Analyse

Bencic auf den Spuren von Hingis

Belinda Bencic, die Siegerin des Juniorenturniers von Roland Garros, hat ein Potenzial wie keine Schweizerin seit Martina Hingis und Patty Schnyder.

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Roger Federer reiste bereits nach dem Viertelfinal aus Paris ab, und trotzdem durfte das Schweizer Tennis hier einen grossen Erfolg feiern: Die 16-jährige Belinda Bencic triumphierte bei den Juniorinnen – und wurde damit zur einzigen Schweizer Major-Juniorensiegerin nebst Martina Hingis. In ihren ersten drei Grand Slams hatte Bencic zwei Spiele gewonnen, am French Open stürmte sie mit sechs Siegen zum Titel, deklassierte im Final die Deutsche Antonia Lottner 6:1, 6:3. Sie bewies in der vergangenen Woche ihre rasanten Fortschritte der letzten zwölf Monate, zeigte sich schon erstaunlich reif – spielerisch wie mental.

Ein solcher Erfolg ist mit viel Prestige verbunden und weckt grosse Hoffnungen. Aber er bedeutet nicht, dass Bencic hier dereinst auch bei den Profis triumphieren wird. Das Beispiel von Roger Federer, der 1998 in Wimbledon bei den Junioren gewann und fünf Jahre später bei den Grossen, ist die Ausnahme. Die Letzte, die in Paris dieses «Double» schaffte, war Justine Henin. Aber dieser Titel zeigt durchaus, dass Bencic sehr talentiert ist. Zumal sie zu den jüngeren Siegerinnen der letzten Jahre zählt, bei den Juniorinnen 2013 noch kein Spiel verlor und nun auch die Nummer 1 wurde. Wie einst Hingis und Federer.

Noch mehr als die Resultate muss man aber das Potenzial von Bencic betrachten. Das heisst: Wie gut ist sie spielerisch und athletisch aufgestellt? Wie gross ist ihr Raum zur Steigerung? Klar ist, dass seit Hingis und Patty Schnyder keine Schweizerin mehr ein solch gutes Gesamtpaket hatte wie Bencic. Sie spürt das Spiel sehr gut, verfügt über ein ausgezeichnetes Antizipationsvermögen und Timing. Ihr ist von Melanie Molitor eine gute technische Basis vermittelt worden. Sie liebt den Wettkampf – je wichtiger die Bälle, umso entschlossener tritt sie auf. Und sie scheint sich den Kopf nicht so schnell verdrehen zu lassen.

Physisch noch nicht ausgereift

Nach einem Wachstumsschub ist Bencic inzwischen 1,75 Meter gross, und es könnten durchaus noch einige Zentimeter dazukommen. Gut sind also auch ihre physischen Voraussetzungen. Sie ist körperlich aber noch längst nicht ausgereift, kann und wird noch kräftiger und explosiver werden – und dies dürfte automatisch zu einer weiteren Leistungssteigerung führen. Bencic ist erst 16, das vergisst man manchmal. Sie ist in einem Alter, in dem sie immer noch einer Beschränkung unterliegt, nur zwölf Profiturniere spielen darf.

Es ist eine Vorgabe, die Sinn macht. Denn es wäre kontraproduktiv, sie zu früh in Situationen zu bringen, in denen sie überfordert ist, sich möglicherweise schlechte Gewohnheiten aneignet. Sie konnte ihr Spiel in den vergangenen Monaten gegen Gleichaltrige gut weiterentwickeln. Sie sammelte viel Selbstvertrauen, wirkt gefestigt, spielt inzwischen viel aktiver, gestaltet die Ballwechsel. Und das ist die Art und Weise, wie sie dereinst auch auf der WTA-Tour auftreten sollte. Fed-Cup-Captain Heinz Günthardt ist überzeugt, dass sie in Paris schon jetzt gegen viele im Haupttableau bestehen könnte. Aber er fragt rhetorisch: «Doch was ist ihr Ziel? Will sie einfach bestehen? Oder will sie Turniere gewinnen?» Die Profitour ist auch bei den Frauen athletischer geworden. Als Folge davon hat die Anzahl Teenager in den Top 100 stark abgenommen. Die Kunst ist es, Bencic allmählich an die Herausforderungen bei den Besten heranzuführen. Im vergangenen Oktober konnte sie in Luxemburg gegen Venus Williams schon einmal schnuppern. Und ihr Pariser Juniorentitel und Nummer-1Ranking werden ihr helfen, ab und zu eine Wildcard zu erhalten. Ein professionelles Umfeld hat Bencic bereits, sie reist nicht nur mit ihrem Vater Ivan, sondern auch mit einem Physiotherapeuten und einem Sparringpartner.

Teenager sein lassen

Die Konstellation, dass ihr Vater auch ihr Coach ist, wird wegen der vielen Negativbeispiele kritisch betrachtet. Doch man muss aufpassen, dass man nicht pauschalisiert. Das Auftreten von Belinda Bencic auf und neben dem Platz stellt ihrem Vater jedenfalls ein gutes Zeugnis aus. Und Melanie Molitor und Martina Hingis zeigten ja auf, dass es durchaus funktionieren kann, wenn ein Elternteil das Kind trainiert. Das Erfolgsrezept ist, dass dem Kind Freiräume eingeräumt werden, dass man es auch einmal Teenager sein lässt. Bei aller Strenge auf dem Platz, dies gestand Molitor ihrer Tochter zu.

Es ist nicht wegzudiskutieren, dass im «Tennisunternehmen Bencic» ein gewisser Erfolgsdruck auf Belinda Bencic lastet. Und es wird nicht immer so rasant vorwärts gehen wie in den letzten zwölf Monaten, es wird auch Rückschläge geben. Das Wichtigste ist, dass sie sich ihre Freude an diesem Sport bewahrt. Sie ist in diesem Spiel, das ein Millionenbusiness geworden ist, immer noch der Schlüssel zu allem.

Erstellt: 10.06.2013, 10:07 Uhr

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