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Fünf Gründe für Federers Geknorze

Schon wieder über fünf Sätze. Was ist mit dem Schweizer los? Die Analyse von Federer-Experte René Stauffer.

Gerade nochmals gut gegangen: Roger Federer setzt sich nach 5 Sätzen gegen Juschni durch.

Roger Federer brauchte erstmals an einem Grand-Slam-Turnier zehn Sätze, um eine dritte Runde zu erreichen. Und das gegen einen unerfahrenen 19-jährigen Neuling (Frances Tiafoe) und einen 35-jährigen Russen, gegen den er zuvor alle 16 Partien gewonnen hatte und der inzwischen aus den Top 100 gefallen ist, während er nochmals nach der Nummer 1 greift. Wie konnte es zu diesem ungewohnten Szenario und Leistungsabfall kommen, mitten in seiner glanzvollen Comebacksaison nach der monatelangen Pause?

1. Der Rücken Die im Final von Montreal gegen Alexander Zverev aufgetauchten Rückenschmerzen sind der Hauptgrund für die spielerisch enttäuschenden Auftritte. Sie haben Federer aus der Bahn geworfen, seine Vorbereitung auf das US Open arg torpediert und ihn auch beim Start des Turniers beschäftigt, behindert und beunruhigt. Inzwischen gibt er aber Entwarnung; alles sei wieder okay.

2. Flushing Meadows Das US Open ist das lauteste, hektischste und extremste aller Grand-Slam-Turniere. Dazu kam, dass Federer zu seiner Startpartie bei der Rückkehr nach zwei Jahren gleich erstmals bei geschlossenem Dach im Arthur-Ashe-Stadion antreten musste, dem weltgrössten Tennisstadion, das in dieser Konstellation besonders lärmig und für die Spieler anspruchsvoll ist. Sein Auftaktsatz gegen Tiafoe war denn auch ein Fehlerfestival, wie man es bei ihm schon lange nicht mehr gesehen hatte.

3. Frances Tiafoe Mit dem explosiv spielenden Amerikaner traf er auch sogleich auf einen hart schlagenden Gegner, der auf Alles oder Nichts spielt und ihm entsprechend keinen Rhythmus gab. Der Wimbledonsieger hatte kaum Zeit, zu seinem Spiel zu finden, weil er sogleich immer wieder in die Defensive gedrängt wurde. Hätte er gegen einen Ballschieber der spanischen Sandplatzschule antreten können, hätte er sein Spiel in Ruhe tarieren und die Folgen des Trainingsrückstands schneller aufholen können. Diese Möglichkeit blieb ihm verwehrt.

4. Vorsicht und Unsicherheit Der ungewisse Zustand seines Rückens und die offensichtliche Erkenntnis, dass er spielerisch nicht dort ist, wo er sein wollte, haben auch mental Spuren hinterlassen. Er wusste bisher, dass er auf Reserve spielte, dass er schlagbarer und anfälliger war als in den vergangenen Monaten. Er trat nicht mehr mit dem Selbstverständnis auf, das ihm während seiner Erfolge in Halle und Wimbledon und zuvor in Indian Wells und Miami das Siegen so leicht gemacht hatte. Zudem ging er sehr vorsichtig ins Turnier hinein, aus Angst, den Rücken wieder zu verschlimmern.

5. Die einmalige Konstellation Obwohl er längst alles gewonnen hat (und das meiste davon mehrfach), befindet sich Federer mit 36 Jahren wieder in einer ganz speziellen Lage, die selbst ihn kribblig machen und etwas ablenken dürfte. Noch neun Jahren Unterbruch nochmals das US Open zu gewinnen, damit seinen 20. Grand-Slam-Titel zu holen und wieder die Nummer 1 zu werden, das wäre wohl die schönste Krönung seiner Karriere. Und auch er weiss, dass die Chance umso grösser ist, nachdem das Turnier eine beispiellose Abwesenheitsliste von Topspielern aufweist. Djokovic, Murray, Wawrinka, Raonic und Nishikori traten gar nicht an, und nach Alexander Zverev ist mit Grigor Dimitrov ein anderer In-Form-Spieler bereits ausgeschieden, dem man den Titel zugetraut hatte. Und auch Nadal ist nicht mehr in Topform.

Dies führt uns zur Frage, warum es Federer denn trotzdem überhaupt geschafft hat, diese zwei schwierigen Runden zu überstehen.

1. Der Best-of-5-Modus Wie in extremis Stan Wawrinka ist auch er einfacher zu überrumpeln, wenn über zwei statt über drei Gewinnsätze gespielt wird. Um gegen ihn drei Sätze zu gewinnen, wird dem Gegner viel mehr abverlangt, als wenn nur zwei nötig sind, dazu hat er mehr Zeit, sich zu finden, Schwächephasen wirken sich weniger stark aus. Federer hat dieses Jahr alle fünf Fünfsätzer gewonnen, seine Bilanz steht inzwischen bei 29:20. Bemerkenswert ist, dass er zwei Drittel seiner Fünfsätzer (18 von 27) gewonnen hat, seit diese Bilanz im Jahr 2008 einst bei 11:11 angelangt war.

2. Die Erfahrung Gerade in diesen Marathonpartien kommen Federers Erfahrung und Routine am meisten zum Tragen. Dessen ist er sich auch bewusst, weshalb er sich nicht irritieren lässt durch einen Fehlstart wie gegen Tiafoe. Und er weiss auch, dass es für seine Gegner nicht ganz einfach ist, einen fünften Satz zu gewinnen, weil sie auch mental stark gefordert sind. Denn schliesslich spielen sie nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen eine lebende Legende, weshalb sie sich mit einem Sieg selber ein wenig unsterblich machen könnten. Zeigen sie dann im fünften Satz Schwächen, schnappt Federer zu.

3. Wettkampfglück Auch das braucht einer wie Federer gelegentlich. Dazu gehört nicht nur, dass man von Netzrollern oder Linienbällen in Big Points möglichst verschont bleibt, sondern auch von einer ungünstigen Auslosung. Neben Tiafoe und Juschni – der in der entscheidenden Phase von Krämpfen befallen wurde – hätte es unter den Ungesetzten in New York zweifellos viele schwierigere Gegner gehabt für Federer. Mit Feliciano Lopez trifft er nun wie mit Juschni aber erneut auf einen alten Weggefährten, der ihn zwar schon oft hart fordern, aber in bisher zwölf Partien noch nie bezwingen konnte.

4. Die Betreuung Wer gesehen hat, wie gross die Erleichterung seines Teams mit den Coaches Severin Lüthi und Ivan Ljubicic war, als er Juschni doch noch geschlagen hatte, der merkte: Auch für sie war das kein Routinesieg. Das deutet darauf hin, dass ihre Erwartungen wirklich eher klein gewesen waren, was wiederum darauf schliessen lässt, dass Federers Vorbereitung tatsächlich arg beeinträchtigt war durch den Rücken. Das Team dürfte mit seiner Umsicht und dem Dosieren der Trainings mitgeholfen haben, dass er die richtige Einstellung fand und das Beste aus seiner Zeit zwischen Montreal und New York herausholte.

5. Kampfkraft und Zuversicht Wenn es Federer nicht läuft, kommen seine Kämpferqualitäten zum Tragen, so auch bisher in New York. Er demonstriert dabei auch, wie sehr ihm auch diese Seite seines Sports noch immer gefällt; der Kampf Mann gegen Mann auf Augenhöhe, wenn er für einmal seine spielerische Brillanz nicht quasi mit dem Autopilot ausspielen kann. Federer, ein Meister des positiven Denkens, lässt sich nicht mehr hinunterziehen, wenn es ihm nicht läuft, sondern er kämpft einfach weiter mit dem, was er an diesem Tag zu geben hatte, ohne negativ zu werden. Und er weiss aus langjähriger Erfahrung, dass ein schlechter Start ins Turnier nichts bedeuten muss. Schon oft hat er sich nach mühevollen Partien fast mirakulös steigern können und stand am Ende mit dem Pokal auf dem Court, so zuletzt auch im Januar am Australian Open.

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