Eine komplizierte Liebesbeziehung

Sand war nie Federers Lieblingsbelag. Und doch freut er sich extrem darauf, erstmals seit 2015 das French Open zu bestreiten.

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«Verliebt in Roland» titelte «L’Equipe», die renommierte französische Sportzeitung, in ihrer Donnerstagsausgabe auf der Frontseite über einem formatfüllenden Bild Roger Federers. «Roland» ist die Abkürzung für «Roland Garros», wie das French Open im Volksmund heisst. Viele Franzosen verehren Federer; sie mögen seine Eleganz ebenso wie sein ästhetisches, kunstvolles Spiel. Der Grand-Slam-Rekordsieger, ein Geniessertyp, der um Eisbäder einen Bogen macht und selbst bei grösster Anstrengung entspannt wirkt, verkörpert das «Savoir vivre», das in den vielen Strassencafés hier zelebriert wird. Und auch als sich der 37-Jährige im cremefarbenen Trainingsanzug charmant und braun gebrannt den Medienschaffenden präsentiert, entspricht er diesem Idealbild.

Doch Federer und Paris – das war keine Liebe auf den ersten Blick. «Als ich ein Kind war, war es nicht mein Traum, Roland Garros zu gewinnen», sagt er im «L’Equipe»-Interview. Das hatte damit zu tun, dass seine Vorbilder, Pete Sampras, Boris Becker und Stefan Edberg, am French Open nie triumphierten. Und später sah es lange danach aus, als würde es dem Schweizer wie seinen Idolen ergehen.

Auf Sand verlor Federer auf ATP-Stufe die ersten elf Partien, und auch Roland Garros hatte für ihn vorerst vor allem bittere Enttäuschungen parat. So unterlag er 2002, nachdem er zuvor im ­Final von Hamburg Marat Safin deklassiert hatte, in Paris bei Nieselregen Hicham Arazi in drei Sätzen. Und auch im Jahr darauf scheiterte er gleich in der ersten Runde.

Nadal als Spielverderber

Auf Sand fällt Federer alles etwas weniger leicht als auf den anderen Unterlagen. «Es ist eine Spur langsamer, und es gibt Bedingungen, die du nicht kontrollieren kannst. Zudem profitiert man auf Sand weniger vom Aufschlag und muss es daher vermehrt von der Grundlinie aus richten», erklärt er selber die spezielle Herausforderung. «Die Bälle verspringen eher, du kannst sie deshalb nicht so früh nehmen, wie ich das gerne mache. Insgesamt muss ich mein Spiel stark anpassen, weiter nach hinten gehen. Plötzlich bist du immer und immer wieder in die gleichen Ballwechseln verwickelt. Das fordert meine Kreativität heraus.»

Coach Severin Lüthi beurteilt die Sache ähnlich, erwähnt die «zuweilen garstigen Bedingungen. Wenn die Bälle schwer und gross sind, kann Roger seine Stärken nicht mehr ausspielen.» Doch als Hauptgrund für die im Vergleich zu anderen Unterlagen unterdurchschnittlichen Ergebnisse nennt Lüthi Rafael Nadal. In der Tat wird gern vergessen, dass Federer jahrelang der zweitbeste Sandplatzspieler war – mit grossem Abstand. Nicht weniger als elfmal verlor er auf dem roten Mergel einen Final gegen den Mallorquiner, in Paris verhinderte Nadal viermal im Endspiel den Triumph seines Rivalen.

Top-3-Moment in der Karriere

Federer und Paris – das ist wie eine Liebesgeschichte aus einem billigen Roman. Den herzzerreissenden Rückschlägen stehen auch Höhepunkte gegenüber. 2009 tat ihm Robin Söderling den Gefallen, Rafael Nadal zu entzaubern. Jetzt oder nie, dachten damals viele, wohl auch der Schweizer selber. Jedenfalls sagt er rückblickend: «Die sieben Tage nach Rafas Niederlage fühlten sich an wie eine Ewigkeit.» Federer wackelte, gegen Tommy Haas und auch gegen Juan Martin Del Potro, doch er hielt dem Druck stand. Im Final bezwang er Söderling und sprach danach von «einem magischen Moment. Die Franzosen haben mich adoptiert.» Bis heute zählt er den Triumph in Paris zu den Top-3-Momenten in seiner Karriere.

Den wohl besten Match im Bois de Boulogne lieferte Federer 2011, als er im Halbfinal in einem 3 Stunden und 39 Minuten dauernden Duell auf höchstem Niveau Novak Djokovics Serie von 41 Siegen in Folge beendete. Nachdem er den Matchball mit einem Ass verwertet hatte, wackelte er mit dem ausgestreckten Zeigfinger, als wollte er sagen: «Seht her, ich bin auch noch da!»

Lust auf das Publikum

Da ist er auch zehn Jahre später noch. Oder besser: wieder hier. Nadals Chance, am French Open das Dutzend vollzumachen, hin, Djokovics Möglichkeit, den vierten Grand-Slam-Titel in Folge zu gewinnen, her: Nichts bewegt das Tennisuniversum mehr als die Rückkehr des Superstars. Dessen Vorfreude ist gross, zumal er sich gesund fühlt. Das Forfait in Rom war eher eine Vorsichtsmassnahme als einer ernsthaften Verletzung geschuldet.

Federer hat Lust, dem Pariser Publikum seine Tenniskunst vorzuführen. Und die Besucher haben Lust, dem Champion zu huldigen. Denn die Liebe der Franzosen zum Schweizer ist nie erloschen. Doch kann Federer nicht nur unterhalten, sondern das Turnier auch gewinnen? Er überlegt kurz und antwortet dann: «Ich weiss es nicht, das ist auch für mich ein Fragezeichen. Auf eine Art fühle ich mich ähnlich wie 2017 vor dem Australian Open. Ich spüre, dass ich gutes Tennis spiele. Aber ist das genug gegen die absolut Besten, wenn es um die Wurst geht?» Federer und Paris ist eben eine komplizierte Liebesbeziehung.


Interview mit Heinz Günthardt

In der Schweiz ist Sand der am weitesten verbreitete Belag. Weshalb ist Roger Federer ausgerechnet auf dieser Unterlage am wenigsten erfolgreich?
Ganz simpel erklärt: Federer spielt gern kurze Punkte, auf Sand kann man sich aber am besten verteidigen. Es kommen mehr Bälle zurück, also gibt es weniger kurze Ballwechsel.

Können Sie noch etwas mehr ins Detail gehen?
Die Bälle springen auf Sand höher ab, das ist nicht optimal für diejenigen, die angreifen wollen. Zudem erschwert es der unregelmässige Ballabsprung, das Timing zu finden. Es ist eine spezielle Situation: Einerseits ist es so, dass warme, trockene Bedingungen Angriffstennis begünstigen, andererseits springen die Bälle noch höher ab, wodurch die Ballkontrolle erschwert wird. Was für Federer besser ist, hängt vom Gegner ab.

Das ist für ihn eine ungewohnte Situation.
Das stimmt, aber ich würde nicht von einer Schwäche sprechen. Federers Niveau auf den schnellen Belägen ist astronomisch hoch, auf Sand halt nur sehr hoch. Das ist ganz normal. Man könnte bei Nadal auch fragen, weshalb er in der Halle, an sich selber gemessen, schwach ist.

2010 verlor Federer in Paris, als die Bälle sehr feucht und schwer waren, gegen Robin Söderling. Fehlt ihm bei garstigen Bedingungen im Vergleich zu anderen Spitzenspielern etwas die Power? Immerhin gibt es viele, die deutlich härter aufschlagen.
Keine Sorge, mit der Vorhand hat Federer mehr als genug Power. Aber damals war die Konstellation ungünstig, weil Söderling mit seiner Wucht und seinen geraden Schlägen unglaublich viel Druck entwickeln konnte. Ihn störte die Feuchtigkeit gar nicht.

Kann die Physis für den 37-jährigen Federer zum Problem werden?
Die Frage ist: Wie fit ist er wirklich? Kann er in Paris zwei-, dreimal vier oder fünf harte Sätze durchstehen? Vor zwei Jahren gewann Federer am Australian Open drei Fünfsätzer. Aber jünger ist er seither nicht geworden, zudem sind die Ballwechsel auf Sand länger und intensiver.

Gehört er trotz allem zum Favoritenkreis?
Das hängt davon ab, wie gross man diesen Kreis zieht. Als Titelanwärter sehe ich Nadal, Djokovic und leicht dahinter Thiem. Federer gehört für mich wie Zverev, Tsitsipas und einige andere zu den Herausforderern. Damit am Ende der Titel herausschaut, muss einiges zusammenpassen. Aber unmöglich ist das nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.05.2019, 12:14 Uhr

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