Das gebrochene Herz des Federer-Gegners

Die wundersame Geschichte, wie Sam Groth so weit kam, am US Open Roger Federer zu fordern.

Niemand schlägt so hart auf wie er: Sam Groth hält mit 263,4 km/h den inoffiziellen Service-Weltrekord. Foto: Getty Images

Niemand schlägt so hart auf wie er: Sam Groth hält mit 263,4 km/h den inoffiziellen Service-Weltrekord. Foto: Getty Images

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Wenn man Sam Groth vor drei Jahren gesagt hätte, er würde am US Open 2014 im weltgrössten Tennisstadion Roger Federer fordern, er hätte wohl ungläubig den Kopf geschüttelt. Denn der Australier hatte dem Tennis damals als Top-300-Spieler den ­Rücken zugedreht. Es ist eine komplizierte Geschichte, die sich, natürlich, um die Liebe dreht. Groth hatte damals, mit 23, ein gebrochenes Herz nach der Trennung von seiner Jugendliebe Jarmila ­Gajdosowa. Es war Tennis, das sie verbunden hatte. Gajdosowa hatte als sehr talentiert gegolten und er sie als Sparringpartner unterstützt. Sie ­heirateten ­Anfang 20, zerstritten sich und sind bis heute unversöhnlich. Es ging um Geld und ums Fremdgehen, zwei delikate Themen.

Rückkehr zu den Wurzeln

Als Groth nun am Dienstag sein New Yorker Startspiel gewann und Gajdosowa ­ihres verlor, wollte es der Zufall, dass sie sich beide nebeneinander den Journalisten stellen mussten. Sie würdigten sich keines Blickes. Doch zurück zum Einstieg. Groth, der 1,94-Meter-Mann, hatte mit dem Tennis aufhören müssen, weil ihn dieser Sport, den er mit seiner jetzigen Ex-Frau geteilt hatte, zu sehr an sie erinnerte. Also wandte er sich seiner früheren Leidenschaft zu, dem Australian Rules Football. Ein rüder Sport mit Männern in ärmellosen Leibchen, dem Groth als kleiner Junge zuerst gefrönt hatte, ehe er mit zehn mit dem Tennis begann und seine Eltern nach Melbourne umzogen, um ihm dazu die bestmöglichen Bedingungen zu bieten.

Natürlich konnte Groth beim Football nicht auf höchstem Niveau einsteigen, er heuerte bei einem Team in einer lokalen Liga in Melbourne an. Mit seiner guten Koordination und Explosivität soll er ein spektakulärer Offensivspieler gewesen sein, heisst es. Und die Grösse hatte er ja auch. Wie ernst es ihm war mit seinen sportlichen Ambitionen, ist schwer zu sagen. Jedenfalls half ihm die Rückkehr zu seinen Wurzeln, um mit seinem ­Liebeskummer klarzukommen.

Es habe ihm gutgetan, nach so vielen Jahren in einem Einzelsport einzutauchen in den Alltag eines Teams, dort ­Geborgenheit und offene Ohren zu finden. «Die Jungs und das Football waren für ihn in dieser schweren Zeit eine ­Krücke, auf die er sich stützen konnte nach seiner Trennung», sagte Jeff Rudd, sein damaliger Coach, nun gegenüber der Zeitung «The Age».

Nun wieder zehn Kilo leichter

Doch so sehr Rudd Groth mochte, nach ­einem Jahr ermutigte er ihn, wieder Tennis zu spielen. Er habe so viel in jenen Sport investiert, und im Football sei eine schwere Knieverletzung schnell passiert, sagte er ihm. Groth leuchtete das ein, und so kehrte er 2012 auf die Tour zurück. Als Nummer 786 nahm er seine zweite Karriere in Angriff, kürzlich schaffte er es erstmals in die Top 100, in New York hat er erstmals eine Runde an einem Majorturnier gewonnen.

Inzwischen ist er wieder rund zehn Kilo leichter als während seiner Footballsaison. Zu viele Muskeln helfen im Tennis nicht. Und Kraft hat er ja genug. Sonst hätte er, 2012 an einem Challengerturnier im südkoreanischen Busan, nicht mit 263,4 km/h den inoffiziellen Aufschlagweltrekord aufgestellt. Seine traumatische Trennung verarbeitete er mit einer Tätowierung auf dem linken Arm, inzwischen hat er eine neue Partnerin, und er spielt so gut Tennis wie noch nie. Schon bevor er heute gegen Federer auf den Court schreitet, darf sich Groth als Sieger fühlen.

Erstellt: 29.08.2014, 07:13 Uhr

Groth 2011 im Dress der Vermont Eagles.

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