Interview

«... nachdem ich mein Herz und meine Seele geopfert hatte»

Rafael Nadal spricht vor dem Australian Open über das Leiden und über Hochgefühle. Und er sagt, worin sich Duelle mit Federer und Djokovic unterscheiden.

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Rafael Nadal war mit einer Verletzung am linken Knie und nach siebenmonatiger Pause erst im Februar ins Jahr 2013 gestartet und beendete es trotzdem als Nummer 1, nachdem er die Kollektion seiner Grand-Slam-Trophäen um zwei weitere auf 13 ergänzt hatte. Auch 2014 begann für ihn mit dem ersten Titel in Doha optimal. An einer grundsätzlichen Skepsis hält er dennoch fest.

Was hatten Sie im Dezember 2012 im Kopf?
Zweifel. Ich wusste nicht, wann ich zurückkehren würde.

Und jetzt?
Zweifel, weil ich nicht weiss, wie es mir 2014 laufen wird.

Immer Zweifel.
Immer Zweifel. Selbstsicherheit ist ein Synonym für Arroganz. Man kann sich der Dinge in diesem Leben nicht ganz sicher sein.

Und weshalb zweifeln Sie, Sie haben doch schon alles gewonnen?
Ich stelle mein Tennis stets infrage, mein Knie, viele Dinge. Das heisst nicht, dass nicht trotzdem neun Jahre meiner Karriere vergangen sind, in denen ich am Ende der Saison stets zu den besten zwei gehörte. Ausser 2012, da spielte ich nur sechs Monate. Wenn ich fit bin, kann ich gut trainieren und behalte die Freude am Spiel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese in einigen Monaten verloren geht.

Also dürfen Sie doch optimistisch sein.
Ich muss positiv denken und daran glauben, dass weiterhin alles gut gehen wird. Jetzt allerdings immer mit der Melodie im Hinterkopf, dass der Erfolg nicht ewig anhalten kann. Bei jedem kommt einmal der Moment, in dem er keinen Erfolg mehr hat. Im Laufe der Jahre wird dieses Lied immer lauter. Für diesen Moment muss man bereit sein. Wenn er kommen sollte, werde ich dagegen ankämpfen, aber auch bei mir wird es einmal so weit sein, dass ich nicht mehr gewinne. Das ist aber nicht das Ende der Welt. Ich bin dankbar für alles, was mir bisher passiert ist.

Bei Roger Federer wurde die CD mit diesem Lied bereits eingelegt.
Aber er hat 2013 gut abgeschlossen. Ich glaube, dass er sich mit einem viel besseren Gefühl ausgeruht und wieder trainiert hat als vor einigen Monaten. Er wird sich seriös vorbereitet haben. Ich bin sicher, dass er von seinem Rücken beeinträchtigt war, dass er ihm weh getan hat. Mit Schmerzen zu spielen ist sehr schwierig, vor allem, wenn man es nicht gewohnt ist. Er war während seiner ganzen Karriere immer sehr fit. Wenn man dann einmal Schmerzen hat und dies eine neue Erfahrung ist, muss man sich zuerst daran gewöhnen. Das ist ein harter und komplizierter Prozess, für den nicht jeder bereit ist. Ich sage aber nicht, dass er es nicht ist. Er ist ein Siegertyp. Er wird weiterkämpfen, weil er das, was er tut, liebt – Tennis spielen.

Wenige lieben den Wettkampf so sehr wie Sie. Wann treten Sie zurück?
Mein Leben bestand nie nur aus Tennis. Ich geniesse den Wettkampf, kann aber auch ohne ihn leben. Ich weiss, dass ich auch nach meiner Karriere Wettkämpfe bestreiten werde, im Golf oder sonst wo, einfach auf einem viel tieferen Level. Mir gefallen viele Dinge neben dem Tennis, sodass ich auch ohne glücklich sein werde und diese Lust in etwas anderem finden kann. Ich bin mir zwar bewusst, dass ich das Adrenalin, dieses Gefühl des Glücks, der Befriedigung, der Nerven und der Anspannung nirgends sonst so intensiv erleben werde. Ich werde aber andere Emotionen und Ambitionen entdecken, auch wenn die nie die gleichen sein können. Doch sie müssen deshalb nicht schlechter sein.

Wie könnte denn Ihr Leben nach dem Tennis konkret aussehen?
Ich kann mir vorstellen, dass ich nach all den Jahren Tennisspielen und den damit verbundenen Reisen eine Auszeit nehme. Ich werde mich entspannen und versuchen, das zu tun, was ich in dieser Zeit nicht tun konnte: öfter fischen, Bootsfahrten unternehmen und golfen. Ich weiss aber, dass ich nicht für immer still sitzen kann. Ich will reisen und neuen Träumen nachgehen.

Worin unterscheidet sich Ihre Rivalität mit Federer von jener mit Novak Djokovic?
Die Partien gegen die beiden sind total verschieden. Auf spielerischer, taktischer sowie mentaler Ebene.

Weshalb ist das so?
Federer hat eine Kombination von einem sehr definierten, aber auch überraschenden Stil. Fürs Publikum ist es spannend: Es weiss mehr oder weniger, was meine Strategie gegen ihn sein wird und was ich gegen ihn probieren werde. Da wir einen sehr unterschiedlichen Stil haben, wollen wir beide die eigenen Stärken ausspielen, um den anderen zu stören. Und es ist immer sehr deutlich, was der eine oder der andere versucht. Das und dass wir beide während einiger Jahre die Weltnummern 1 und 2 waren, um die wichtigsten Titel gegeneinander angetreten sind und stark dominierten, hat dazu geführt, dass jedes Spiel ein bisschen spezieller ist. Meine Partien gegen Djokovic sind dramatischer, sowohl physisch als auch mental. Wir sind uns im Stil und Spielverständnis ähnlicher – es ist alles gleicher. Während unserer Karriere hat immer derjenige das Duell gewonnen, der gerade den besseren Moment hatte und in Höchstform war.

Real-Goalie Iker Casillas hat einmal Barça-Regisseur Xavi angerufen, um die Beziehung zwischen Madrid und Barcelona zu verbessern. Haben Sie Novak Djokovic kontaktiert, nachdem sein Vater Sie im vergangenen Sommer öffentlich kritisiert hatte?
Nein. Wenn, dann hätte sowieso er mich anrufen müssen. Hat er aber nicht. Doch ich habe ihn einige Wochen später in Montreal gesehen, wo er sich entschuldigt hat. Er kam sogar ziemlich beschämt. Ich wollte aber nicht, dass er sich weiterhin schlecht fühlt. Klar: Was sein Vater gesagt hat, war nicht angebracht. Er hat mir gesagt, dass er ein schlechtes Gewissen habe. Ich habe ihm erwidert, dass er sich nicht sorgen solle, dass es kein Problem sei. Die Spannungen in unseren Partien sind sehr gross, ja sogar maximal. Sowohl gegen Roger als auch gegen Novak, weil wir so oft gegeneinander spielen. Dafür verstehen wir uns aber ausgezeichnet. Unser Verhältnis ist ein gutes Vorbild für Kinder. Es ist nur ein Spiel.

Am 13. Januar beginnt das Australian Open, wo Sie letztes Jahr wegen Ihrer Verletzung fehlten. 2012 verloren Sie in Melbourne den längsten Grand-Slam-Final der Geschichte nach fast 6 Stunden gegen Djokovic. Woran erinnern Sie sich?
Dieses Spiel war zum Weinen. Es war meine siebte Niederlage in Serie (gegen Djokovic, die Red.), und ich verlor, nachdem ich mein Herz und meine Seele dafür geopfert hatte. Ich hätte nicht noch mehr geben können. Ich gewann einen brutalen vierten Satz, und im fünften unterlief mir ein Fehler (ein Passierball, der das Spiel drehte). Ich konnte mir nicht noch mehr abverlangen.

Wie gut konnten Sie diesen Frust verarbeiten?
Ich reiste mit dem Gedanken ab, dass ich das nächste Spiel gewinnen würde. Ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg war. Und so war es auch. Meine Erinnerungen ans Tennisjahr 2012 sind sehr gut. An Wimbledon denke ich nicht (sein letztes Turnier 2012). Dort war ich gravierend verletzt. Sonst spielte ich 2012 sehr gutes Tennis. In Indian Wells wurde ich von meinem Knie belästigt. In Miami spielte ich halbherzig. Nach Roland Garros ging es mir sehr schlecht, im Halbfinal und im Final spielte ich mit einem infiltrierten und anästhesierten Knie. Ich musste aufhören. Aber als ich 2013 auf die Tour zurückkehrte, halfen mir die guten Erinnerungen ans Jahr, die letzten, die ich im Kopf hatte. Meine letzten Gedanken waren solche an einen Sieg, wie ich gutes Tennis spiele. Das hat geholfen, weniger zu zweifeln.

Wie wichtig ist es Ihnen, die Nummer 1 zu sein, nach allem, was passiert ist?
Nummer 1 sein oder nicht interessiert mich nicht, weil ich es nicht direkt beeinflussen kann. Je nachdem, wie ein Tennisjahr verläuft, ist dies schwieriger oder einfacher. Ich hoffe, dass sich meine Knieverletzung weiterhin gut entwickelt. Doch ich werde immer damit leben müssen, dass ich ein bisschen vorsichtig sein und es gut behandeln muss. Mein höchstes Ziel ist, meine Karriere so lang wie möglich auszudehnen, so viele Jahre wie möglich noch Turniere bestreiten zu können.

Real Madrids Cristiano Ronaldo sagt, dass Ihre Genesung als Vorbild für andere gelte, eine Inspiration sei.
Verletzungssituationen sind sehr unangenehm. Ich hoffe, dass ich helfen konnte zu zeigen, dass es einen Weg daraus gibt. Wenn man verletzt ist, sieht man nie das Licht. Wenn du dir jedoch fortwährend einredest, es wieder zu finden, wirst du das meistens auch tun. Und wenn es dann so weit ist, ist es viel befriedigender als vorher. Du hast deinen Sport vermisst, und die Herausforderung ist nun, ob du es schaffst, dich selbst zu übertreffen. Du trainierst im Fitnessraum ohne jegliche Freude, fragst dich warum. Wenn du dann aber wieder gewinnst, nachdem du gelitten, gezweifelt hast, es dir schlecht gegangen ist – dann können sich all diese Momente des Leidens in Potenz verwandeln, zu einer Stärke werden.


© «El País», Übersetzung ivb. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2014, 07:26 Uhr

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