Angriff als beste Verteidigung – auch für Federer

Craig O’Shannessy führte Dustin Brown zum Coup gegen Rafael Nadal und glaubt zu wissen, wie der Baselbieter ein achtes Mal gewinnen kann.

Dank der Analysen von Craig O'Shannessy: Dustin Brown besiegte Rafale Nadal. Foto: Reuters

Dank der Analysen von Craig O'Shannessy: Dustin Brown besiegte Rafale Nadal. Foto: Reuters

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Nicht nur für Dustin Brown, auch für Craig O’Shannessy war der Coup gegen Rafael Nadal eine Sternstunde. Denn der Australier, der seit bald zehn Jahren sein Geld als Tennis-Analytiker verdient, unterstützt Brown in Wimbledon mit taktischen Ratschlägen. Dass der deutsche Rasta-Mann das Spiel mit konsequentem Angriffstennis gewann, freute O’Shannessy besonders. Denn es ist genau das, was er immer wieder predigt. 71 Mal stürmte Brown nach seinem Service sofort ans Netz, dabei gewann er 72 Prozent der Punkte. «Nadal hat gerne Rhythmus, er liebt die langen Ballwechsel», sagt O’Shannessy. «Also galt es, die zu vermeiden.»

Wenn er über Tennis spricht, wirft er gerne mit Zahlen um sich, und sein Lieblingswort ist «Komfortzone». Das Ziel sei, den Gegner aus dieser zu stossen. Wenn er einen Spieler besonders gerne verfolgt, ist es Roger Federer. Er schaue sich jedes Training des Schweizers an, wenn er könne, und sehe viele gute Dinge. «Ich denke, er wird ein weiteres Grand-Slam-Turnier gewinnen. Und es könnte sehr gut dieses Wimbledon sein. Er hat zwei Entscheide getroffen, die sich sehr positiv ausgewirkt haben: die Umstellung auf ein grösseres Racket und die Verpflichtung Stefan Edbergs.» 2013 habe er bei Federer keine klaren taktischen Muster mehr erkennen können. «Wohl deshalb, weil er verwirrt war.» Nun habe er wieder eine klare Strategie, spiele er seinen Stärken gemäss.

Dazu zählt O’Shannessy das Netzspiel. Er findet es richtig, dass Federer hier 2014 wieder auf seine frühere ­Taktik des Aufschlag-Volley zurückgriff. 2001, als er Pete Sampras schlug, war der Schweizer noch nach über 70% seiner Aufschläge ans Netz vorgerückt. Von 2006 bis 2012 lag der Anteil nur noch im einstelligen Bereich, 2014 bei 21,6%. Aufschlag-Volley sei für ihn eine sehr gute Option, findet O’Shannessy. Denn es sei nicht nur effektiv, es bringe den Gegner auch zum Denken, säe Zweifel. «Er fragt sich: Kommt er nach vorne oder nicht? Und das wirkt sich auf seinen Return aus.» Stichwort: Komfortzone.

Weil Federer so gut, so vielseitig sei, habe er sich lange nicht an die Gegner anpassen müssen. Ausser gegen Rafael Nadal. Er könne auch heute noch mit dem Spiel, das ihm behage, die meisten Matches gewinnen. Aber kein Grand-Slam-Turnier. Deshalb müsse er in Wimbledon die ersten Partien auch als Training für die grossen Spiele nehmen, gegen Andy Murray und Novak Djokovic. Sich zu angriffigem Spiel zwingen: «Er muss öfter ans Netz vorstossen, mehr Backhands longline spielen, den Rückhandreturn zurückblocken, statt ihn mit Slice zu spielen.» Den letztjährigen Final habe er verloren, weil er viel zu lange ­gebraucht habe, um herauszufinden, wie er gegen Djokovic retournieren solle.

«Stan ist kräftig wie ein Ochse»

Von der Grundlinie spiele der Serbe derzeit in einer eigenen Liga, urteilt der ­Tennis-Analytiker. «Niemand schafft es so gut, sich aus der Bedrängnis zu befreien. Früher konnte das Nadal am besten, jetzt Djokovic.» Doch Wawrinka bewies im Paris-Final, dass man ihn trotzdem schlagen kann. «Stan ist kräftig wie ein Ochse», sagt O’Shannessy anerkennend. «Und mit seiner Rückhand der ­Linie entlang deckte er Djokovics Schwäche auf der Vorhandseite auf.» Beide Schweizer hätten also das Rezept, um die Nummer 1 zu schlagen. Und O’Shannessy fiebert den entscheidenden Spielen entgegen. Doch zuerst hat er noch Arbeit mit Dustin Brown. Als Nächstes gilt es, dafür zu sorgen, dass sich Viktor Troicki nicht zu wohl fühlt auf dem Court.

Erstellt: 03.07.2015, 23:46 Uhr

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Craig O’Shannessy, Tennis-Analytiker.

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