«Den 100. Sieg so zu holen, werde ich nie vergessen»

Wie Roger Federer am Australian Open eine Partie drehte, die verloren schien. Und was er dazu sagte.

Roger Federer verwandelt den ersten Matchball gegen John Millman. (Video: SRF)

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Es war 55 Minuten nach Mitternacht, als in der Rod-Laver-Arena auf den Bildschirmen doch noch ein kurzer Zusammenschnitt gezeigt werden konnte, den die Organisatoren für dieses absehbare Jubiläum vorbereitet hatten. Er zeigte im Schnelldurchlauf die Höhepunkte der 99 Siege, die Roger Federer an diesem Turnier vor diesem Abend errungen hatte. Aber wenig hatte gefehlt, und er hätte im Archiv bleiben müssen. Der 100. Sieg, den der sechsfache Australien-Champion doch noch errungen hatte, wurde zu einem seiner knappsten, spannendsten und denkwürdigsten – was etwas heissen will.

«Diese Partien sind es, wegen denen ich noch spiele», sagte Federer, als er kurz vor zwei Uhr morgens im Interviewraum sass. «Für mich ist dies ein Spiel für die Erinnerung. Den 100. Sieg auf diese Weise zu holen, werde ich nie vergessen.» Dass es zu diesen vierstündigen Epos hatte kommen können, sei aber auch seinem Gegner zu verdanken, dem Australier John Millman. «Die Intensität und Kadenz von ihm waren unglaublich hoch. Es war sein Verdienst, dass er mich so nahe an eine Niederlage brachte», kommentierte er das 4:6, 7:6 (7:2), 6:4, 4:6, 7:6 (10:8).

Mit normalem Tiebreak wäre Federer ausgeschieden

Die Partie gegen den 47. der Weltrangliste, der als Profi weniger Partien gewonnen hat als Federer in Melbourne, illustriert, wie nahe Triumph und Versagen im Tennis liegen können. Sie zeigt auch, dass manchmal der Zufall mitspielt: Würde in Melbourne der fünfte Satz in einem normalen Tiebreak entschieden (wie in Wimbledon und am US Open) und nicht in einem Match-Tiebreak auf 10 Punkte, hätte Federer verloren. Er lag bereits 4:8 zurück, ehe er die letzten sechs Punkte hintereinander gewann, oder besser: erzwang, dank Klasse, mentaler Stärke und Siegeswille.

«Zum Glück gibt es ein Super-Tiebreak», sagte Federer als erstes zu Jim Courier im Siegerinterview, nachdem er im 54. Fünfsätzer doch noch zum 31. Sieg gekommen war, dem fünften hintereinander in Melbourne. Er war 2019 in Wimbledon schon zum ersten Mann geworden, der an einem Grand-Slam-Turnier 100 Einzel gewinnen konnte. Nun ist er der erste im Tennis (inklusiv der Frauen), der dies an zwei der vier grössten Anlässe erreicht hat.

Wie frisch ist Federer nach dem Kraftakt?

Damit steht er zum 67. Mal in einem Grand-Slam-Achtelfinal, zum 18. Mal in Melbourne. Das sind enorme Zahlen. Welche Spuren der 4:03 Stunden dauernde Kraftakt hinterlassen hat, wird sich am Sonntag zeigen. Dann trifft er auf den Ungarn Marton Fucsovics (ATP 67), der mit Denis Shapovalov, Jannik Sinner und Tommy Paul drei Vertreter der neuen Generation schlug und dabei nur einen Satz abgab. «Er ist ein ähnlicher Spieler wie Millman, und auch mit ihm habe ich in Zürich schon trainiert», sagte Federer. Er glaube nicht, dass er körperlich gross im Nachteil sein werde. «Wichtig ist nur, dass ich einen wirklich guten Match zeige.»

Die Partie gegen Millman würde für ihn zu einem guten Test, hatte er vor seiner dritten Partie richtig vermutet. Erstmals seit sieben Jahren hat er vor dem Australian Open kein Vorbereitungsturnier bestritten. Die fehlende Matchpraxis zeigte sich gegen Millman vor allem im ersten Satz. Das grosse Selbstvertrauen hatte er in den zwei ersten Runden noch nicht holen können. Der erste Gegner (Steve Johnson) war zu schwach gewesen, der zweite (Filip Krajinovic) zu müde. «Aber diese Partie gibt mir nun jede Menge an Informationen.»

Gegen Millman hatte Federer gewusst, dass er verlieren konnte – und dieser wusste das auch. Selten sah man den Weltranglistendritten in frühen Runden mit so viel Respekt vor dem Gegner an der Arbeit wie an diesem Abend. Und er grub sich selber ein Loch, als er im Startsatz im zehnten Game zum zweiten Mal gebreakt wurde, mit drei Fehlern in Folge. Zwar schaffte er dank einem starken Tiebreak den Satzausgleich, und als er mit 2:1 Sätzen in Führung ging, schien er den Sturm gebändigt zu haben. Doch Millman wusste, er würde zu seiner Chance kommen. Und viele brauchte er nicht: Von acht Breakbällen verwertete er vier, Federer nur drei von zehn.

Das Publikum und einen Erfahrenen auf seiner Seite

Der frühere NLB-Interclubspieler des TC Zug hatte auch den Grossteil des Publikums im Rücken, was inzwischen für Federers Gegner überall ungewöhnlich ist. Und er hatte mit Lleyton Hewitt auch einen erfahrenen Berater zur Seite, einst die Nummer 1 und einer der grössten Rivalen Federers.

Die Partie zeigte aber auch, warum der Baselbieter zum erfolgreichsten Spieler der Grand-Slam-Geschichte werden konnte, warum er auch als 38-Jähriger nicht ans Aufhören denkt und was für ein hervorragender Wettkämpfer er weiterhin ist. Während ihn viele innerlich schon abgeschrieben hatten, fand er im an diesem Abend im vorentscheidenden Tiebreak des zweiten Satzes fast mirakulös seine Sicherheit wieder. «Ich sagte mir, dass ich positiv bleiben musste, auch wenn phasenweise vieles gegen mich lief», erklärte er später. Er liess sich auch nicht entmutigen, als er eine 2:1-Satzführung verspielt hatte, und auch nicht, als er im fünften Satz als erster gebreakt wurde (zum 1:2). Sogleich holte er sich das Break zurück.

«Die Luft wird unglaublich dünn»

Dass er das Match-Tiebreak noch gewinnen konnte, nachdem Millman mit drei seiner besten Punkte hintereinander auf 8:4 davongezogen war, fand auch er bemerkenswert. «So grosse Rückstände sind im Tennis selten. Die Luft wird unglaublich dünn, und jeder Fehler kann dir teuer zu stehen kommen. Die Atmosphäre war verrückt, aber sie machte Spass.» Federer wurde sogar grundsätzlich: «Alles, was ich durchgemacht habe, war es wert. Wenn ich noch Tennis spiele, dann, um Turniere und Matches zu gewinnen, aber auch, um solche epischen Partien zu bestreiten. Ich bin froh, dass ich zu dieser Partie kam, gegen einen Gegner, den ich sehr bewundere.» Sie habe gezeigt, dass es nicht immer ein Final sein müsse, um grosse Emotionen freizulegen.

Selbst zu dieser späten Stunde war er noch zum Scherzen aufgelegt. Etwas sarkastisch sagte er, er finde es schon wichtig, dass jedes Grand-Slam-Turnier im fünften Satz ein anderes Format benutze (was tatsächlich der Fall ist). «Und ich sorge dafür, dass ich alle noch selber erlebe...» In Wimbledon hatte er letztes Jahr das entscheidende Tiebreak (beim Stand von 12:12) gegen Djokovic verloren. Er sei zwar ein Traditionalist, aber er begrüsse es, dass die fünften Sätze irgendwann ein Tiebreak brächten. Und er erinnerte an das Jahr 2010, als John Isner gegen Nicolas Mahut in Wimbledon den fünften Satz 70:68 gewonnen hatte. «Nach einer solchen Partie hast du keinerlei Chancen mehr, das Turnier zu gewinnen», sagte er. Etwas, das für ihn in Melbourne weiterhin möglich ist, dank seinem unwahrscheinlichen Schlussspurt.

Erstellt: 24.01.2020, 17:19 Uhr

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