Der Methusalem

Weshalb die vierte Thronbesteigung für Roger Federer die speziellste ist

Die älteste Nummer 1: Roger Federer bricht in Rotterdam einen weiteren Rekord und wird in einer Zeremonie geehrt Foto: Getty Images

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969 Jahre alt soll Methusalem, der Vater von Schiffsbauer Noah, gemäss dem Alten Testament gelebt haben, mehr als jeder Mensch zuvor. Zwar gibt es inzwischen Zweifel, ob es nicht doch eher Monate als Jahre waren, doch unbestritten ist: Methusalem wurde alt, sehr alt und schaffte auch in hohem Alter noch Dinge, die für Normalsterbliche unvorstellbar waren.

Genau wie im Tennis Roger Federer. «Ich spüre eine tiefe Befriedigung», sagte er, der im August 37 wird, am ­späten Freitag in Rotterdam. Dort hatte er mit dem 4:6, 6:1, 6:1 gegen Robin Haase im Viertelfinal sichergestellt, dass er am Montag Rafael Nadal von der Weltranglistenspitze verdrängen wird. «Man spielt nicht oft um die Nummer 1. Da steckt so viel dahinter, muss so viel aufgehen. Und dass ich nun etwas älter bin, macht alles noch spezieller.»

Federers Pressekonferenz nach seiner Rückkehr auf den Tennisthron.

«Es geht mir nicht darum, anderen das Maul zu stopfen»

Federer dachte zurück, wie er seine ­erste Chance, Nummer 1 zu werden, 2003 in Montreal mit einem hypernervösen Match gegen Roddick «vergeigt» hatte – etwas, das ihm auch in Rotterdam hätte widerfahren können. Seine erste Thronbesteigung hatte er sich im Januar 2004 mit dem Halbfinalsieg über Ferrero am Australian Open gesichert. Der zweite Vorstoss an die Spitze war im Juli 2009 die Folge des sechsten Wimbledonsiegs. Wie er drei Jahre später zum 3. Mal auf Rang 1 vorrückte, erlebte Federer in den Sommerferien. Die grosse Befriedigung komme nicht daher, es nochmals allen gezeigt zu haben, die ihn immer wieder abschreiben wollten, betonte er gegenüber Schweizer Journalisten. «Es geht mir nicht ­darum, anderen das Maul zu stopfen.» Aber witzig sei es ja schon: «Bereits, als ich 2009 das French Open gewann, hörte ich Dinge wie: Nun ist es okay, wann hörst du auf?» Um sich Zeit zu verschaffen, habe er darauf erklärt, sicher bis London 2012 spielen zu wollen. «Dass ich ­irgendwann Grenzen erreichte und andere besser waren, war normal.»

«Das war einer der besten Tage für die Schweiz»

Als Genugtuung empfinde er vielmehr, sich selber, seinen treuen Fans und seinem Team bewiesen zu haben, keinen Utopien nachgejagt zu haben, «nicht auf dem Holzweg» gewesen zu sein und tatsächlich zu Recht immer geglaubt zu haben, noch Grosses erreichen zu können, wie er es auch in seinen Interviews immer wieder erklärt hatte. «Und weil mit dem Alter alles immer noch schwieriger wird, ist nun für mich auch der Genuss umso schöner.»

Federer verfolgt dieser Tage stundenlang die Winterspiele von Süd­korea und dachte in der Stunde des Erfolgs auch an sein Heimatland. «Das war einer der besten Tage für die Schweiz, mit den drei Medaillen und mit mir in Rotterdam. Es macht Spass, dass der Sport bei uns so gut funktioniert.»

Sehr befriedigend ist für Federer auch, dass er die Nummer 1 wurde, ohne dafür viele Kompromisse einzugehen. Sie ist das Nebenprodukt seiner Rückkehr zur Stärke, seiner Arbeit und Planung im Team – insbesondere in den vergangenen 20 Monaten, seit dem Saisonabbruch im Sommer 2016. Spielerisch und qualitativ war er schon 2017 der Beste. Doch weil er vier grosse Turniere inklusive des French Open ausliess, musste er sich dennoch hinter ­Nadal einreihen, obwohl er diesen in ­allen vier Duellen bezwungen hatte.

Federer kam nur mit Ivan Ljubicic und Physiotherapeut Daniel Troxler nach Rotterdam, wo zu seiner Überraschung am Freitag auch Severin Lüthi und seine Frau auftauchten. «Ich dachte, er kommt nicht, aus Angst, mir das Turnier zu verderben», sagte Federer. Sein sporthistorischer Moment wurde vom Rotterdamer Turnier mit einer Zeremonie gewürdigt. Später gab es auch Champagner, doch damit soll das Feiern noch längst nicht beendet sein.

«In den kommenden Tagen werde ich noch viele Möglichkeiten zum ­Anstossen haben – mit Mirka, meinen ­Eltern, mit Freunden ... Das wird eine lustige Woche, ich freue mich schon ­darauf.» Sein Ziel sei nun aber nicht, das Jahr als Nummer 1 zu beenden. «Das passiert, oder es passiert nicht. Für mich darf das keine Priorität mehr ­haben.» Die Ziele gehen ihm auch so nicht aus. «Wichtig ist, dass ich gesund bleibe, dass ich jedes Turnier geniessen kann. Und natürlich würde ich gerne auch die Titel in Indian Wells, Miami und in Wimbledon verteidigen.»

Auch ein nächster Meilenstein reizt ihn sehr: Vier Turniersiege fehlen ihm noch, um als zweiter Mann nach Jimmy Connors auf 100 zu kommen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.02.2018, 19:21 Uhr

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