am Anfang fast ­alles gelang und der mit offensiven Schlägen lange verhinderte, dass Federer das Diktat übernehmen konnte. Zudem musste sich der Favorit auch an veränderte Bedingungen gewöhnen. Gegen Lu Yen-Hsun war er am Montag abends und bei 17 Grad angetreten, gegen Bolelli bewegten sich die Temperaturen am Nachmittag klar über 30 Grad. «Die Bälle springen am Tag viel höher auf, und der Slice rutscht viel mehr durch. Das macht es einfacher, die Punkte nach zwei, drei Schlägen abzuschliessen, birgt aber auch Gefahren gegen aufschlagstarke Spieler», erklärte Federer. Er sei froh, dass er nun beide Szenarien erlebt habe.

Der 17-fache Grand-Slam-Sieger und 4-fache Australien-Champion musste nach seinem bisher einzigen Aufschlagverlust des Turniers (zum 1:3) im vierten Duell mit dem Italiener erstmals einen Satzverlust hinnehmen. Die Wende glückte ihm erst spät im zweiten Satz, dank eines Breaks zum 5:3 nach ­einer reflexartigen Rückhand aus der ­Defensive. Danach setzte er sich in der Rod ­Laver Arena als Favorit klar durch – nachdem Maria Scharapowa im Spiel zuvor für Aufregung gesorgt hatte: Die Nummer 2 der Frauen musste gegen Alexandra Panowa zwei Matchbälle abwehren.

Gegen Bolelli, der auch seine 34. Partie gegen einen Top-10-Spieler verlor, ­totalisierte Federer nach 2:09 Stunden 15 Asse, 36 Winner und 23 unerzwungene Fehler. Er bekommt es nun morgen mit einem weiteren Italiener zu tun: Andreas Seppi (ATP 46). Gegen ihn hat er in zehn Duellen erst einen Satz abgeben.

Erstellt: 21.01.2015, 19:03 Uhr

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