Der Sturz aus den Wolken

Melbourne-Sieger Stan Wawrinka bot in der ersten Runde des French Open ein Fehlerfestival und scheiterte an Guillermo García-López.

«Alles war schrecklich»: Stan Wawrinka, als Mitfavorit auf den Turniersieg angetreten, gelang im ersten Match fast nichts. Foto: Keystone

«Alles war schrecklich»: Stan Wawrinka, als Mitfavorit auf den Turniersieg angetreten, gelang im ersten Match fast nichts. Foto: Keystone

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Er hatte als Aussenseiter Nummer 1 ­gegolten, als erster Herausforderer von Nadal und Djokovic. Doch während diese beiden meistgenannten Favoriten am French Open gestern die Starthürde locker überstanden, kam für den Romand das Aus. Er scheiterte im ersten Auftritt am starken, aber keineswegs übermächtigen Spanier Guillermo García-López, der Nummer 41 der Welt. Nach nur 2:23 Stunden musste er dem Sandspezialisten, der sein Glück kaum fassen konnte, zum Sieg gratulieren, einem 6:4, 5:7, 6:2, 6:0.

«Es war überhaupt kein guter Match von mir, alles war schrecklich. Ich versuchte, mein Spiel zu finden und aggressiv zu sein. Aber ich fand nichts», sagte Wawrinka, der als erster Melbourne-Sieger seit 1998 (Petr Korda) in Paris sogleich scheiterte. Dieses Jahr sei eben alles anders nach seinen grossen Siegen; er spiele im Training so gut, dass seine eigenen Erwartungen gestiegen seien und er schneller enttäuscht sei, wenn es nicht optimal laufe. «Es sind kleine Details, die einen grossen Unterschied ausmachen können.» Und ihn aus der Spur warfen.

Wawrinka konnte an diesem regnerischen Tag, an dem etliche Partien verschoben werden mussten, erst um 18.45 Uhr loslegen. Der viele Regen hatte den Chatrier-Court schwer gemacht, die Bälle wurden rasch feucht, was dem offensiven Lausanner nicht entgegenkam. «Aber ich fühlte mich bereit, war auch nicht sonderlich nervös», sagte er später. Er ging von Beginn weg grosse Risiken ein, um zu seinen Punkten zu kommen – auch weil er von Anfang an zu ungeduldig spielte. Die Zahl seiner unerzwungenen Fehler wuchs überproportional im Verhältnis zu der seiner Gewinnschläge.

Die Nacht kam zu spät

Dennoch schaffte er es, im ersten Satz 3:1 in Führung zu gehen. Ein trügerischer, zu einfach erspielter Vorsprung, der rasch dahinschmolz, verlor er doch gleich seine nächsten beiden Aufschlag­spiele. «Das hätte mir nie passieren dürfen». Auch im zweiten Satz gab er einen frühen Vorteil preis (vom 4:1 zum 4:4), gewann ihn aber mit etwas Glück und einem Break im zwölften Game dennoch. Doch García-López, in diesem Frühling Sieger in Casablanca, spürte Wawrinkas Verunsicherung, fühlte sich je länger, desto wohler und eröffnete Satz 3 gleich mit einem weiteren Break. Er brauchte nichts anderes zu tun, als auf die Schwächen des Gegners zu warten.

Wawrinka hatte zwar Chancen, doch er fand nie in seine Wohlfühlzone. Gleich serienweise verschenkte er fertige Punkte und legte sich auch noch mit Schiedsrichter Cédric Mourier an. «Unmöglich, dass ich da noch rauskomme», schimpfte er zu Beginn des vierten Satzes, blies die Backen auf und blickte verzweifelt zu seinem Coach Magnus Norman, seinem Fitnesstrainer Pierre Paganini und Severin Lüthi, die sich selber gegenseitig ratlos anschauten.

Und so war es auch: Es gab keinen Ausweg mehr. Wawrinka verlor ebenso den Kampf gegen die Zeit, die ihn vielleicht noch hätte retten können: Es war nun schon gegen 21 Uhr, und länger als bis 21.30 Uhr war an ein Spielen nicht zu denken. Doch der Lausanner fiel Game um Game zurück und verlor den Satz in lediglich 24 Minuten, womit er nicht einmal mehr eine Verlängerung auf den heutigen Dienstag erzwingen konnte.

Der «Schweizer des Jahres 2013» musste damit die erste Startniederlage in Paris seit 2006 hinnehmen, nach drei Achtelfinals in Folge und einem ersten Viertelfinal im vergangenen Jahr. Er bedankte sich brav beim Gegner, der sich feiern liess, und schlich davon, durch den Hinterausgang, während einige Buhrufe ertönten. Die Matchstatistik hielt in hässlichen Zahlen fest, welch ungenügende Leistung er abgeliefert hatte, mit 62 unerzwungenen Fehlern, gegenüber 28 seines Gegners. Da fiel die Überzahl an Winnern (37:23) nicht mehr ins Gewicht. «Ich konnte völlig entspannt spielen», sagte García-López nach seinem grössten Sieg.

Das Puzzle neu zusammensetzen

Die Niederlage schmerze, die Enttäuschung sei gross, aber vielleicht werde sie ihm helfen, seine Situation zu bereinigen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, sagte Wawrinka spät am Abend, wobei er ziemlich gefasst wirkte. «Ich muss an die Zukunft denken, nicht nur an die Rasensaison, sondern an den gesamten Rest des Jahres.» Er müsse nun grundsätzlich schauen, dass er sein Puzzle neu zusammensetzen könne, wie er sein Vertrauen und seinen Spass auf dem Court wieder finde. «Bei allem Respekt vor meinem Gegner: Heute lag es nur an mir.»

Erstellt: 26.05.2014, 23:57 Uhr

Verloren in der neuen Rolle

Die Startniederlage Stan Wawrinkas trägt bekannte Züge: Ein Favorit, der mit seiner neuen Rolle nicht zurechtkommt, scheitert sogleich an einem unbelasteten, starken Aussenseiter, der noch unterstützt wird von den äusseren Bedingungen, etwa in Form von Regenverzögerungen und einem feuchten, ihn bevorteilenden Platz.

Das sofortige Scheitern des Australian-Open-Siegers und Weltranglistendritten drückt aber noch etwas ganz anderes aus: Es zeigt, dass er noch nicht so reif und abgeklärt ist, wie es sein neuer Status und sein Alter von 29 Jahren ausdrücken und wie er es vielleicht selber gern glaubte. Es war vielmehr ein abrupter Rückfall in alte Zeiten, in denen er oftmals Partien verlor, in denen er der Stärkere war. Weil er zu fahrig spielte, zu unsicher wurde.

Dabei hatte er fast euphorisch erklärt, er sei froh, auf einen starken Gegner zu treffen. Als die Partie dann anders lief als erwartet, reagierte er wie schockiert, zunehmend ungehaltener, ungeduldiger und negativer. Möglicherweise hatten auch die frühen Niederlagen in Madrid und Rom mehr Spuren hinterlassen, als er zugeben wollte. Oftmals schien er mit seinen Gedanken nicht auf dem Court.

Die Niederlage wird bewirken, dass sich der Rummel um ihn schlagartig legt. Das kann auch positive Aspekte haben. Wie im Jahr 2003, als Roger Federer als Mitfavorit in Paris in der Startrunde an Luis Horna scheiterte, aber danach erstmals Wimbledon gewann, kann der Romand aus dieser Niederlage sehr viel lernen. Zudem hat er nun Zeit, sich in Ruhe auf Wimbledon vorzubereiten, wo er in den vergangenen Jahren zweimal sogleich ausschied und keiner von ihm Grosses erwartet.

Das Tennisjahr ist noch lang, und mit dem Davis-Cup wartet ein zusätz­liches Highlight auf den Lausanner. Er tut deshalb gut daran, die Niederlage nicht allzu stark zu gewichten, sondern sie gründlich zu analysieren, sie in seinen Erfahrungsschatz aufzunehmen und mit Zuversicht die nächsten ­Wochen vorzubereiten.
Kommentar von René Stauffer

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