«Bei Federer muss ich an Hemingway denken»

Der Philosoph Wolfram Eilenberger schwärmt von Roger Federer und bewundert dessen Ästhetik und Fähigkeit, sich stetig zu verbessern.

«Seine Eleganz hat auch feminine Eigenschaften», sagt Wolfram Eilenberger über Roger Federer. Foto: Kevin Trageser (Redux/Laif)

«Seine Eleganz hat auch feminine Eigenschaften», sagt Wolfram Eilenberger über Roger Federer. Foto: Kevin Trageser (Redux/Laif)

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Von Roger Federer wird auf der ganzen Welt geschwärmt, Millionen lieben ihn. Ist Federer ein Verführer?
Das nicht, doch er hat etwas Verführerisches an sich. Das ist ein Unterschied. Seine Ausstrahlung ist primär keine ­sexuelle oder erotische. Er bewegt sich auf einer anderen Ebene: Es gibt sehr viel an ihm, das man bewundern kann und nachahmen möchte.

Zum Beispiel?
Er ist neben Messi oder Curry einer der drei, vier Weltsportler derzeit, die ich im Status der Vollendung sehe, und zwar im Fall von Federer in einer Vollendung, die etwas Transformatives hat. Das heisst, er hat sein Spiel selbst gemeistert, er hat es stark umgestellt, sodass er verschiedene Phasen der Vollendung für sich erschlossen hat. Das gelingt nur ganz wenigen Sportlern.

Wie würden Sie Federers Spiel beschreiben?
Es verkörpert eminente Schönheit. Wenn ich ihn spielen sehe, muss ich an Hemingway und dessen Satz «Beauty is grace under pressure» denken. Er verkörpert diese Anmut und Leichtigkeit in Drucksituationen viel mehr als zum Beispiel ein Djokovic oder ein Nadal, der ist ja eher ein Kampftier und Djokovic ein hart antrainierter Könner. Bei Federer hat man immer noch das Gefühl, er sei ein göttliches Geschenk, das in ganz ­besonderer Weise kultiviert wurde.

Was macht diese Schönheit aus?
Das Interessante bei grossen Sportlern ist, dass ihre Eleganz oft auch androgyne Züge hat. Das heisst, die Eleganz ist nicht so stark maskulin ausgeprägt, sondern hat auch feminine Eigenschaften. Das wird gerade im Männertennis bei ­Federer besonders sichtbar. Das war oder ist zum Beispiel bei Muhammad Ali, Franz Beckenbauer oder bei Andres Iniesta ähnlich.

Wer im Sport Schwäche zeigt, der verliert gewöhnlich. Doch Federer macht genau das: Er weint, er ist ein schlechter Verlierer.
Ein Geheimnis von Federer ist vielleicht wie bei Pep Guardiola, dass er in einem sehr männlich dominierten Sport die klassischen Männlichkeitstugenden nicht so stark betont. Er hat Tugenden kultiviert, die eher feminin konnotiert sind. Er hat die klassischen männlichen Tugenden des Kampfes, der Konfrontation, des Schwitzens, der Muskularität eingetauscht mit anderen Formen, die intelligenter und anmutiger sind. Das ist eine Transformationsleistung, die ihn beispielhaft werden lässt für unser Zeitalter.

Federer weint bei Siegerehrung: Nach seinem Sieg gegen Marin Cilic kämpft Federer mit den Tränen. Video: Tamedia/Australian Open TV

Weshalb beispielhaft?
Die klassische konnotierte Männlichkeit wird in kaum einem Gesellschaftsfeld mehr als zukunftweisend erachtet. Die Zeit der rauen Recken geht zu Ende – auch im Weltsport.

«Gewinnt die gepardenhafte Eleganz gegen das schwitzende Kampftier, kommt für mich der Sport zu sich.»

Haben Sie einen typischen Federer-Moment?
Es gibt einige Duelle mit Rafael Nadal, die mir in Erinnerung geblieben sind. Doch Tennis ist ja ein dialogisches Spiel. Das heisst, die Faszination einer Person entsteht mit dem Kontrast zur anderen. Gerade bei Federer hat man mit Nadal fast eine archetypische Gegenüberstellung. Hier der göttlich enthobene Elegante, dort das physisch starke Kampftier. Wenn nun die Leichtigkeit, die fast schon gepardenhafte Eleganz gewinnt gegen dieses schwitzende Kampftier, sind das Momente, in denen ich spüre, dass der Sport zu sich kommt.

Machtdemonstration in Shanghai: Federer bezwingt Rivale Nadal in zwei Sätzen. (Oktober 2017) Video: Tamedia/AP

Früher haben sich Spieler wie McEnroe oder Lendl schikaniert. Nadal und Federer aber mögen sich.
Das ist vielleicht auch etwas, wofür ­Federer steht. Die Aggression, die das Spiel benötigt, kommt nicht vom Gegner. Er mobilisiert sie ganz anders. Er braucht keine Feinde, um gross zu sein. Der Gegner als Feind, das hat viele angetrieben. Becker war dann richtig stark, wenn er sich im Überlebenskampf spürte. Das ist ein Moment, den man bei Federer nie sieht. Ich glaube, dass er damit auch die Kollegen beeinflusst hat. Bei Federer hat man manchmal das Gefühl, dass er gar nicht gegen den Gegner spielt, sondern hauptsächlich für sein eigenes Spiel. Das ist eine Form von Distanziertheit, die ­besonders anziehend ist.

Ist diese Distanziertheit für den Fan überhaupt wünschenswert?
Nicht nur. Ich schaue Tennis auch deswegen, weil ich das Duell von zwei Persönlichkeiten auf die Spitze getrieben sehen will. Ich vermisse schon die grossartige Bipolarität von McEnroe, die sich wunderbar mit dem eiskalten Borg ergänzte. Bei Federer ist die Faszination eine andere. Sie ist eine Ästhetische, weil seine Bewegungsabläufe eine Rundheit und Abgeschlossenheit haben, die in sich vollkommen stimmig ist. Er ist ein Spieler, der die Form jederzeit wahrt.

Federer ist aber auch so gross geworden, dass er sich beinahe vom Spiel abgekoppelt hat.
Das stimmt. Darin sehe ich auch eine ­Gefahr. Bei seinen jüngeren Interviews bekam ich das Gefühl, dass er sich fast jenseits des Spiels sieht. Das kann unangenehm werden, wenn er sich in seiner Aktivzeit selbst zur Statue macht. Doch sicher wird er so klar und so gut beraten, dass er dieser Gefahr ausweichen kann.

Ist Federers Popularität auch damit begründet, weil seine Makellosigkeit die Sehnsucht nach einfachen Lösungen stillt?
Klar, er ist alles, was ein Individuum im 21. Jahrhundert sein soll. Er ist polyglott, er spricht vier Sprachen, er hat vollendete Umgangsformen. Es gab in allen Epochen Menschen, die das verkörpern, was jeder gerne wäre. Er ist solch eine ­Figur. Zudem besitzt Federer das, was Rousseau Perfectibilité nennt, also den Willen und die Fähigkeit, sich immer weiter zu verbessern. Das ist mit unfassbar viel Arbeit verbunden. Ich bewundere Federer dafür. Es gibt einen schönen Satz, der mir immer wieder einfällt, wenn ich ihn spielen sehe. Er stammt von Heidegger, der einst über ­Beckenbauer sagte: Ihn fasziniere ­Beckenbauers Unantastbarkeit im Zweikampf. Diese Unantastbarkeit hat immer etwas Übermenschliches, und die sieht man auch bei Federer.

«Federer zeigt den Kapitalismus in seiner schönsten, denkbaren Form. Darum geniesst er wohl diese Popularität.»

Federer hat auch etwas Elitäres. Er fährt Mercedes, trägt Rolex, fliegt Privatjet. Trotzdem wird er auf der ganzen Welt geliebt.
Das hat wohl auch mit der Schweiz zu tun. Seine Nationalität und sein Tun sind extrem stimmig und wohl Teil seines Geheimnisses. Auch weil die Schweiz einen enthobenen Status unter den Ländern der Welt hat. Man hat das Gefühl, die Schweiz müsse sich nicht recht anstrengen, sie ist irgendwie wirtschaftlich in einer besonders glücklichen Lage, und sie kann damit bescheiden umgehen. Darum verbinde ich das Moderate, das immer Höfliche von Federer immer auch mit der Schweiz. Aber klar, Roger ­Federer ist ein völlig systemkonformes Individuum, man sieht keine Form der Rebellion oder des politischen Engagements, das widerständig wäre. Er zeigt quasi den Kapitalismus in seiner schönsten denkbaren Form – darum geniesst er wohl auch diese Popularität.

Jeder hat zu Federer eine Meinung, nur Federer hat keine.
Muss er auch nicht. Er ist quasi das, was die Queen für England ist: Sie muss sich nicht zu sich selbst äussern. Sie hat diesen Status längst überwunden, sie kann über sich sprechen lassen. Dass Federer das begreift und auch durchhält, macht ebenfalls seine Grösse aus.

Wer ihn angreift, wird angegriffen.
Aber nicht von ihm. Das zeugt von einer gewissen Noblesse. Er lässt es andere machen. Mit Federer verbindet man keinen Schmutz, nicht auf dem Hemd, nicht mit seiner Persönlichkeit.

Sie sprachen vom Royalen. Was ist sein Reich?
Zunächst eine der grössten und einflussreichsten Sportarten der Welt. Doch es geht über den Sport hinaus. Sein Versprechen, Exzellenz zu kultivieren, hat für viele Menschen eine grosse Anziehungskraft. Dass er ein guter Ehemann und Vater ist, fügt sich ja auch perfekt ins Bild. Man könnte nun auch sagen, das ist alles doch zu schön, um wirklich wahr zu sein. Ich sehe aber auch keine plausible Angriffsfläche. Und selbst wenn es sie gäbe, fehlt momentan das Interesse, dieses Bild eventuell aufzu­brechen. Der Tennissport braucht ihn. Der Tennissport wird ihn schützen.

Es scheint, auch die Lyriker und Philosophen sind von ihm fasziniert. Weshalb?
Bei ihm wird eine Form von körper­licher Anmut sichtbar, die jeden schönheitsaffinen Menschen faszinieren muss. Wenn diese sportliche Exzellenz mit einer körperlichen Eleganz einhergeht, dann sind die Künste schnell zur Stelle. Das war bei Muhammad Ali zum Beispiel nicht anders.

Federer wird vom Schriftsteller Foster-Wallace als apollinisch-dionysisch beschrieben, doch Federer selbst hat davon wohl keine Ahnung. Ein Widerspruch?
Es gibt in der Philosophie eine sehr schöne Unterscheidung zwischen Knowing how und Knowing that. Es gibt Menschen, die können etwas; und es gibt wiederum Leute, die darüber sprechen können, was dort gekonnt wird. Von Sportler zu verlangen, dass sie die Theorie zu ihrem eigenen Handeln liefern sollen, ist eine ziemliche Zumutung. Sportler sollen uns zu denken geben, aber sie müssen das Denken nicht selbst dazu liefern.

Muss man denn den Sport auf eine intellektuelle Ebene hieven?
Natürlich. Die Idee, dass Sport kein Gegenstand der Intellektuellen sein soll, ist angesichts der Tragkraft des Sports in der Gesellschaft geradezu wahnwitzig. Natürlich müssen wir über Sport nachdenken, er ist unfassbar wichtig, er beeinflusst die Träume, Wünsche und Wege von Millionen Menschen. Zu ­sagen, das interessiert mich nicht, ist da fast schon unverantwortlich.

Auch Sie schwärmen von Federer. Weshalb haben Sie noch nie über ihn geschrieben?
Ich glaube, dass Federer momentan ­gerade für die Schreibenden blockiert ist, weil sich niemand in die Foster-Wallace-Spur begeben will, der wunderbar über ihn geschrieben hat. Federer fasziniert mich, ich bin aber bei ihm nicht so emotional angeschlossen wie bei anderen Sportlern. Boris Becker mit seinen Höhen und Tiefen interessiert mich mehr, auch Cristiano Ronaldo ist in all seinen Verwerfungen sehr faszinierend. Federer hat literarische und essayistische Grenzen, weil man über das Phänomen der Schönheit hinaus wenig Brüche in seiner Existenz ausmachen kann. Diese Glattheit der Oberfläche ist extrem faszinierend, doch um darüber ­hinaus interessant zu sein, hat er nicht das Widersprüchliche, das ihn auch auf anderen Ebenen erschliessenswert ­erscheinen liesse. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2018, 20:49 Uhr

Wolfram Eilenberger

Der Philosoph ist einer der führenden Intellektuellen Deutschlands, wenn es um die Schnittstelle zwischen Politik, Philosophie und Sport geht.

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