Die Lust auf den Wettkampf

Timea Bacsinszky verblüfft in Paris weiter – und fordert heute im Halbfinal Serena Williams.

Nur Fliegen ist schöner: Timea Bacsinszky feiert eine weitere ihrer erstaunlichen Leistungen.

Nur Fliegen ist schöner: Timea Bacsinszky feiert eine weitere ihrer erstaunlichen Leistungen. Bild: Jason Cairnduff/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ganz Lausanne, kommt nach Paris!», jubelte Timea Bacsinszky nach ihrer fünften siegreichen Partie am French Open im Platzinterview. «Stan steht ja auch im Halbfinal!» Ein Schweizer und eine Schweizerin unter den letzten vier, das hatte es an einem Grand-Slam-Turnier erst einmal gegeben – 2004 am Australian Open mit Roger Federer und Patty Schnyder. Nach zwei Baselbietern sind es nun also zwei Waadtländer, die für eine weitere Sternstunde des helvetischen Tennis sorgen.

Wawrinkas Halbfinalvorstoss hatte nicht gerade erwartet werden dürfen, ist jedoch aufgrund seiner Klasse keine Überraschung mehr. Mit welcher Abgeklärtheit sich aber Bacsinszky von Sieg zu Sieg spielt, wie souverän sie immer wieder andere Herausforderungen meistert, ist doch sehr erstaunlich. Gegen die kraftvoll spielende Aussenseiterin Alison Van Uytvanck, der das Selbstvertrauen ihrer vorigen Siege anzumerken war, drohte ihr die Partie mehrmals zu entgleiten. Doch ­Bacsinszky fand auf dem Weg zum hart erkämpften 6:4, 7:5 immer wieder Ansätze, um sich kleine Vorteile zu erspielen. Und als es geschafft war, warf sie den Schläger weit fort.

Schneller Teller trocknen

Der 25-Jährigen ist anzumerken, wie sehr sie es geniesst, auf dem Court nach Lösungen zu suchen, sich mit ganz unterschiedlichen Gegnerinnen zu messen. Wenn ihr von ihrem Dasein als Tennisprofi etwas gefehlt habe, als sie im Frühjahr 2013 ein Praktikum in einem Hotel absolvierte, sei es der Wettkampf gewesen, sagte sie gestern. «So versuchte ich halt, die Teller schneller abzutrocknen als meine Kollegen. Der Wettkampfgedanke ist eben in meinem Blut.»

Zu ihrem Mantra ist in Paris geworden, den Moment zu geniessen. Sie nehme sich nach ihren Siegen immer ein paar Minuten Zeit, um alles sacken zu lassen, in sich aufzusaugen, betonte sie. Es ist offensichtlich, dass sie es inzwischen schafft, alle Aspekte ihres Tourl­ebens auszukosten. Selbst nach ihren zuletzt raren Niederlagen wirkte sie nicht niedergeschlagen, betonte sie, dass dies eben auch dazugehöre und sie sich nichts vorzuwerfen habe.

Die Parallelen zu Agassi

Sie hat sich das Spiel, das ihr Vater, mit dem sie den Kontakt abgebrochen hat, einst für sie ausgewählt hatte, zu eigen gemacht. Ähnlich wie Andre Agassi, der den Sport, dem er so viel zu verdanken hat, lange hasste, ihn erst in seiner zweiten Karriere geniessen konnte. Der Amerikaner gewann fünf seiner acht Grand-Slam-Titel, nachdem er tief gefallen war, auch privat, sich via Challengerstufe zurückgekämpft hatte. Auch Bacsinszky ist weit gekommen, nachdem sie dem Sport einige Zeit den Rücken gekehrt hatte.

Entscheidend sei, so die Waadtländerin, dass sie mit sich im Reinen sei, nachdem sie ihre persönlichen Probleme, bedingt durch eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung, aufgearbeitet habe. Und das strahlt auch auf ihr Auftreten auf dem Court ab. Man sieht sie kaum mehr hadern, ihre Ausstrahlung ist fast immer positiv. Dank ihrem Pariser Sturmlauf hat sie bereits neun Ränge gut gemacht, ist sie schon die Weltnummer 15. Mit einem weiteren Sieg, heute gegen Serena Williams, würde sie in die Top 10 vorstossen.

Scherzend sagte sie über die Amerikanerin, gegen die sie die ersten zwei Duelle verloren hat: «Sie hat 19 Grand-Slam-Pokale. Das zeigt, dass sie ziemlich gut spielt.» Natürlich ist Williams die klare Favoritin, wäre inzwischen alles andere als der dritte French-Open-Sieg der 33-Jährigen eine Über­raschung. Doch egal, was heute in ­diesem Halbfinal passiert. Bacsinszky wird ohnehin als Siegerin aus Paris abreisen. Mit einem Lächeln.

Erstellt: 03.06.2015, 23:44 Uhr

Artikel zum Thema

Bacsinszky ganz gross

Nervige WC-Pausen, verschlagene Breakbälle: Timea Bacsinszky kämpft sich ins Paris-Halbfinale – Ranglistenvorstoss inklusive. Mehr...

Bacsinszky schafft die Sensation

Die Schweizerin setzt sich im Achtelfinal der French Open gegen Petra Kvitova durch. Nun steht sie erstmals an einem Grand-Slam-Turnier im Viertelfinal. Mehr...

Paris-Halbfinal Wie Hingis 2001

Timea Bacsinszky ist in der Profiära erst die zweite Schweizerin, die es in Roland Garros unter die letzten vier schaffte. Nach Martina Hingis, die hier fünfmal im Halbfinal stand (letztmals 2001) und zweimal im Final (1997, 1999). Das French Open ist das einzige Grand- Slam-Turnier, das sie nicht gewinnen konnte. Nebst Bacsinszky und Hingis kamen an Grand Slams noch zwei andere Schweizerinnen in den Halbfinal: Patty Schnyder (2004 am Australian Open) und Manuela Maleeva-Fragnière (am US Open 1992, 1993). (sg.)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Blogs

Sweet Home So geht Gastfreundschaft

Geldblog Vifor bleibt eine Wachstumsgeschichte

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...