Eine Frau für alle Notfälle in Wimbledon

Kathy Martin hat ein offenes Ohr für die Spielerinnen. Sie erklärt, was sie beschäftigt – und wie sie unterstützt.

Es läuft auch im Tennis nicht immer alles nach Plan. Psychologen können bei Problemen helfen.

Es läuft auch im Tennis nicht immer alles nach Plan. Psychologen können bei Problemen helfen. Bild: Keystone

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Tennisprofis führen ein wunderbares ­Leben. Sie verdienen viel Preisgeld, ­Massen jubeln ihnen zu – und das, indem sie ihr Hobby als ihren Job betreiben. Doch es gibt auch die Schattenseiten. Zweifel, Schmerzen, körperliche und seelische, Einsamkeit, Depressionen. Der Franzose Benoît Paire sagte während Roland Garros in einem verblüffend offenen Interview mit «L’Equipe», er fühle sich auf der Tour oft alleine und stelle sich die Sinnfrage. Am Abend im Hotelzimmer jubelt einem niemand mehr zu.

Kathy Martin blickt hinter die Kulissen des Tenniszirkus. Sie ist seit 2007 auf der WTA-Tour die Ansprechpartnerin für die Spielerinnen, was deren «mentale Gesundheit» angeht – und ­vieles mehr. Was ihr Tag bringt, weiss die Australierin nie vorher. Es kann sein, dass eine Spielerin 30 Minuten vor ihrem Match zu ihr kommt, weil sie ­nervös ist oder Dinge aus ihrem privaten Umfeld nicht verarbeiten kann. «Da bitte ich sie natürlich nicht darum, ihr ganzes Leben auszubreiten. Da geht es darum, sie so in ihre Mitte zu bringen, damit sie auf den Court laufen kann.»

Die Palette an Problemen, mit denen sie konfrontiert wird, ist vielfältig. «Der ständige Druck des Wettkampfs und die vielen Reisen sind eine Herausforderung», sagt Martin. «Dazu kommt, dass diese jungen Frauen erwachsen werden im Auge der Öffentlichkeit. Da stellen sich Fragen wie: Wie gehe ich mit den sozialen Medien um? Mit den Fans?» Ein aktuelles Beispiel ist, wie Spielerinnen auf den sozialen Medien angefeindet werden von anonymer Seite.

Die Niederlage ist persönlich

Sie versuche, Hilfestellung zu ­geben, damit die Spielerinnen mit einem ganz aussergewöhnlichen Lebensstil klarkommen. Da könne es auch um ganz praktische Fragen gehen: «Wie soll man mit den Leuten in der ­Entourage kommunizieren? Oder wie schafft man es zu studieren, wenn man unterwegs ist?»

Auch mit der alltäglichen Erfahrung der Niederlage muss man umgehen können. «Anders als in einem Teamsport ist die Niederlage im Tennis persönlich. Du hast ein Team um dich herum, das dir hilft. Aber du bist auf dem Court alleine dafür verantwortlich, ob du gewinnst oder verlierst. Das ist eine spezielle Herausforderung, und man muss Methoden entwickeln, um damit umzugehen.» Wobei Martin anmerkt, dass es nur die auf den Profizirkus schaffen würden, die besonders resilient seien. Man könnte auch ­sagen: psychisch widerstandsfähig.

Was sind die grössten Fallen, in die Spielerinnen tappen? «Ihre hohen Erwartungen können problematisch sein. Wenn man etwa von den Juniorinnen zu den Profis kommt, muss man sich zuerst einmal damit abfinden, dass man nicht mehr die begabteste Spielerin im Feld ist. Das kann hart sein. Jemand, der oft gewonnen hat, verliert nun meistens.»

Überhaupt die Erwartungen, auch die der anderen. Etwas vom Wichtigsten sei, die richtigen Menschen auszuwählen, die um einen herum sind. «Es steckt viel Geld im Tennis, und gewisse Menschen sind aus den falschen Gründen mit dabei. Wir helfen den Spielerinnen auch dabei, welche Fragen sie stellen müssen, wenn sie jemanden anstellen.»

Und dann gibt es ja noch die Tenniseltern. Martin zögert kurz, auf dieses Thema angesprochen, sagt dann: ­«Eltern können ein Problem sein. Oder die grösste Unterstützung. Es ist wie sonst im Leben.» Sie unterhalte sich gerne mit Eltern, um sich ein Bild von einer Spielerin zu machen. Oder auch, um die ­Eltern zu unterstützen. «Die meisten geben ihr Bestes. Für sie ist es auch nicht einfach. Sie haben es nicht nur mit einem Teenager zu tun, sondern mit einem hochbegabten Teenager.»

Auch Beratung via Facetime

Die Tür von Martin ist immer offen. Seit einigen Monaten hat sie eine Kollegin bekommen, die klinische Psychologin Jessica Lidner, an rund 50 Prozent der Frauenturniere ist eine der beiden vor Ort. «Und sonst sind wir auch erreichbar via Facetime.» Die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, sei bei den Spielerinnen in den letzten zehn Jahren gestiegen. Natürlich werde niemand gezwungen, aber ihr Ziel sei, dass alle sie und ihr Angebot kennen würden.

Interessanterweise gibt es auf der Männertour das Pendant zu ihrem Job nicht. Weil diese mental weniger zu kämpfen hätten? Martin winkt ab und ­zitiert Statistiken, die beweisen sollen, dass es da keinen Unterschied gibt. Nur etwas sei anders bei den Männern: Sie würden es besser schaffen, zwischen dem Geschehen auf und neben dem Court zu unterscheiden. Ein Korn Wahrheit hat das Klischee also vielleicht doch: Zuerst bekämpfen sich Männer ­erbittert – und danach können sie trotzdem ein Bier miteinander trinken.

Die Australierin Kathy Martin. (Bild: sg).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2018, 08:33 Uhr

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