«Beim Service natürlich»

Kann Belinda Bencic in den Final des US Open vorstossen? Wo muss sich die 17-Jährige noch verbessern? Antworten von Melanie Molitor, der Lenkerin im Hintergrund.

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Sind Sie überrascht, dass Belinda Bencic am US Open so gut spielt und in den Viertelfinals steht?
Ich bin nicht überrascht, weil ich vom Training her weiss, was sie kann. Allerdings hatte ich nicht gedacht, dass es so schnell geht, dass sie ihre Trainings­leistungen schon so bald an einem ­grossen Turnier abrufen kann.

Gibt es Aspekte, die Ihnen ­besonders aufgefallen sind?
Gegen Jankovic war ich sehr überrascht, wie gut sie antizipieren konnte. Zudem spielte sie die wichtigen Punkte richtig.

Gegen die Chinesin Peng wird sie von vielen favorisiert. Was kann sie an diesem US Open noch erreichen?
Sie muss jetzt aufpassen, denn nun ist ein grosses Theater um sie entstanden. Jetzt kommt es darauf an, wie sie mit dieser Situation umgeht, wie sie sich erholen kann vom langen Spiel gegen Jankovic. Sie bewegt sich jetzt auf Neuland. Spielerisch kann sie mit allen mithalten, oder zumindest mit fast allen.

Wenn Sie sagen «mit fast allen»: Wo sehen Sie noch Limiten?
Es gibt schon noch ein paar Spielerinnen mit grossen Namen, vor denen sie ein wenig Respekt zeigen wird. Den hatte sie vor ihren bisherigen Gegnerinnen nicht.

Den dürfte sie nun aber auch vor Peng noch nicht haben.
Genau. Und wenn sie an sich glaubt, kann sie jene Qualitäten ausspielen, die sie nun gezeigt hat.

Viele sagen, Bencic werde fast ­monatlich besser. Einverstanden?
Es ist schon vieles sehr schnell gegangen. Denn sie ist ja 17, erlebt auch neben dem Tennis eine starke Entwicklung, wird selbstständiger. Ich muss sagen: Es ist schon super, wie sie damit umgeht.

In welchen Bereichen kann sie sich am meisten verbessern?
Beim Service, natürlich. Gelegentlich unterlaufen ihr schon auch noch einige Fehler, die man nicht machen darf, die Kraft kosten und sich summieren. Wenn du ein Grand-Slam-Turnier gewinnen willst, darfst du nicht länger auf dem Platz stehen als nötig.

Haben Sie keine Lust, selbst wieder einmal an ein grosses Turnier zu gehen – zum Beispiel jetzt?
Nein. Das Wichtigste ist das Training, das war immer mein Motto. Ihr ­Vater Ivan macht das gut. Zudem sind wir ständig in Kontakt, und an grossen Turnieren hilft auch Martina (Hingis). Ich tausche mich mit allen aus, mit Martina, mit Ivan, mit Belinda. Sie brauchen mich nicht, es läuft dort auch ohne mich gut. Im Training arbeiten wir sehr eng zusammen. Wie sie es im Alltag umsetzen, ist die Aufgabe von Ivan. Martina hilft enorm, was das Taktische betrifft. Alle kennen das System, und Belinda befolgt es. Ich bin schon da, im Hintergrund. Da habe ich mehr Ruhe, kann ­alles analysieren und es ihnen dann sagen.

Bencic ist die jüngste Top-100-­Spielerin. Warum stossen nicht mehr in ihrem Alter nach?
Das hängt damit zusammen, dass sie konsequent und langfristig nach einem System aufgebaut worden ist, im Gegensatz zu den anderen. Die kommen mit ­einem Hurra-System. Bei vielen ist das Problem, dass sie sich von der Familie oder dem System gelöst haben, das ihre Väter für sie aufgebaut haben. Bis jetzt funktioniert das bei Belinda, sie spielt eben kein Hurra-Tennis. Ihr Vater macht das auch gut – besser als die anderen. Das Wichtigste für mich ist, dass sie miteinander eine gute Beziehung haben.

Was meinen Sie mit «Hurra-System» und «Hurra-Tennis»?
Die meisten Jungen spielen Tennis, wie sie leben: Sie tun nur, was sie wollen. Auf dem Tennisplatz musst du aber tun, was zu tun ist, und nicht spielen, wie du gerade willst. Das geht nicht. Denn die ältere Generation spielt nicht, wie sie will, sondern wie sie muss. Das sieht man am besten an Roger (Federer). Er macht das, was das Material und der Zeitpunkt gerade verlangen, und handelt nicht einfach nach dem Lustprinzip.

Gefällt Ihnen die Richtung, in die sich das Frauentennis entwickelt?
Mir gefällt das neue Material. Es erlaubt ein schnelleres Spiel und erfordert ­eine viel bessere Physis. Denn wenn man mit den heutigen schnellen Schlägern die Bälle kontrollieren will, muss man sehr schnell sein. Das sieht man: Die Mädchen sind nicht mehr so übergewichtig wie früher, sie sind athletisch viel besser geworden. Das Material bestimmt die Entwicklung. Nun kommt es darauf an, wie viel die Mädchen investieren wollen.

Also steht mehr das Athletische als das Spielerische im Mittelpunkt?
Ja. Doch es wird wieder eine Phase kommen, in der das Spiel wieder im Zentrum stehen wird. Denn nun werden alle mit dieser Schnelligkeit aufwachsen, und dann wird wieder entscheidend sein, wer besser Tennis spielt. Federer und Djokovic machen es vor, die spielen kein Hurra-Tennis. Sie überlegen, was sie ­machen, leisten sich keine unnötigen Fehler oder gehen zu grosse Risiken ein.

Genau wie momentan Bencic. Könnte man sagen, dass sie das Tennis der Zukunft spielt?
Ja. Selbstverständlich. Wir waren schon immer voraus.

Und wie weit kann sie es bringen? Oder muss inzwischen vor zu grossen Erwartungen gewarnt werden?
Nein, nein. Sie und ihr Vater müssen sich aber daran gewöhnen, dass sich nun viele Leute an sie heften werden, die mit allem nichts zu tun haben. Mehr Sponsoren, mehr Medien, mehr Fans. Ivan Bencic muss nun die Zeit gut organisieren, damit das Training nicht leidet. Und schauen, dass sie immer noch ausgeruht zu den Trainings kommt. Natürlich habe ich schon wieder viele Pläne, was wir machen können, wenn sie das nächste Mal zu mir kommt. Die Entwicklung geht immer weiter.

In einem Halbfinal könnte sie auf Caroline Wozniacki treffen, gegen die sie im Juli in Istanbul 0:6, 0:6 verlor. Was war dort los?
Da wurde sie einfach überrollt. Wozniacki hat sehr gut gespielt, war kämpferisch hochmotiviert nach all ihren Geschichten (sie spricht die Trennung von Golfstar McIlroy an) und einsatzfreudig. Damit kam Belinda nicht zurecht. Es gibt solche Partien, in denen man letztlich ­resigniert. Auch wenn das schade ist.

Trauen Sie ihr den Finalvorstoss zu?
So weit denke ich noch nicht. Momentan analysiere ich die ganze Zeit den Match gegen Jankovic und überlege, was sie zu tun hat, um Peng zu schlagen.

Erstellt: 01.09.2014, 21:19 Uhr

Die «Trainerin des Jahres 1997» führte ihre Tochter Martina Hingis zu fünf Grand-Slam-Titeln. Mit Belinda Bencic trainiert sie seit zehn Jahren regelmässig in ihrer Halle in Wollerau. Foto: PD

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