Der Verfolger

Alexander Zverev dürfte schon bald Nadal und Federer bedrängen – heute kommt es zum Duell mit dem Schweizer.

Fast zwei Meter gross und der grosse Aufsteiger: Alexander Zverev.

Fast zwei Meter gross und der grosse Aufsteiger: Alexander Zverev. Bild: Keystone

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In Prag erzählte Alexander Zverev am Galaabend des Laver-Cups die nette ­Geschichte, wie er Roger Federer kennen lernte. «Es war am Turnier in Hamburg. Ich war fünf Jahre alt, ging zu ihm und bat ziemlich nervös um ein Autogramm. Er antwortete mir in Deutsch, was mich überraschte. Damals hatte ich nicht gewusst, dass man in der Schweiz auch Deutsch spricht.» Er erinnere sich auch noch daran, was der damalige Jungstar zu ihm sagte: «Wenn du viel trainierst, spielen wir vielleicht einmal irgendwo zusammen.»

Inzwischen ist das schon mehrmals passiert – und Zverev hat sogar drei ihrer fünf Duelle gewonnen: dieses Jahr im ­Final von Montreal und am Hopman Cup in Perth, der als Schauturnier gilt, dazu 2016 in Halle. Und heute kommt es in der Londoner 02-Arena zum nächsten Showdown zwischen dem 19-fachen Grand-Slam-Sieger und dem 16 Jahre jüngeren Aufsteiger. Dieser holte bei seinem Debüt am Saisonfinale gegen Wimbledon­finalist Marin Cilic im dritten Satz ein 1:3 auf und siegte 6:4, 3:6, 6:4. Der 1,98 m grosse Allrounder hat sich in dieser Saison mit grossen Schritten von seinen Alters­kollegen abgesetzt und ist vom 24. auf den 3. Rang hochgestürmt. Während die andern in Mailand das Finalturnier der bis 21-Jährigen austrugen, reiste der 20-Jährige als Jüngster seit neun Jahren ans richtige Saison­finale, vor allem dank fünf Titeln, davon zwei in der Masters-Serie; in Rom auf Sand und in Montreal auf Hartplatz.

Emotionen freien Lauf lassen

Selbst dem vier Jahre älteren österreichischen Musterschüler Dominic Thiem, der mit Rang 4 ebenfalls so gut klassiert ist wie noch nie, ist Zverev erfolgs­mässig inzwischen klar voraus. Und er besitzt zudem ein viel schärferes Profil, weil er seine Emotionen nicht zurückhält – und davon hat er viele. Er lebt Tennis, wirkt energiegeladen und ungeduldig wie ein Rennpferd vor dem Start. «Ich zeige meine Emotionen automatisch, weil ich voll in einen Match abtauche», sagte er der «Süddeutschen Zeitung», «ich werde sie auch nicht bändigen, sie sind ein Teil von mir.»

Zverev ist ein Ausbund von Ehrgeiz und Siegeswille, der geborene Wettkämpfer. Im Training habe ihn früher sein Vater stets bremsen müssen, und das sei auch heute noch so, sagt er. Seine Lust am Wettkampf dürfte auch mit seinem Lebenslauf zu tun haben. «Sascha», wie ihn alle nennen, wuchs quasi auf der Profitour auf, im Gefolge seines zehn Jahre älteren Bruders Mischa, der heute auf Rang 33 klassiert ist. Die Tennistour war sein Schulzimmer, und er lernte schnell und mit unbändigem Einsatz. «Ich werde immer härter zu mir sein als jeder andere Mensch», sagt er.

Sein Temperament und seine Ungeduld machten ihn nicht überall beliebt. Gerade in Deutschland, wohin seine ­Eltern, zwei ehemalige Tennisprofis, 1991 aus Russland gekommen waren. Nach Niederlagen pflegt er sich oft dermassen angesäuert und wortkarg zu geben, dass deutsche Reporter nicht zu beneiden sind. Inzwischen wohnt die ganze Familie in Monte Carlo, sie spricht unter sich immer noch Russisch, und auch Englisch liegt ihm besser als Deutsch. Noch heute werde er etwas nervös, wenn er in dieser Sprache Interviews geben müsse, bekennt er (schlecht ist sein Deutsch aber keineswegs). In die Kritik rückte ihn im Herbst auch der Verzicht auf die Davis-Cup-Partie in Portugal. Das habe ihm sein Team nahegelegt, verteidigt er sich. Zu diesem gehört neben seinem Vater mit dem Spanier Juan Carlos Ferrero ein ­früherer Paris-Sieger.

Spannende Imagekorrektur

Umso bemerkenswerter ist, mit welcher Offenheit Zverev im Vorfeld des Saisonfinales zu deutschen Reportern sprach. Sichtlich bemüht um eine Imagekorrektur, erklärte er, wie sehr er Deutschland und Hamburg liebe. Wenn er sein Leben in einer Stadt verbringen müsste, wäre es Hamburg. 2018 würde er gerne den Davis-Cup gewinnen. Und er sagte einen Satz, der kaum zu seiner oft abweisenden Art passt: «Ich möchte einst als ­guter Mensch und nicht nur als guter Tennisspieler in Erinnerung sein.»

In diesen Interviews traten aber auch ganz andere Details zutage. Etwa, dass er sein Körpergewicht unter Fitness­trainer Jez Green von 74 auf 90 kg gesteigert hat («fast alles Muskelmasse»). Dass er ein Tier- und Hundefreund ist und einen Pudel namens Lövik hat, dafür gegenüber Frauen schüchtern ist. Dass er sich für die Natur, die Wissenschaft und das Universum interessiert und Bücher von Stephen Hawking liest. Mit Federer, von dem er nach eigenen Worten immer ein Fan war, verbindet ihn, dass er sich in jungen Jahren an den Grand-Slam-Turnieren ebenfalls schwerertut als anderswo.

Nur 6 seiner 55 Saisonsiege holte er an Majors, wobei speziell das Zweitrunden-Aus am US Open gegen Borna Coric überraschte, denn er hatte dort zum Kreis der Titelanwärter gehört. Seit dem Sieg in Montreal ist seine Bilanz eher durchzogen (8:7), wobei ihn in Wien und Paris ein Magen­virus schwächte. «Ich hatte keine Energie», sagt er. «Dann nahm ich fünf Tage Pause, und jetzt fühle ich mich wieder so gut wie zuletzt im Sommer.»

Mental reifer als einst Federer

Wie er damit umgehen kann, als designierte Nummer 1 und Heilsbringer für das deutsche Profitennis zu gelten, ist offen – schon als Teenager apostrophierte ihn das «Tennis Magazin» als «Messias». Zverev scheint mental aber schon sehr gefestigt und reifer, als es ­Federer im gleichen Alter war. «Im ­Tennis brauchst du ein Kurzzeitgedächtnis. Du darfst nicht zu viel über Niederlagen nachdenken und auch nicht über Siege», sagte er zur FAZ. Es sei ja auch schön, dass ihm viele Experten Grosses zutrauten. «Ich bin mit 20 Jahren nicht mehr weit von der Spitze entfernt. Wenn ich hart weiterarbeite, kann ich irgendwann tatsächlich zuoberst stehen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.11.2017, 18:26 Uhr

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