Ehrgeiziger Tennis-Perfektionist scheitert an sich selbst

Geheimfavorit Alexander Zverev ist in New York früh out: Was er unbedingt von Roger Federer lernen sollte.

Mit dem Kopf durch die Wand gegangen, trotzdem hat es nicht gereicht: «Sascha» Zverev scheitert bereits in der zweiten Runde der US Open. Bild: Getty Images.

Mit dem Kopf durch die Wand gegangen, trotzdem hat es nicht gereicht: «Sascha» Zverev scheitert bereits in der zweiten Runde der US Open. Bild: Getty Images.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Katastrophal. Das war für Alexander Zverev der einzig zulässige Begriff bei der Beurteilung dieser Partie. Der Deutsche wollte die US Open gewinnen. Er verlor in der zweiten Runde, 6:3, 5:7, 6:7(1), 6:7(4) gegen Borna Coric (Kroatien). «Katastrophal» ist natürlich ein viel zu extremer Begriff für eine Niederlage beim Tennis. Es ist aber interessant, dass Zverev ihn immer wieder verwendet hat an diesem Abend, weil es viel aussagt über diesen jungen Mann, der unbedingt der beste Spieler der Welt sein möchte. Es ist auch wichtig, dass sein Bruder Mischa gleichzeitig auf einem Nebenplatz seine Zweitrundenpartie mit 6:3, 6:2, 3:6, 6:7(3), 7:5 gegen Benoit Paire (Frankreich) gewonnen hat.

«Bei den Seitenwechseln konnte ich auf den Bildschirm im anderen Stadion gucken», sagte Mischa danach. «Ich habe zwar den Zwischenstand nicht gesehen, aber erkannt, dass sie immer noch spielen. Das habe ich vier Sätze lang getan und irgendwann gedacht, dass sie doch längst fertig sein müssten. Im fünften Satz habe ich mich dann lieber mal nur auf meine Partie konzentriert.» Mischa, 30, ist zehn Jahre älter als sein Bruder, er ist mit Schlagfertigkeit und Selbstironie gesegnet, beurteilt eine Tennispartie mit gemässigteren Begriffen und gibt bisweilen interessante Einblicke in die Psyche seines Bruders.

«Er sagt immer gleich katastrophal, auch wenn das natürlich nicht stimmt», sagte Mischa. «So war er aber schon immer. Als er im Alter von zehn Jahren einen Fehler beim Rückhand-Cross gemacht hat, da hat er gleich gerufen: ‹Katastrophal!› Ich habe ihm gesagt: ‹Ach komm schon, du bist zehn Jahre alt, das ist schon okay.› Seine Reaktion: ‹Nein, das ist nicht okay, wir üben das jetzt noch zehnmal, bis ich keinen Fehler mehr mache.› Er erwartet von sich selbst sehr viel. Das ist gut, weil es ihn besser werden lässt. Es kann manchmal aber auch nicht so gut sein, wenn es eng wird und nicht so gut läuft.»

Ein ehrgeiziger Perfektionist

Die Partie gegen Coric war so eine, in der es eng wurde und nicht so gut lief. Alexander regte sich fürchterlich über sich selbst auf, nach jedem Fehler sah er mit einem Das-kann-doch-jetzt-nicht-wahr-sein-Blick zu seinen Begleitern. Er betrachtete, das war deutlich zu sehen, dieses knifflige Match nicht als Herausforderung, sondern als nervige Angelegenheit. «Es ist ja nicht so, dass ich gegen Roger Federer verloren hätte. Ich habe im zweiten und dritten Satz sehr, sehr schlecht gespielt», sagte er hinterher: «Ich hätte den dritten und vierten Satz dennoch gewinnen müssen, weil ich bis zum Tie Break der bessere Spieler war.»

Das ist der entscheidende Satz dieses Abends: Alexander hätte diese Partie gewinnen müssen, so wie er bereits in Wimbledon gegen Milos Raonic hätte gewinnen müssen. Er hat jedoch verloren und bei allem Talent, allem Ehrgeiz und ersten Erfolgen bei grösseren Turnieren noch nie die zweite Woche bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht. «Natürlich habe ich die Auslosung gesehen und bemerkt, dass ich hier Grosses erreichen kann», sagte er: «Nun bin ich in der zweiten Runde ausgeschieden.»

Der Massstab für Alexander ist nicht der Typ auf der anderen Seite des Netzes, sondern immer nur er selbst. Er ist ein ehrgeiziger Perfektionist, der stets noch besser werden möchte, alles andere als Unfehlbarkeit lässt ihn verzweifeln. Der Snookerspieler Ronnie O'Sullivan hat eine Partie mal deutlich in Führung liegend verzockt, weil er seiner Meinung nach nicht perfekt genug agiert hatte. Der Fussballtrainer Pep Guardiola hat den Stürmer Thierry Henry mal nach einem Treffer ausgewechselt, weil er, um diesen Treffer zu erzielen, von der laut Guardiola perfekten Strategie abgewichen war. Zu einem gesunden Selbstbewusstsein gehört bei allem Streben nach Perfektion allerdings auch das Akzeptieren der eigenen Fehlerhaftigkeit.

Federers Körpersprache

Es lohnt, sich die Erstrunden-Partie von Federer ins Gedächtnis zu rufen. Er spielte für seine Verhältnisse nicht besonders gut, Alexander Zverev würde das wohl «katastrophal» nennen, doch Mimik und Körpersprache von Federer transportierten eher die Botschaft: «Hoppla, das läuft aber nicht besonders gut und scheint aufgrund der feinen Leistung meines Gegners ziemlich spannend und ein guter Test also für spätere Partien zu werden.» Federer gewann in fünf Sätzen - und aus aktuellem Anlass kurz die Frage: Weiss heute noch jemand, gegen wen Federer beim Wimbledon-Sieg vor wenigen Monaten in der ersten Runde gespielt und wie das Ergebnis gelautet hat? Eben, es kümmert kaum jemanden, dass Alexandr Dolgopolov damals wegen einer Verletzung aufgegeben hat.

Alexanders Mimik und Körpersprache gegen Coric dagegen vermittelten: Ist das eine Katastrophe hier! Mit jedem Fehler wurde er wütender, verkrampfter. «Weil er so viel von sich erwartet, hat er das Gefühl, dass er so einen Gegner glatt schlagen muss», sagt Bruder Mischa: «Wenn es dann nicht perfekt läuft, dann macht er sich Gedanken. Bei Federer dagegen hast du nie das Gefühl, dass er nervös würde oder gar Angst vorm Verlieren hätte. Man muss sich auch verzeihen können und eine nicht ganz so perfekte Partie als positives Erlebnis betrachten und nicht als Katastrophe.»

«Das Leben geht weiter»

Es heisst nun, dass die Erwartungen womöglich zu hoch gewesen seien. Das ist Quatsch. Diese Erwartungen sind völlig gerechtfertigt, Alexander ist einer der besten Tennisspieler der Welt. Er weiss das. Was er vielleicht noch nicht weiss: Der Sieger eines Grand-Slam-Turniers spielt nicht sieben Partien lang perfekt. Der Sieger eines Grand-Slam-Turniers gewinnt am Ende gerade einmal 55 Prozent seiner Ballwechsel. Das Scheitern im Kleinen ist beim Tennis ein wesentlicher Bestandteil des grossen Ganzen.

Wer Alexander in den vergangenen Jahren erlebt hat, der sieht, dass er langsam ein bisschen was von der wunderbaren Gelassenheit seines Bruders übernimmt. Natürlich ärgert er sich noch immer massiv über Niederlagen, er sagt aber auch: «Es ist enttäuschend, aber letztlich nur ein weiterer Schritt. Das Leben geht weiter.» Das hört sich dann schon besser an als «katastrophal». (Süddeutsche Zeitung) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2017, 12:21 Uhr

Artikel zum Thema

Zverev out – Scharapowa im Favoritenkreis

Die Russin schlägt Timea Babos und ist am US Open eine Runde weiter. Alexander Zverev aus Deutschland hingegen ist überraschend ausgeschieden. Mehr...

Deshalb gilt Zverev als zukünftige Nummer 1

Video Tennis-Nerven aus Stahl: Alexander Zverev zeigt den wohl besten abgewehrten Matchball der Saison. Seinem Ruf alle Ehre macht Gael Monfils. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

DSLR-Kamera gewinnen

Halten Sie besondere Momente mit einer Spiegelreflexkamera von Canon für immer fest.

Kommentare

Paid Post

Fünfmal selber gemacht

Ideen für Selbstgemachtes - und ein Einkaufsgutschein im Wert von 500 Franken zu gewinnen.

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...