Australien macht glücklich

Simon Graf, Journalist des «Tages-Anzeigers», bloggt für Sie vom Australian Open. Heute über die Leichtigkeit der Arbeit in Shorts.

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Die Tenniselite ist in Melbourne fast lückenlos vertreten. Sieht man von Serena Williams ab, die seit inzwischen einem halben Jahr wegen einer mysteriösen Fussverletzung fehlt, die sie in einem Restaurant in München wegen eines zerbrochenen Glases erlitten haben soll. Dass nicht mehr Spieler ausfallen, vor allem bei den Männern, ist angesichts des intensiven Programms durch den gedrängten Kalender erstaunlich. Die Winterpause dauert nur ein paar Wochen – zu wenig, um sich richtig zu erholen. Und sowieso nicht ausreichend für einen geregelten Neuaufbau.

Die periodischen Beteuerungen, die Saison substanziell zu verkürzen, sind nicht glaubhaft. Denn das würde bedeuten, dass die Profitouren Turniere zurückkaufen und dann einstellen müssten. Ein Geschäft, das zumindest kurzfristig keinen Sinn macht. Und welcher Topmanager denkt schon in Fünf-, Zehnjahresplänen, wenn sich die eigene Karriere in kürzeren Rhythmen fortbewegt.

Früher pflegten sich die Cracks eine anständige Pause selbst zu verschaffen, indem sie das Australian Open ausliessen. Björn Borg nahm nur einmal die lange Reise auf sich, sonst hätte er mehr als elf Grand-Slam-Titel gesammelt. Auch Andre Agassi verzichtete anfänglich, entwickelte auf seine alten Tagen hin dann aber ein Flair fürs Turnier und gewann es noch viermal. John McEnroe pflegte sich auf Wimbledon und aufs US Open zu konzentrieren. Jimmy Connors fand mit 22, nachdem er im elften Spiel am Yarra-River erstmals verloren hatte, der Trip lohne sich doch nicht.

Heutzutage kann sich das kein Topspieler mehr leisten. Allein schon wegen der Major-Titel, die zum einzigen Massstab für die Karriere eines Topspielers erhoben worden sind. Das Australian Open wird inzwischen als gleichberechtigt mit Wimbledon, Paris und New York wahrgenommen und ist eine Erfolgsgeschichte. 1989 betrug die kumulierte Zuschauerzahl über die zwei Turnierwochen nicht einmal 300’000, inzwischen liegt sie bereits bei über 650’000. Das Event war ein Pionier, was ein schliessbares Dach über dem Center Court betraf und ist ständig im Wandel. Wie die Metropole Melbourne, in der neue Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden schiessen.

Doch in einer idealen Welt fände das Australian Open nicht Mitte Januar statt, sondern ein paar Wochen oder sogar Monate später, um den Cracks eine längere Pause zu ermöglichen. Doch das wird nie passieren. Das aktuelle Datum ist sakrosankt, weil es in die australischen Schulferien und auch in die Pause der Australian Football League fällt. Zudem ist das Wetter in dieser Zeit am Besten. Und es hat ja auch etwas, vom europäischen oder amerikanischen Winter in den australischen Sommer zu kommen. Statt Daunenjacke und lange Unterhosen kann man T-Shirt und Shorts anziehen und sich von der entspannten Atmosphäre der Australier anstecken lassen.

Jeder wird hier als «mate», als Kumpel angesprochen. Niemand verfällt in übertriebene Hektik, man nimmt das Leben leichter als anderswo. Und ist schnell begeistert von sportlichen Leistungen aller Art. Roger Federer bezeichnete das Australian Open einmal als «Happy Slam» - ein Ausdruck, den man hier natürlich gerne aufgenommen hat. Australien macht also glücklich. Oder zumindest merkt man hier nicht so gut, dass man am Arbeiten ist.

Erstellt: 17.01.2011, 10:44 Uhr

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