«Belinda muss lernen, ihre Zeit einzuteilen»

Am Rande des Australian Open äusserte sich Doppelspezialistin Martina Hingis auch zu Belinda Bencic, die stark mit ihrer Mutter Melanie Molitor zusammenarbeitet.

Martina Hingis über Belinda Bencic: «In Melbourne spielte sie zu ängstlich, zu passiv.»

Martina Hingis über Belinda Bencic: «In Melbourne spielte sie zu ängstlich, zu passiv.» Bild: Keystone

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Martina Hingis, trauen Sie Belinda Bencic eine Karriere wie die Ihrige zu?
Das wäre schön, ich würde es ihr gönnen. Es dürfte sich in diesem und nächstem Jahr herauskristallisieren. Wir wissen noch nicht, wie sie auf verschiedene Dinge reagiert, wie sie Niederlagen verarbeitet. Ich denke, da ist sie stark genug, sie hat auch einen grossen Stab hinter sich. Meine Mutter hilft ihr auch die ganze Zeit. Aber ob es richtig war, den ganzen Dezember in Florida zu trainieren?

Haben Sie das Gefühl, dass sie nicht optimal trainiert hat?
Das Spiel ist ja immer ein Spiegelbild des Trainings. Es gibt jetzt auch mehr Rummel um sie. Sie muss lernen, ihre Zeit einzuteilen, das ist ein Prozess. Stehen Sie ihr sehr nahe?
Schon. Wir vertrauen uns. Und wenn ich helfen kann, mache ich es gerne.

Was erwarten Sie von ihr 2015? Der Start war harzig.
Sie ist nun in einer anderen Position. Jetzt sollte sie gewinnen, haben andere nichts zu verlieren, wie hier Julia Görges. Aber wenn sie sich zusammenreisst und trainiert, wie sie sollte, gibt es keinen Grund, weshalb sie den Aufwärtstrend nicht beibehalten sollte. Es gibt vielleicht ein etwas schwierigeres Jahr für sie. Wenn es aufwärts geht, ist alles einfacher. Irgendwann kommt der Druck, spielen die Nerven mit. Hier spielte sie zu kurz, zu ängstlich, zu passiv.

Könnten Sie ihr einen Ratschlag geben?
Eben: Wenn man richtig trainiert hat, muss man keine Angst haben. Wobei mit 17, 18 auch noch andere Sachen ins Spiel kommen.

Fehlt Bencic auch die Matchpraxis?
Ja, und das kommt von diesen unsinnigen Regeln, von der Altersbeschränkung. Sie kann dieses Jahr vor ihrem 18. Geburtstag (im März) nur noch wenige Turniere spielen. Sonst hätte sie beispielsweise auch in Brisbane antreten können. Mit vier Niederlagen zu beginnen (zwei davon im Doppel), ist nicht ideal. Aber das sollte ihr einen Ruck geben. Bei mir zumindest war das so. Jeder Match, jeder Sieg ist gut für die Psyche.

In der Weltrangliste wird sie jetzt von Bacsinszky überholt. Überrascht Sie das?
Timea ist älter geworden, reifer, sie weiss, was sie will. Das merkt man, wenn man mir ihr spricht. Sie hat ihre schwierige Phase hinter sich. Aber auch sie hat ein paar Jahre verloren. Allerdings ist sie immer noch jung, 25. Dabei hat man das Gefühl, dass sie schon seit 10 Jahren dabei ist. Sie hat sicher noch drei bis fünf gute Jahre vor sich, wenn sie gesund bleibt. Sie war aber immer etwas fragil.

Was könnte für Bencic drin liegen?
Wenn sie alles unter einen Hut bringt, sollten die Top 5 möglich sein. Ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, ist wieder eine andere Sache. Serena (Williams) wird irgendwann weg sein, Scharapowa wird auch nicht schneller… Kvitova und Halep spielen gut, die sind nicht angenehm. Aber Bouchard, Kerber und Radwanska sind alle schlagbar. Von Rang 5 bis 10 hat es noch viel Platz, wobei Wozniacki und Ivanovic wieder besser spielen und auch Asarenka keine einfache Gegnerin ist. Gut gefällt mir auch Muguruza. Die kommt sicher noch nach vorne.

Warum geling den wenigsten heute der Durchbruch mit 16 oder 17, wie es zu Ihren Zeiten oft geschah?
Weil sie beim Übergang von den Junioren zu den Erwachsenen ein, zwei Jahre verlieren. Sie dürfen nicht so viel spielen und verpassen den Anschluss. Spielerisch sind sie zwar oft besser, aber sie sind weniger beständig, haben mehr Hochs und Tiefs. Meine Mutter gab es Belinda mit auf den Weg, dass sie konstanter spielen konnte als die anderen in ihrem Alter. Deshalb konnte sie auch all diese Juniorenturniere gewinnen und auch auf der Tour schnell ihren Platz finden.

Und was denken Sie, wenn Sie sehen, dass Ihre alten Rivalinnen, Serena und Venus Williams, noch immer grössere Turniere gewinnen?
Venus hat so ihre guten Phasen, dann verliert sie wieder in der 1. oder 2. Runde. Aber Serena ist schon ein Phänomen. Man muss weit suchen, bis man jemanden findet, der ihren Kopf hat, ihren Willen.

Erstellt: 27.01.2015, 16:18 Uhr

Kennerin der Szene: Martina Hingis äussert sich zu Belinda Bencic. (Bild: Keystone )

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