Der Coup des Rasta-Mannes gegen Nadal

Dustin Brown fügt Rafael Nadal eine ganz bittere Niederlage zu.

Der neuste Nadal-Bezwinger: Dustin Brown nutzte seinen ersten Match auf dem Centre Court zu einem fulminanten Auftritt. Foto: Keystone

Der neuste Nadal-Bezwinger: Dustin Brown nutzte seinen ersten Match auf dem Centre Court zu einem fulminanten Auftritt. Foto: Keystone

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Dass Rafael Nadal in Wimbledon an ­einem Aussenseiter scheitert, ist für ihn keine neue Erfahrung. Er verlor hier seit 2012 gegen die Weltnummern 100, 135, 144 – und nun also gegen die Nummer 102, den Qualifikanten Dustin Brown. Trotzdem: So enttäuscht wie gestern Abend hat man ihn im All England Club schon lange nicht mehr gesehen. «Ja, es tut sehr weh», sagte er. Er hatte nach ­seiner Entthronung in Paris alles unternommen, um eine gute Rasensaison zu spielen. Er gewann das Turnier in Stuttgart, spielte in Queen’s, betonte immer wieder, dass er auf dem richtigen Weg sei. Und körperlich wieder fit. Trotzdem reichte es nicht gegen Brown, der Mal für Mal ans Netz stürmte und für seinen Mut belohnt wurde. 7:5, 3:6, 6:4, 6:4 siegte er im Spiel seines Lebens.

2012 und 13 habe er gewusst, dass er wegen seines lädierten Knies nicht sein bestes Tennis zeigen könne in Wimbledon, sagte Nadal. 2014, als er am entfesselten Nick Kyrgios scheiterte, habe er eigentlich gut gespielt. Und diesmal hatte er sich einiges vorgenommen. Doch der grosse Kämpfer, der in seinen besten Jahren auf dem Court stets eine Antwort hatte, hat die Überzeugung verloren. So gut Brown spielte, Nadal hatte durchaus seine Chancen. Doch fast immer, wenn es eng wurde, unterlief ihm ein Fehler. Die Niederlagen der letzten Monate haben tiefe Spuren hinterlassen.

Die Wehmut und der Appell

Bei Nadals Worten schwang auch eine gewisse Wehmut mit. «Bitte vergesst nicht, dass ich hier fünfmal im Final war und zweimal gewonnen habe», sagte er. «Das haben nicht viele geschafft. Und 2008 wird immer in meinem Herzen bleiben.» Das war sein gewonnener ­Final gegen ­Roger Federer, das Spiel für die Ewigkeit, über das sogar ein Buch verfasst wurde. Es ist lange her.

Nadals Leid war Browns Freud. Der Deutsche mit der Rastafrisur, der sich das Konterfei seines Vaters auf den Bauch hat tätowieren lassen, schaffte es erstaunlich gut, sein Niveau über vier Sätze hochzuhalten. Nie zuvor war der 30-Jährige, der auch den jamaikanischen Pass besitzt, im Centre Court Wimbledons gewesen. «Ich überlegte mir, ob ich vor dem Spiel kurz reinschauen solle, um zu sehen, wie es da so ist. Doch ich liess es bleiben.» Er habe gedacht, das würde ihn wohl nur ablenken. Es habe ihm wohl Vertrauen gegeben, dass er Nadal auf Rasen schon einmal geschlagen hatte, 2014 in Halle. «Doch auf jeder anderen Unterlage möchte ich nicht gegen ihn spielen.»

Toni Nadals Kritik an Wawrinka

Mit seiner offensiven Taktik schaffte es Brown, Nadal aus dem Konzept zu bringen. «Ich bekam überhaupt keinen Rhythmus», sagte der Spanier. «Ich konnte nicht drei Bälle nacheinander gleich schlagen. Und wenn es dann gilt, einen wichtigen Ball zu bringen, hat man nicht das Selbstvertrauen, das man braucht.» John McEnroe gab sich auf BBC angetan vom Auftritt Browns, sagte: «Ich hoffe, dass viele Kids gesehen ­haben, dass man auf Rasen immer noch Aufschlag-Volley spielen kann.» Der Letzte, der das hier so konsequent und erfolgreich getan hatte, war 2013 Sergei Stachowski gewesen – gegen Federer.

Fast regungslos nahm Toni Nadal auf der Tribüne die Niederlage hin. Bei ­einem Pressetermin für die Kaffeefirma Lavazza hatte er tags zuor schon mit der Aussage erstaunt, wenn jemand so hart auf den Ball einprügle wie Wawrinka in Paris, sei das für ihn kein richtiges ­Tennis mehr. An ihm ist es nun, die Lösungen zu finden, damit sein Neffe die Intensität und Überzeugung früherer Tage zurückgewinnt.

Bei aller Enttäuschung gab sich Rafael Nadal grosse Mühe, all die Fragen, die auf ihn einprasselten, nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Und als er zuletzt gefragt wurde, ob er vorhabe, noch eine Weile in seinem Haus in Wimbledon zu bleiben, musste er sogar kurz schmunzeln. «Ich habe hier nichts mehr zu tun», sagte er. «Wenn Sie also mein Haus benützen möchten, nur zu.»

Erstellt: 03.07.2015, 04:46 Uhr

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