Djokovics Triumph, der Fragen aufwirft

Der Serbe entnervte im Final von Melbourne Andy Murray und feierte seinen 8. Grand-Slam-Titel.

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Andy Murray fluchte, malträtierte sein Racket, raufte sich die Haare, vergrub sein Gesicht im Handtuch. Der Schotte konnte aber nicht verhindern, dass er auch sein 4. Endspiel in Melbourne verlor, zum dritten Mal gegen Novak Djokovic. Der Serbe wurde zum zweiten Spieler nach Roy Emerson, der dieses Turnier fünfmal gewinnen konnte. Der Australier, der hier sogar sechsmal triumphierte, überreichte ihm den Pokal.

Es war ein seltsames Endspiel, mit vielen Richtungswechseln und Fehlern, geprägt von grossem Kampf. Beim 7:6 (7:5), 6:7 (4:7), 6:3, 6:0 zeigten beide überdurchschnittlich viele Schwächen. In der Mitte des dritten Satzes, nach drei Stunden Spiel, wirkten beide gleich­zeitig frustriert – ein seltenes Bild. Es war aber Djokovic, der seine Emotionen besser kontrollierte. Er hat nun drei der letzten vier grossen Titel gewonnen, zusammen mit Wimbledon und den World Tour Finals 2014. Damit liegt er im ATP-Ranking nun schon 3800 Punkte vor ­Roger Federer, was dem Wert von fast zwei Grand-Slam-Titeln entspricht. Vor Melbourne waren es noch 1530 Punkte.

Der Serbe, jahrelang hinter Federer und Rafael Nadal nur die Nummer 3, steht nun schon bei acht Grand-Slam-Titeln und ist zu einer ­illustren Gruppe vorgestossen: Er ist bereits auf der Höhe von Andre Agassi, Jimmy Connors, Ivan Lendl, Fred Perry und Ken Rosewall angelangt, nur noch sieben Spieler liegen in dieser Liste vor ihm.

Langsamer Start, rasches Ende

Die Partie begann langatmig, allein die ersten zwei Sätze dauerten zweieinhalb Stunden. In einer ersten Schlüsselszene verlor Murray im ersten Tiebreak nach einer 4:2-Führung fünf von sechs Ballwechseln. Djokovic hatte sich im ersten Satz den rechten Daumen aufgeschürft. Im zweiten schien er an schlimmen Fussproblemen zu leiden – zumindest sah es so aus. Auch Murray schien irritiert, verspielte eine Breakführung und fiel selber mit einem Break zurück, konnte das Tiebreak aber 7:4 gewinnen.

Auch im 3. Durchgang schaffte Murray ein frühes Break zum 2:0 – doch dann entglitt ihm die Partie komplett. Er verlor 12 der nächsten 13 Games und den letzten Satz 0:6, genau wie zwei Tage zuvor Stan Wawrinka (der immerhin fünf Sätze erzwungen hatte). Die letzten zwei Abschnitte dauerten nur noch 67 Minuten und damit weniger lang als jeder der ersten beiden allein.

Djokovic musste sich von Murray dann den Vorwurf gefallen lassen, übertrieben zu haben, was seine körperliche Verfassung betraf. Im dritten Satz habe er gewirkt, als ob er Krämpfe gehabt hätte, sagte der Schotte. «Dadurch liess ich mich 10, 15 Minuten ablenken. Das war frustrierend. Am Ende des dritten Satzes spielte und bewegte er sich aber wieder unglaublich gut.» Er habe nicht verloren, weil er körperlich angeschlagen gewesen sei, betonte er.

Verbale Konter

Nachdem Murray sein viertes Endspiel in Melbourne verloren hat, ist er neben Björn Borg (US Open) der Einzige, der an ­einem Grand-Slam-Turnier eine 0:4-Finalbilanz aufweist. Djokovic derweil gewann auch sein fünftes Finale am Yarra-River, doch der Final dürfte ihm nicht allzu viele neue Sympathien eingebracht haben. Als er Murray an der Siegerehrung zur Verlobung gratulierte und ihm viele Kinder wünschte, nahm es dieser wie versteinert zur Kenntnis.

Der Champion kam erst um halb zwei Uhr morgens in den Interviewraum. Er wehrte kritische Fragen auch zu dieser Zeit noch so geschickt ab wie zuvor Murrays Angriffe. «Am Ende des zweiten und zu Beginn des dritten Satzes hatte ich eine Krise», sagte er; es seien aber keine Krämpfe gewesen. «Es war ein Katz-und-Maus-Spiel, wie immer.» Darauf startete er einen cleveren Konter: «Ich werde jetzt nicht vor den Medien schlecht über ihn reden und behaupten, er habe nur eine Ausrede gesucht.» Es sei sein erster Grand-Slam-Titel als ­Vater, deshalb sei er besonders stolz.

Der Final hatte im zweiten Satz für fünf Minuten unterbrochen werden müssen wegen einer Protestaktion gegen die verschärften Flüchtlingsbestimmungen Australiens, bei der zwei ­Zuschauer aufs Feld stürmten. Doch das war am Ende nur eines von vielen Intermezzi eines kalten und spielerisch ­wenig denkwürdigen Abends.

Erstellt: 01.02.2015, 20:39 Uhr

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