Denkzettel für den Davis-Cup

Warum Roger Federer und Stan Wawrinka die Reise nach Belgien auslassen.

Federer, Wawrinka: Die eigene Karriere hat nun Vorrang. Foto: Getty Images

Federer, Wawrinka: Die eigene Karriere hat nun Vorrang. Foto: Getty Images

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Swiss-Tennis-Präsident René Stammbach hatte alles versucht. Er wollte Roger Federer und Stan Wawrinka mit der Aussicht auf einen Viertelfinal vor über 30 000 Zuschauern in Bern gegen Kanada oder Japan ködern und wäre sogar bereit gewesen, sie überproportional am Millionengewinn zu beteiligen. Doch gestern, mit einer Woche Verspätung, wurde es offiziell: Die beiden verzichten auf das Auswärtsspiel in Lüttich gegen Belgien im März. Sie verzichten faktisch darauf, den Titel, den sie in Lille im November erstmals für die Schweiz gewannen, zu verteidigen. In einem allfälligen Playoff gegen den Abstieg im Herbst dürften sie voraussichtlich wieder dabei sein.

Wawrinka begründete seinen Verzicht über seine Agentur Starwing Sports ausführlich und drückte sein Bedauern aus, erstmals eine Begegnung aus eigenem Antrieb zu verpassen. Er habe sich den Entscheid viele Wochen überlegt, aber 2014 sei sehr intensiv und anspruchsvoll gewesen und sein Programm der nächsten Wochen sonst schon sehr belastet.

Federers Verachtung

Federer wählte eine völlig andere Art, sein Fehlen zu kommunizieren. Er veröffentlichte über Facebook sein Turnierprogramm der nächsten ­Monate (Dubai, Indian Wells, Monte Carlo, Madrid, Rom, Roland Garros, Halle, Wimbledon) und erwähnte den Davis-Cup dabei mit keinem Wort. Er strafte ihn mit Verachtung. Ein weiteres Indiz dafür, dass er ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Wettbewerb hat.

Die Davis-Cup-Absenz der zwei prägenden Figuren von 2014 ist ein weiterer Denkzettel für den Internationalen Tennis-Verband (ITF), der es seit Jahren versäumt, diesen Wettbewerb zu revitalisieren, zu modernisieren und für die Topspieler attraktiver zu gestalten (etwa mit einem Freilos für die Finalisten). Federer und Wawrinka ist explizit kein Vorwurf zu machen: In einer jahresumspannenden Weltsportart, in der sie zur Spitze einer grossen Pyramide gehören und in der kleinste Unterschiede entscheiden, sind sie nur sich selber verantwortlich.

Die vage Aussicht, vielleicht den Davis-Cup erneut zu gewinnen, hat für beide offensichtlich weniger Gewicht als das damit verbundene Risiko, Kräfte zu verschleudern, die anderswo fehlen könnten. In stillen Stunden mag sich Wawrinka noch immer fragen, ob er in Melbourne frischer gewesen wäre im 5. Satz des Halbfinals gegen Novak Djokovic (er verlor ihn 0:6), falls er Ende 2014 keinen Davis-Cup-Final bestritten hätte. Und für Federer, dessen Rücken ihn jederzeit ausser Gefecht setzen könnte, ist eine sorgfältige Saisonplanung noch wichtiger. Er lässt wie 2013 zudem auch das Masters-1000-Turnier von Miami aus, was seine Chancen im Kampf um die Nummer 1 weiter schmälert.

Verlegenheitsteam in Belgien

Die Schweiz muss nun mit einem Verlegenheitsteam nach Lüttich reisen, da hinter den beiden Top-8-Spielern ein Loch klafft. Marco Chiudinelli, die Nummer 3, ist nur noch auf Rang 204 zu finden. Das ist umso bedauerlicher, als die Auslosung kaum besser hätte sein können. Doch, wer weiss: Vielleicht liefern Federer und Wawrinka dafür anderswo Grund zur Freude.

Erstellt: 13.02.2015, 22:16 Uhr

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