Interview

«Da sprühen wieder die Funken»

Konditionstrainer Pierre Paganini erklärt, wie er Roger Federer in Dubai und Stanislas Wawrinka am Genfersee auf 2014 vorbereitet.

Selten im Gleichschritt (hier im Davis-Cup 2011), verschiedene Athleten, aber mit dem gleichen Coach, der für ihre Fitness sorgt: Stanislas Wawrinka und Roger Federer.

Selten im Gleichschritt (hier im Davis-Cup 2011), verschiedene Athleten, aber mit dem gleichen Coach, der für ihre Fitness sorgt: Stanislas Wawrinka und Roger Federer. Bild: Rick Croft/Keystone

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Nach dem Interview dreht sich Pierre Paganini im Swissôtel Oerlikon nochmals um und sagt: «Es wäre schön, wenn irgendwo stehen würde, wie viel Spass mir die Arbeit mit den beiden macht.» Eigentlich überflüssige Worte: Nur zu gut spürt man, wie leidenschaftlich der 56-jährige Konditionstrainer weiterhin mit Roger Federer und Stanislas Wawrinka arbeitet. Dabei wird seine Aufgabe im wichtigen Aufbaumonat Dezember dieses Jahr dadurch erschwert, dass Federer (ATP 6) sich im heissen Dubai vorbereitet, während Wawrinka (ATP 8) in Lausanne und Genf trainiert – und dass beide die Saison erst nach dem ATP-Finale beendeten. Paganini pendelt deshalb: Ende November war er eine Woche beim Westschweizer, danach zehn Tage in Dubai, dann wieder sechs Tage am Genfersee, und seit Mittwoch weilt er für eine weitere Woche in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Ist es schwierig, zwei Top-10-Spieler gleichzeitig eng zu betreuen?
Es ist ein schönes Problem. Weil beide das Masters bestritten, ist das Timing etwas schwieriger, wir mussten uns gut organisieren. Stan weiss, dass Roger Priorität hat. Und es hilft, dass wir alle gut miteinander auskommen.

Gibt es grundlegende Unterschiede in der Arbeit mit den beiden?
Für Tennisspieler ist athletisch speziell die Ausdauer in der Reaktionsstärke wichtig. Federer ist sehr reaktionsstark, und wir versuchen, dieser Explosivität eine möglichst hohe Ausdauer zu verschaffen. Bei Stan ist es eher umgekehrt, er ist ein Ausdauerathlet mit weniger Explosivität. Die beiden Faktoren müssen sich gegenseitig unterstützen. Die Übungen können ähnlich sein, aber die Prioritäten innerhalb der Konditionsfaktoren sind zum Teil verschieden.

Wen würden Sie als besseren Athleten einstufen?
Das kann ich so nicht sagen. Wawrinka ist kräftig und ausdauernd, in der Reaktionsstärke ist er zwar besser geworden, aber da hat er noch Potenzial. Roger ist athletisch ausgeglichener. Das Ziel ist bei ihm, die Ausdauer in der Kraftschnelligkeit wieder zu optimieren. Wawrinka katapultiert sich mit seiner Kraft in den Bewegungsablauf hinein. Federer ist ein Tänzer, geschmeidig und elegant; seine Kreativität, die Antizipation, das Timing und die Spontanität ergeben bei ihm diese schöne Mischung.

Wie verläuft Federers jetziger Trainingsblock?
Bis jetzt – und nun muss ich Holz anfassen – sieht es sehr gut aus. Wenn wir die Trainings miteinander oder mit Seve (Lüthi) besprechen, sind wir happy. Er zeigt wieder Dinge auf dem Tennisplatz und im Fitnessraum, bei denen wir sagen: Wow, da sprühen wieder die Funken. Das heisst nicht, dass es vorher keine Funken gehabt hätte. Aber wenn du eine Verletzung hast wie er dieses Jahr am Rücken, hat das Folgen. Da trittst du bewusst oder unbewusst auf die Bremse. Auch wir im Umfeld. Und plötzlich hat die Prävention einen so grossen Einfluss, dass man sich vom gesetzten Ziel entfernt. Es ist schön, ihn nun wieder mit einem Lächeln und seiner Spontanität zu erleben.

War 2013 das schwierigste Jahr, was den Rücken betrifft?
Eindeutig. Weil ihm die Verletzung den Rhythmus brach. Der Trainingsblock nach Indian Wells, als er sieben Wochen kein Turnier spielte, war frustrierend. Er wusste: Ich investiere zwar jeden Tag viele Stunden, aber es nützt mir für das Tennis im Moment wenig. Im Krafttraining mussten wir einige Teile ganz weglassen, im Explosivbereich auf 25 Prozent verzichten und den Rest so anpassen, dass es für den Rücken nicht zu komplex wurde, auch im Ausdauerbereich und auf dem Tennisplatz.

Diese Probleme begleiten ihn nun schon seit über zehn Jahren.
Wir wissen, dass sie zurückkommen können. Aber auch, dass er mehr oder weniger lange Phasen haben kann, in denen es super läuft. Für diese kämpft er, und wir sind sehr zuversichtlich.

Wie sieht ein Trainingstag etwa aus?
Aufstehen, Frühstück, dann meist zuerst eine Behandlung in Form von Massagen oder Prophylaxeübungen mit dem Physiotherapeuten (Stéphane Vivier). Von denen muss er viele machen, deutlich mehr als früher, immerhin ist er 32 und hat über 1100 Matches in den Beinen. Er muss schon sehr viel bringen, nur um bereit zu sein für die eigentliche Arbeit. Dann folgt üblicherweise ein Aufwärmen, ein Konditionstraining zwischen 60 und 90 Minuten, und danach geht er für etwa zwei Stunden auf den Tennisplatz. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Team eng zusammenarbeiten. Rogers Tage sind lang – die von Stan übrigens auch. Es ist ein Ganztagesbetrieb. Im Schnitt dauern sie von etwa 7.30 bis 18 oder 19 Uhr. Pro Woche kommt er auf etwa zehn Stunden Konditionstraining.

Benutzt er viele Geräte?
Was die Prophylaxe für den Rücken betrifft, arbeitet er mit verschiedenen Bändern, Bällen, leichten Gewichten und Physiobällen. Beim Training der Maximalkraft machen wir nur so viel, wie wirklich nötig ist.

Ist Federer nach einem solchen Jahr noch vorsichtiger als vorher?
Das ist eine spannende Frage. Die Spontanität wiederzufinden, ist eine harte mentale Arbeit. Denn das Tennis hat sich entwickelt, es wird immer besser gespielt. Heute gibt es viel mehr komplexe Ballwechsel über 12 bis 16 Sekunden mit etwa 18 Schlägen und unzähligen Stop-and-go-Aktionen.

Hatten Sie in der Hallensaison das Gefühl, dass er die Bremse wieder etwas lösen konnte?
Eindeutig. Es gab Momente, in denen man sagte: Aha, das ist es eigentlich. Sie waren vielleicht kürzer als früher, aber für den Spieler ist es schön, solche wieder zu spüren. Man sah auch, wie sein Vertrauen im Herbst stieg. Das braucht er für den nächsten Schritt, und nun hoffen wir, dass es so weitergeht.

Erwarten Sie, dass er sich 2014 wieder steigert?
Er ist ein Ausnahmeathlet und fantastischer Spieler, und wenn er gesund und fit ist und seinen Rhythmus finden kann, wird er auch wieder in der Lage sein, um grosse Titel zu spielen. Er ist mit so viel Leidenschaft bei der Sache – seine Leidenschaft ist das Einzige, das er nicht im Griff hat. Deshalb ertrage ich es nicht, wenn einer sagt, er soll aufhören, oder er trainiere nicht mehr voll, weil er eine Familie habe. Das ist Blödsinn.

Federer testet momentan wieder grössere Rackets. Beeinflusst das auch Ihre Arbeit?
Überhaupt nicht. Höchstens, dass man dafür etwas mehr Zeit einplanen muss.

Zu Wawrinka. Er nahm schon am 23. November sein Training wieder auf. Hätte er sich nicht etwas mehr Ferien gönnen sollen?
Er hatte immerhin zwölf Tage völlig frei und diese Planung selber gewünscht. So hat er auch Zeit, sich zwischen der Arbeit weitere Erholung zu gönnen. Roger begann sein Training derweil schon während der Ferien auf den Malediven, fast gleichzeitig wie Stan.

Sind Sie überrascht, dass Wawrinka seine beste Saison gelang?
Ein wenig. Ich wusste, dass er zu solchen Leistungen fähig ist. Ich wäre eher überrascht gewesen, wenn sie ihm vor drei Jahren gelungen wären. Er ist einer, der die Dinge, zwei-, dreimal erlebt haben muss, um sie zu verinnerlichen.

Wie beurteilen Sie seine physische Entwicklung?
Was schön ist: Er arbeitet seit vielen Jahren an den Dingen, die nun offensichtlich besser geworden sind. Ich finde es toll, dass er beweisen konnte: Wenn du konsequent an dir arbeitest und nicht aufgibst, trotz Rückschlägen, zahlt es sich irgendwann aus. Aber nun beginnt wieder alles von null.

Hat er noch Steigerungspotenzial?
Das Grundpotenzial wird sich nicht mehr gross verändern, er wird im März ja auch schon 29. Es geht mehr darum, gewisse Aspekte zu vertiefen. Weil er weniger explosiv ist, müssen wir ihn während der Saison vorsichtiger aufbauen, da die Verletzungsgefahr grösser ist. In diesem Bereich wollen wir aber noch Fortschritte erzielen.

War er sehr enttäuscht, an den Sports Awards von Dario Cologna knapp geschlagen worden zu sein?
Ich denke nicht. Er war danach relativ cool und auch nicht niedergeschlagen. Er sprach weniger vom Resultat als davon, wie der Abend verlaufen war.

Erstellt: 20.12.2013, 07:33 Uhr

Paganini und Federer im Einsatz

(Video: Youtube.com)

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Pierre Paganini (56) kennt Roger Federer, seit dieser 14 Jahre alt war. Er arbeitete insgesamt 20 Jahre lang für Swiss Tennis, davon 11 für das Davis-Cup-Team. Vor 13 Jahren verpflichtete ihn Federer privat als Konditionstrainer für inzwischen rund 140 Tage im Jahr. Etwa auf die Hälfte dieses Pensums kommt Paganini mit Wawrinka, den er seit 2003 betreut. Früher kümmerte sich der in Zürich geborene Westschweizer 17 Jahre lang um Marc Rosset und die Maleeva-Schwestern. Er ist verheiratet und wohnt in Zermatt und Dubai. (rst)
Fotos: Keystone

Pierre Paganini (l.) und Severin Lüthi.

Auf die Frage, ob das kürzliche Ausscheiden von Paul Annacone auf Roger Federers Team grosse Auswirkungen habe, antwortet Pierre Paganini mit einem dezidierten Statement: «Severin Lüthi wird total unterschätzt. Er wird als cooler Kerl abgestempelt, der mitreist und das Gepäck trägt. Dabei ist er nicht mehr 23, sondern 37 und auch offiziell Federers Coach. So ist auch ihre Arbeitsbeziehung. Ob wieder jemand dazukommt oder nicht, hat damit nichts zu tun.»

Lüthi arbeite schon sieben Jahre mit Federer und acht als Davis-Cup-Captain, das sei ein Beleg für seine Effizienz und Kompetenz. Wichtig finde er, dass Trennungen wie bei Annacone («ein Super­coach») mit Klasse vollzogen würden und man die Gründe kenne. Er schliesst nicht aus, dass das Team wieder vergrössert werden könnte.

Mit Stefan Edberg, der mit Federer eben eine Trainingswoche verbrachte, sei aber nicht entschieden, wie es weitergehe. Und was hält Paganini von Novak Djokovics Schritt, Boris Becker zu holen? «Dazu kann ich nur sagen: Auch ich bin überrascht.» (rst) 

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