«Ein eigenes Auto wäre cool»

Belinda Bencic stürmte in ihrer ersten Profisaison auf Rang 32. Auch sonst hat die 17-Jährige neue Herausforderungen zu meistern.

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Sie sind die Newcomerin des Jahres, ein aufstrebender Tennisstar . . .
(unterbricht) Star? Nein, das bin ich noch lange nicht.

Aber wie hat sich Ihr Leben durch die gesteigerte Aufmerksamkeit verändert? Werden Sie oft angesprochen auf der Strasse?
Nein, nein. In einem Tenniscenter kommt ab und zu ein Kind zu mir. Aber Leute, die sich nicht in der Tenniswelt bewegen, kennen mich nicht.

Und wie ist das in Asien, wo Sie viel spielten und auch Erfolg hatte?
In Asien ist es anders, speziell in Tokio. Da kamen viele Fans mit ausgedruckten Fotos zu mir, die ich unterschreiben sollte. Dort kannten mich viele, auch wegen Yonex (ihrer Schlägerfirma).

Wie viele Autogramme haben Sie dieses Jahr geschrieben?
Viele, zumal es auch Autogrammstunden gab. Aber meine Unterschrift ist noch nicht ausgereift. Ich schreibe einfach meinen Namen, schnell und in Schnüerlischrift. (lacht)

Vielleicht müssten Sie es machen wie Roger Federer, der seine Unterschrift verkürzte, um Zeit zu sparen.
Ja, vielleicht müsste ich BB schreiben und noch etwas hinten dranhängen.

Jüngst traten Sie in Kurt Aeschbachers Talkshow auf. Waren Sie nervös?
Ich war schon einmal im Sportpanorama gewesen, aber das war anders. Bei Aeschbacher gab es ziemlich viele Leute, und ich wusste nicht, was mich erwartete. Aber es war locker, eine schöne Erfahrung. Man wurde geschminkt, die Haare wurden einem gemacht. (strahlt)

Lesen Sie, was in den Zeitungen über Sie geschrieben wird?
Wenn ich etwas sehe, lese ich es. Aber ich suche nicht danach.

Was ist Ihnen dabei wichtig?
Dass alles der Wahrheit entspricht, meine Worte nicht verdreht werden. Dass ich den Leuten sympathisch bin. Dass ich fröhlich und offen herüberkomme. Ich will auf keinen Fall arrogant wirken.

Haben Sie sich schon geärgert über Dinge, die geschrieben wurden?
Ja. Als jemand mit einem falschen Twitter-Konto Dinge in meinem Namen verbreitete und das in den Medien aufgenommen wurde. Da standen Liebeserklärungen an meinen angeblichen Freund, oder dass ich einen Sieg meiner verstorbenen Grossmutter widme. Meine Grossmutter rief mich an und sagte: «Ich lebe immer noch!» Ich erklärte ihr, dass ich das nicht geschrieben habe. Auch auf Facebook gab es gefälschte Konten. Das nervt.

Sie machten 2014 über 170 Ränge gut. Dachten Sie manchmal: Wann wache ich auf aus diesem Traum?
Nein, das nicht. Ich hatte gehofft, dass ich irgendwann so gute Resultate erzielen würde. Aber natürlich ist es ein Traum, gegen die Besten zu spielen.

Wie gehen die Arrivierten mit einer Newcomerin um? Distanziert?
Das ist unterschiedlich. Wozniacki und Ivanovic waren sehr nett, sprachen immer mit mir. Es gibt solche, die noch auf Distanz gehen. Aber je besser man sich kennt, desto weniger werden es.

Ist Serena Williams auch neben dem Court so imposant?
Man sieht sie sehr wenig. Am Anfang denkst du, wenn sie vorbeiläuft: O mein Gott, Serena Williams! Aber das ist für mich jetzt normal geworden.

Was sticht für Sie sportlich heraus aus diesem Jahr?
Das US Open war das Highlight. Ich konnte mich Spiel für Spiel steigern, bis zum Match gegen Peng (im Viertelfinal). Ich fühlte mich von Anfang an gut, das gibt es nicht so oft.

Ihnen fehlten nur noch drei Siege zum Titel. Dachten Sie: Vielleicht kann ich das sogar gewinnen?
Nein, ich war ja erst im Viertelfinal. Einige Medien übertrieben etwas, als sie schon vom Titel redeten.

Sie haben nun gegen die meisten Topspielerinnen gespielt. Denken Sie: Die sind gar nicht so gut? Oder waren Sie beeindruckt von ihnen?
Vom Tempo her ist es kein grosser Unterschied. Aber bei den wichtigen Punkten treffen Topspielerinnen oft bessere Entscheidungen oder servieren besser. Und du machst einen dummen Fehler. Ich muss vor allem noch konstanter werden.

Woran arbeiten Sie momentan?
Viel im physischen Bereich, an der Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer. Ich will mich vor allem im Defensivspiel verbessern, noch schneller zu den Bällen gelangen. Und natürlich arbeite ich weiter am Aufschlag. Aber ich kann mich überall noch steigern.

In welche Richtung wollen Sie Ihr Spiel entwickeln?
Ich schlage nicht reihenweise spektakuläre Winner wie Serena Williams. Aber ich versuche schon, aggressiv zu spielen, indem ich den Ball früh nehme. Ich arbeite mehr mit dem Druck der Gegnerin und versuche zu variieren.

Was ist, abgesehen vom Tennis, der grösste Unterschied zwischen der Profi- und der Juniorentour?
Es ist alles viel professioneller. Die Spielerinnen haben alle den eigenen Coach, meistens noch einen Physiotherapeuten oder Konditionstrainer. Und sie bereiten sich professioneller vor. Bei den Juniorinnen waren wir eine grosse Familie, man kannte sich und war abends zusammen in der Lobby.

Sie haben bisher 763 789 Dollar Preisgeld eingespielt. Was bedeutet dieses Geld für Sie?
Davon kann man gleich 30 Prozent Steuern abziehen. Aber manchmal liegt eine kleine Shoppingtour drin. Ich belohne mich schon ab und zu.

Womit?
Mit Kleidern, Handtaschen, Schuhen. Die Vorliebe für Schuhe habe ich von meiner Mutter. Wir haben die gleiche Kleidergrösse, so können wir die Kleider austauschen.

Im März werden Sie 18, ein grosser Moment für Sie?
(strahlt) Ja, ich freue mich darauf. Autofahren möchte ich definitiv so schnell wie möglich. Auch wenn es schwierig wird, weil ich fast nie in der Schweiz bin. Aber es wäre cool, ein eigenes Auto zu haben und dorthin fahren zu können, wo ich will. Bisher kurvte ich erst ein wenig auf einem Parkplatz herum.

Stimmt es, wie Sie kürzlich bei einem Schulbesuch antworteten, dass Sie nur in den Ausgang gehen, wenn es Ihr Vater erlaubt?
Nein, das war ein Witz. Natürlich sprechen wir uns ab. Aber es ist nicht so, dass er mir den Ausgang verbietet. Ich meinte das als Scherz, und in einer Zeitung kam es dann so ernst daher. Aber klar gehe ich nicht aus, wenn ich am nächsten Morgen um 8 Uhr trainiere. Da spreche ich mich schon mit meinen Eltern ab.

Sie bereisten dieses Jahr die ganze Welt, waren fast immer unterwegs. Ist das nicht ermüdend?
Ich reise gern, lerne gern neue Länder kennen wie beispielsweise Australien. Dort hat es mir sehr gut gefallen. Die letzte Tournee durch Nordamerika und Asien war aber lang. Eigentlich wollten wir nach dem US Open zurück in die Schweiz und von hier nach Tokio. Aber weil ich länger dabei war als erwartet, reisten wir direkt nach Japan weiter.

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie nach Hause kommen?
Aufs Mami, meinen Bruder, die Familie. Auf mein Zimmer, aufs Essen, eigentlich auf alles. Daheim ist es am schönsten.

Bald brechen Sie wieder auf, Anfang Dezember nach Florida. Mit welchen Gefühlen?
Ich freue mich mega. Dort haben wir ideale Bedingungen für den Saisonaufbau und garantiert gutes Wetter. Im November ist es in der Schweiz ja meist neblig. Der Monat zu Hause war stressig, ich musste alle Termine mit den Sponsoren unterbringen. Das ist nicht einfach. Am liebsten stehe ich auf dem Tennisplatz. Ich trainierte zwei Tage, dann musste ich wieder einen Tag nach Genf, und so weiter. Aber das gehört dazu.

Welche sportlichen Ziele haben Sie für 2015?
Ich sage immer das Gleiche: Ich will mich nicht unter Druck setzen, setze mir kein Ranking zum Ziel, nehme Schritt für Schritt. Das kennen Sie ja schon. (lacht)

Und einen Wunsch?
Dass ich gesund bleibe und weiter Spass habe an den Turnieren. Das ist das Wichtigste.

Erstellt: 27.11.2014, 23:24 Uhr

Belinda Bencic

Die Newcomerin

Die Karriere der Belinda Bencic kannte zuletzt nur eine Richtung: nach oben. 2013 gewann sie die Juniorenturniere in Paris und Wimbledon, 2014 etablierte sie sich auf der Profitour, stürmte von Rang 212 auf 32. Das trug ihr den Titel der Newcomerin des Jahres ein. Der grosse Durchbruch gelang ihr am US Open, wo sie dank Siegen über zwei Top-10-Spielerinnen (Kerber, Jankovic) in die Viertelfinals vorstiess. Den ersten Turniersieg auf der Profitour verpasste sie zum Abschluss im chinesischen Tianjin nur knapp, total kam sie auf eine Matchbilanz von 39:19.

Nach einer Woche Ferien auf Teneriffa (ohne Racket) nahm sie das Training wieder auf. Neu arbeitet sie mit dem slowakischen Konditionstrainer Martin Nosko, Sparring­partner ist nun dessen Landsmann Filip Havaj. Trainiert wird sie weiter von Melanie Molitor und ihrem Vater Ivan. Am 2. Dezember fliegt Bencic nach Florida, um sich in der Evert- Akademie vorzubereiten. Dorthin wird sie nicht nur vom Vater, sondern auch von ihrer Mutter und Bruder Brian (14) begleitet. Dann stehen an: Sydney, Melbourne, der Fed-Cup gegen Schweden, Antwerpen, Dubai, Doha, Indian Wells, Miami, Charleston. (sg./rst.)

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