«Er ist unheimlich hungrig»

Novak Djokovics Trainer Marian Vajda über den heutigen Gegner von Roger Federer. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet live ab 9.30 Uhr MEZ vom Halbfinal des Australian Open.

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Marian Vajda, obschon Novak Djokovic kaum eine Winterpause hatte, wirkt er in Melbourne frisch. Überrascht das auch Sie?
Irgendwie schon, ja. Zwei Wochen Pause sind eigentlich zu wenig. Aber durch den Davis-Cup-Sieg hat er viel Motivation getankt. Er hat seine gute Form ins neue Jahr mitgenommen, im Prinzip einfach weitergespielt. Ich war überrascht, mit welcher Energie und Freude er kam, als wir am 22. Dezember wieder mit der Vorbereitung anfingen. Das machte es einfach für mich.

Seit der zweiten Saisonhälfte 2010 scheint er wie verwandelt. Was ist passiert?
Anfang des vergangenen Jahres spielte er in der Tat nicht gut, und wir hatten auch eine Kombination mit zwei Coaches, mit Todd Martin, die nicht funktionierte. Seit Wimbledon hat Djokovic sein Spiel auf ein höheres Niveau gebracht. Leider verlor er da im Halbfinal gegen Tomas Berdych, jenen Match hätte er gewinnen sollen. Aber danach hat er gut weitergespielt, vor allem im Davis-Cup und natürlich am US Open. Wichtig war, dass wir es schafften, seinen Aufschlag zu verbessern.

Wie?
Es ging um den Fluss in der Bewegung. Kleine Dinge können einen grossen Unterschied machen. Vorher konnte er die Kraft nicht recht umsetzen, jetzt ist seine Bewegung flüssiger, er stoppt nicht mehr, stretcht seinen Arm auch nicht zu sehr. Er bringt nun rund 70 Prozent der ersten Aufschläge ins Feld und schlägt zehn bis zwölf Asse pro Match. Das ist eine enorme Verbesserung.

Was hat ihm der Sieg am US Open gegen Roger Federer gebracht?
Natürlich hat das sein Selbstvertrauen gestärkt. Sie hatten schon immer grosse, spannende Duelle. Dass er Federer nun in einem so wichtigen Spiel schlug, zeigte, dass er mental bereit ist für die Besten.

Djokovic scheint sich immer besser zu bewegen, was ist das Rezept dafür?
Nicht nur er als Person, auch sein Körper ist reifer geworden. Mit 18, 19 konnte er kaum Muskeln zulegen. Und er konnte es nicht so lange auf dem Platz aushalten. Wir haben intensiv an der Ausdauer gearbeitet. Er ist von Natur aus ein Sprinter, kein Marathonläufer. Er war immer schon schnell, aber man muss auch schnell sein können über mehrere Stunden.

Würde er einen fitten Rafael Nadal in einem 100-Meter-Lauf schlagen?
Gute Frage. Diesen Lauf würde ich gerne sehen. Als ich Djokovic jüngst fragte, wie viel Zeit er für 100 Meter brauchen würde, sagte er: weniger als zwölf Sekunden. Das ist ausgezeichnet für einen Tennisspieler. Als mein Landsmann Miloslav Mecir einmal gefragt wurde, wie schnell er über 100 Meter sei, gab er zurück: 100 Meter? Keine Ahnung. So weit bin ich noch nie gelaufen. (lacht)

Ist das Australian Open das Major-Turnier, das Djokovic am besten liegt?
Ich glaube schon, ja. Ihm gefällt die Atmosphäre hier. Wenn man an einem Ort gewonnen hat wie er hier 2008, kommen immer schöne Erinnerungen auf, wenn man zurückkehrt. Djokovic spielt hier immer gut.

Djokovic sagte einmal, er fühle sich wie der Kojote im Trickfilm, der immer dem Road Runner hinterherläuft. Hat er Federer und Nadal bald eingeholt?
Ich glaube, inzwischen spielt er auf Augenhöhe mit Federer und Nadal. Er ist jetzt in einem idealen Alter und unheimlich hungrig. Ich bewundere die aktuelle Generation der Topspieler. Immer muss man fokussiert sein. Wenn man im Viertelfinal ausscheidet, fühlt sich das als kapitale Niederlage an. So, als ob man in der ersten Runde verloren hätte. Der Druck ist enorm. Es ist nicht wie im Mannschaftssport, wo man sich auch einmal verstecken kann.

Sie coachen Djokovic nun seit viereinhalb Jahren. Wie eng ist Ihre Beziehung?
Ich bin immer an seiner Seite, weiss, was ihn beschäftigt. Für ihn ist es sehr wichtig, dass es im Privaten stimmt. Denn das strahlt stets aufs Tennis aus. Wenn man schon als Teenager so erfolgreich ist, bricht unheimlich viel über einen herein. Nicht viele können das in einem jungen Alter so gut bewältigen. Es ist kein einfaches Leben. Manchmal würde man gerne ausbrechen, öfter mit den Freunden zusammen sein, der Freundin. Man braucht einen starken Charakter.

Wie hat sich Djokovic verändert? Mit seinen Imitationen verärgerte er einige, nun scheint er sich etwas mehr zurückzunehmen.
Es war nicht so, dass er das mit den Imitationen geplant hätte. Es war seine Weise, sich zu entspannen, sich auszudrücken. Er genoss einfach sein Leben und musste dann erfahren, dass er nun im Fokus der Öffentlichkeit steht, stets beobachtet wird. Vielleicht war es für einige zu viel. Er hat daraus gelernt, sich ein bisschen zurückgenommen. Aber ich fordere nicht von ihm, dass er seine Emotionen unterdrückt. Es war ein natürlicher Prozess. Er ist reifer geworden und sich seiner Verantwortung bewusst. Ich finde, Djokovic hat der Tour mit seiner erfrischenden Art gutgetan. Und er hat kein Problem, zu akzeptieren, wenn der andere besser gespielt hat.

Gegen wen spielt er lieber? Gegen Nadal oder Federer?
Schwer zu sagen. Wenn ich mich entscheiden muss, würde ich Nadal wählen. Er hat gegen ihn die bessere Bilanz. Und Nadals Stil behagt ihm besser. Gegen ihn kann er in den Ballwechseln besser mithalten, schneller spielen, mehr Winner schlagen. Federer spielt stets sehr aggressiv, er kann Djokovic besser unter Druck setzen.

Was ist der Schlüssel in diesem Halbfinal?
Wer es schafft, sein Spiel dem anderen aufzuzwingen, wer schnellere Entscheidungen trifft, wird gewinnen.

Erstellt: 27.01.2011, 07:47 Uhr

«Er war schon immer schnell. Aber man muss auch schnell sein über mehrere Stunden.» (Bild: Keystone )

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