Analyse

Der Zahn der Zeit als Federers Zusatzgegner

Wimbledon-Sieger Roger Federer steigt in Melbourne entspannt, aber mit grossen Zielen in die 15. Profisaison. Dort winken ihm weitere Rekorde, aber vor allem auch aufstrebende, junge Gegner.

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Roger Federer und Andy Murray äusserten sich am Samstag im Interviewraum des Melbourne Park ähnlich: Beide erklärten, sie fühlten sich vor diesem Australian Open deutlich entspannter als in der Vergangenheit. 2012 habe er oft improvisiert, reagiert, das Olympiajahr sei viel unberechenbarer gewesen als das bevorstehende, begründete der Schweizer. Für den Schotten hat der US-Open-Sieg alles geändert: Die belastende Frage, wann er endlich seinen ersten Grand Slam gewinnen werde, wird ihn nie mehr verfolgen.

Die beiden sind dieses Jahr als Nummern 2 und 3 der Welt die ersten Verfolger von Novak Djokovic. Sie würden im Halbfinal aufeinandertreffen, und obwohl Federer klar vor Murray klassiert ist, wird der Olympiasieger von vielen höher eingestuft. Das mag mit dem Alter zu tun haben, immerhin ist er sechs Jahre jünger. Die Zukunft wird längerfristig dem Schotten gehören; Andre Agassi traut ihm zu, schon 2013 an die Spitze vorzustossen. In der Gegenwart aber hat Federer noch immer gute Argumente und Aussichten.

Viele haben wohl bereits vergessen, dass Federer letzte Saison drei der fünf Duelle gegen Murray gewann, zuletzt auch am Londoner Saisonfinale; dass er ihm lediglich unterlag, als er angeschlagen (im Olympiafinal) oder nicht ideal vorbereitet (in Shanghai) war; dass er im Duell auf 9:10 verkürzen konnte, nachdem er einst 2:6 zurückgelegen war. Murray stand in Melbourne in zwei der letzten drei Finals, verlor 2012 erst im Halbfinal in fünf Sätzen gegen Djokovic und gehört zweifellos zu den Titelanwärtern. Gegen ihn spricht, dass es noch keinem Mann in der Profi-Ära gelang, dem ersten Grand-Slam-Titel gleich den zweiten folgen zu lassen (Federer gewann immerhin den übernächsten).

Reduzierter Spielplan im «Durchgangsjahr» 2013

Der 31-Jährige kämpft jedoch schon lange nicht mehr nur gegen seine Rivalen, sondern auch gegen den Zahn der Zeit. Er bestreitet sein 55. Majorturnier, das 53. in Folge. Längere Serien glückten nur Wayne Ferreira (56) und Stefan Edberg (54). Will Federer Rekordmann Fabrice Santoro einholen, der nach 70 Grand Slams abtrat, müsste er noch vier Jahre spielen – was ihn reizt. Auch am Samstag betonte er, dass es zu seinen obersten Prioritäten gehört, seine Karriere möglichst lange auszudehnen, und zwar nicht auf Kosten der Qualität. Pausen, Aufbauphasen und ein reduzierter Spielplan sollen ihm in diesem «Durchgangsjahr» 2013 dennoch helfen, bei jedem Turnier um den Titel spielen oder weit vorstossen zu können.

Gelingt ihm das, werden bald neue Meilensteine in Reichweite rücken. Erst vier Spieler konnten mit über 30 Jahren mindestens zwei GrandSlam-Trophäen gewinnen (Ken Rosewall, Rod Laver, Jimmy Connors und Andre Agassi). An den 101. australischen Meisterschaften könnte Federer mit einem fünften Triumph zudem zum zweiten Mann nach Roy Emerson werden, der mehr als vier dieser Titel gewann (der Australier kam auf sechs). Der Weg dorthin ist lang und beschwerlich, doch Federer ist erfahren genug, nicht zu weit vorauszuschauen. Hinter ihm liegt eine neunwöchige Turnierpause, er wird sich in der Rod-Laver-Arena, wo er in der Nacht auf morgen auf Benoît Paire trifft, erst finden müssen.

Erstellt: 14.01.2013, 10:09 Uhr

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