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Der «Federer-Effekt» fruchtet bei der Schweizer Jugend

Die besten Schweizer Tennis-Junioren gehören international zur Spitze. Sie profitieren von einer Gruppendynamik und der Nähe zum Weltstar.

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Leandro Riedi ist schweissüberströmt, sein T-Shirt klebt am Körper, und seine Wangen sind gerötet, als er im Tunnel vor der Players Lounge steht. Aber seine Augen leuchten, die Worte sprudeln aus ihm heraus. «So ein schönes Gefühl» sei es, am Australian Open, sagt der ­Junior aus Bassersdorf, der am Montag in Melbourne seinen 18. Geburtstag feierte. Der Auftakt ist ihm geglückt, die ersten zwei Partien hat er als Nummer 6 der Setzliste gewonnen.

Die besten Schweizer Nachwuchsspieler erleben aufregende und erfolgreiche Zeiten. Der Jahrgang 2002 hat mit Riedi, Dominic Stricker aus Grosshöchstetten und Jeffrey von der Schulenburg aus Küsnacht drei Talente hervorgebracht, die Anlagen für eine Profikarriere mitbringen. Sie gehören zum besten Dutzend in der Juniorenweltrangliste. Ins Tableau geschafft hat es auch Jérôme Kym, der aufschlagstarke Fricktaler aus Möhlin, der im Februar erst 17 wird. Er kann noch zwei Saisons bei den Junioren spielen und ist die Nummer 46. Kym scheitert aber wie tags zuvor von der Schulenburg im Startspiel.

«Roger sagte: ‹Egal, in welcher Situation du bist auf dem Platz, ob du krank oder müde bist – zeige nie, dass etwas nicht stimmt›.»Leandro Riedi über Federer

Die Australien-Reise hat für Riedi, Stricker und Kym mit einem Höhepunkt begonnen: einem zehntägigen Vorbereitungslager in Dubai, auf Einladung Roger Federers. Das Trio bildet eine Trainingsgemeinschaft, Basis ist die Swiss-Tennis-Akademie in Biel. Betreut werden sie von Federers früherem Rivalen Swen Swinnen und Phillip Wallbank, dem Freund und ehemaligen Coach von Viktorija Golubic. Auch die Zürcherin verfolgt Riedis Melbourne-Premiere.

Die Anwesenheit solch bekannter Leute sei ein «Extrapush» gewesen, sagt Riedi. Die erste Reise nach Australien hinterlässt beim gross gewachsenen Zürcher bleibende Eindrücke. «Die Anlage ist riesig. Man braucht sogar ein Auto, um vom nationalen Tenniszentrum zum Centre Court zu kommen, sonst läuft man zwanzig Minuten. Es ist auch ein gutes Gefühl, so viele Stars zu sehen.» Störend war für ihn nur eine starke Erkältung mit hartnäckigem Husten, die rechtzeitig zum Turnier abgeklungen ist.

Federer unterstützt den Schweizer Nachwuchs enorm. (Bild: Keystone)

Auch das Trainingslager in Dubai bringt Riedi ins Schwärmen. «Dies zu erleben, war einmalig, eine unglaubliche Gelegenheit.» Dasselbe Adjektiv benutzt er, als er über Federer spricht. «Es ist unglaublich, wie motiviert er im Training nach all den Jahren ist. Wie nett er ist, wie viel Respekt er dir entgegenbringt. Er ist völlig am Boden geblieben. Ich konnte sehr viel von ihm lernen.» Ein Ratschlag hat er sich besonders eingeprägt. «Roger sagte: ‹Egal, in welcher Situation du bist auf dem Platz, ob du krank oder müde bist – zeige nie, dass etwas nicht stimmt.› Auch das bewundere ich an ihm.»

«Ich habe mir gedacht: Mach ja keine Flecken und iss nicht grusig!»Leandro Ried über ein gemeinsames Essen mit Federer

Wertvoll waren auch die Tipps betreffend der Trainings. «Er betonte, wie wichtig es sei, immer voll dabei zu sein, von Anfang an.» In den Emiraten hätten sie meistens zu zweit auf einer Seite mit Federer gegenüber trainiert. «Zuerst spielte ich den Ball einfach rein, auf seine Vorhand, ohne zu überlegen.» Das sei der früheren Nummer 1 zu wenig gewesen. «Er sagte, hinter jedem Schlag müsse eine Überlegung stehen, eine Absicht. Ich könne die Flugbahn variieren, das Tempo, die Länge, die Winkel, den Spin, ich hätte fünf Optionen.» Auch diese Worte des Meisters stiessen bei Riedi auf Gehör. Vor allem in «Kopfsachen» habe ihm Federer viel geholfen.

Der sechsfache Melbourne-Sieger trainierte in Dubai dreimal mit seinen jungen Landsleuten, beobachtete sie einmal beim Training und ging mit ihnen auch essen – im Burj Al Arab, dem 7-Stern-Hotel in Form eines Segels. «Es ist schon speziell, wenn plötzlich ein Roger Federer neben dir isst», sagt Riedi und lacht. «Zuerst dachte ich: Mach ja keine Flecken und iss nicht grusig!»

Stricker ist in Form

Von der Schulenburg darf nach seiner missglückten Grand-Slam-Premiere am Samstag auch in Melbourne mit Federer trainieren. Derweil folgt Stricker Riedi am Sonntag in die 2. Runde. Der Linkshänder zeigt kaum Emotionen, als er auf Court 7 den Brasilianer Gustavo Heide 7:5, 6:1 besiegt hat. Dass er in Form ist, hat er letzte Woche bei einem Vorbereitungsturnier gezeigt. Dort schlug er zwei Gegner und erreichte neben Kym den Doppelfinal. «Mein Ziel ist, ein paar Runden zu überstehen», sagt er.

Coach Swinnen sagt, dass Federer seine Junioren inspiriert habe. (Bild: Freshfocus)

Für seine Spieler sei die Zeit mit Federer enorm motivierend, bestätigt Coach Swinnen, der gleich alt ist wie der Baselbieter. «Bei den U-14 hat es mir gegen ihn ein paarmal gereicht», erinnert er sich an die Duelle mit dem 20-fachen Grand-Slam-Champion, «doch dann zog er davon.» Bei den jungen Schweizern könne man durchaus von einem Federer-Effekt sprechen. «Sie sind alle mit seinen Erfolgen aufgewachsen. Das hat sie inspiriert, diesen Weg einzuschlagen.»

Erfolge garantieren nichts

Swinnen profitiert in seinem Team zudem von einer Gruppendynamik. «Sie pushen sich gegenseitig. Aber nun kommt der schwierige Übergang zu den Profis. Erfolge bei den Junioren garantieren dir nichts. Der Weg ist sehr weit.» Dass das Schweizer Quartett nach Melbourne dieses Jahr auch alle anderen Grand-Slam-Turniere bestreiten könne, sei aber eine wertvolle Erfahrung. Spannend ist, dass es sich um ganz verschiedene Spieler­typen handelt.

Federer selber hütet sich davor, den Teenagern den Weg an die Spitze als einfach darzustellen. Er selber war noch vor dem 17. Geburtstag Juniorensieger in Wimbledon und nur ein Jahr später die Nummer 64 der Weltrangliste. Aber damals sei es noch einfacher gewesen für die Jungen, in die Top 100 vorzustossen und sich auf der ATP-Tour festzusetzen, sagt er. «Inzwischen gibt es viel mehr professionelle Spieler, die Breite ist grösser.»

Dazu seien die Beläge früher schneller gewesen, das Spiel sei dadurch mehr eine Lotterie gewesen als heute. «Der eine oder andere gute Return konnte damals schon den Unterschied ausmachen.» Wer jetzt nach oben kommen wolle, brauche «einen grossen Rucksack» und müsse auch fähig sein, Punkte am Netz abzuschliessen, ist Federer überzeugt. An guten Ratschlägen fehlt es den Schweizer Talenten nicht. Umsetzen müssen sie diese aber selber.

Erstellt: 27.01.2020, 14:26 Uhr

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